Fragwürdige Methoden im Umgang mit Patienten, nicht zugelassene Impfsubstanzen, geschönte Testresultate: Selten hat eine medizinische Studie in der Schweiz derart viel Staub aufgewirbelt wie eine Impfreihe gegen Hautkrebs, durchgeführt von Forschern der Dermatologischen Klinik des Unispitals Zürich.

Der Skandal flog im Mai aufgrund eines anonymen Hinweises auf. Kritische Ärzte hatten Monate zuvor bei der Klinikleitung protestiert. Bei dieser Studie, so der Vorwurf, seien wissenschaftliche und ethische Regeln auf gravierende Art verletzt worden. Gestützt auf einen externen Expertenbericht, zog die Unileitung die Notbremse und sistierte das Experiment.

Die Forschergruppe verlangte von den Krebspatienten nicht nur eine Entschädigung von bis zu 20000 Franken für die Teilnahme am Versuch, sondern verwendete auch Substanzen, die für den Gebrauch am Menschen nicht zugelassen waren. Zudem wurden die positiven Resultate des Pilotprojekts vorschnell publiziert – was falsche Hoffnungen weckte.

Zu Stillschweigen verpflichtet
Eine von der Unileitung eingesetzte Expertengruppe, der gemäss Beobachter-Recherchen der international renommierte Prionenforscher Adriano Aguzzi angehört, hat inzwischen einen Bericht erstellt. «Er ist vernichtend», sagt einer der wenigen Insider, die das Papier gesehen haben. Die Öffentlichkeit hingegen soll nicht erfahren, in welchem Ausmass der Versuch die «wissenschaftlichen und ethischen Standards» verletzt hat: Wer am Bericht beteiligt war, wurde zu Stillschweigen verpflichtet.

Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat eine Inspektion durchgeführt. Die Zürcher Forscher hatten bis Ende Oktober Zeit, zum Untersuchungsbericht Stellung zu nehmen. Theodor Weber, Leiter der Sektion Transplantation und Forschung am Menschen beim BAG, will sich inhaltlich nicht äussern, weil es sich um ein laufendes Verfahren handle. Bis Ende November will das BAG «den Inspektionsbericht ausgewertet haben und, falls angezeigt, eine Verfügung erlassen und damit die Konsequenzen der Untersuchung ziehen». Der «Inhalt des Inspektionsberichts wie auch einer allfälligen Verfügung» unterläge allerdings dem «Amtsgeheimnis» und würde nicht veröffentlicht, so Weber.

Eine skandalöse Informationspolitik, empören sich Kritiker. «Wenn sich eine medizinische Studie, an der über 100 Patienten teilnahmen, über sämtliche Regeln der klinischen Forschung hinwegsetzt, dann hat die Öffentlichkeit Anspruch auf umfassende Information», sagt ein Insider, der aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen anonym bleiben möchte.

Unter den rund 20 Mitarbeitenden der Dermatologischen Klinik wächst die Angst, dass die umstrittene Studie dem international hervorragenden Ruf der Klinik schaden könnte. Der Informationsbedarf ist gross. Nach wie vor schweigen sich die Verantwortlichen der Impfstudie nicht nur über die Erfolgsquote der Behandlung aus, sondern auch über die Zahl der verstorbenen Probanden. «Man wird den Eindruck nicht los, hier sollten Dinge vertuscht werden», kommentierte letzte Woche der «Tages-Anzeiger»: «Kein Ruhmesblatt für die Zürcher Universitätsklinik.»

Die Öffentlichkeit werde erst «über alle wichtigen Punkte informiert», wenn die Untersuchung abgeschlossen sei, kontert Klinikdirektor Günter Burg kritische Fragen. Und Projektleiter Frank O. Nestle betont, die Beantwortung von Sachfragen sei «zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschliessend möglich». Auch die Zürcher Gesundheitsdirektion will erst nach Abschluss des Verfahrens über eine «allfällige Information» entscheiden.

Methode von Anfang an kritisiert
Tatsache ist: Über den Bericht der Expertengruppe Aguzzi hätten die Uni-Instanzen längst in eigener Kompetenz informieren können. «Dann hätte man auch eine wissenschaftliche Diskussion führen können», sagt ein Kritiker. Offenbar wolle man schlechte Nachrichten zurückhalten, während man gute gern verbreite – etwa, dass beim Impfversuch nie das Risiko einer BSE-Übertragung bestanden habe.

Die Zürcher Melanomstudie basierte auf einer Immuntherapie, mit der bereits seit den siebziger Jahren experimentiert wird. Neu war die Verwendung von so genannten dendritischen Zellen, die sozusagen «dressiert» werden, um die Verbreitung des Melanoms zu verhindern. Schon früh kam Kritik an der Methode auf.

Im Gegensatz zu ausländischen Versuchen seien die für die Zürcher Studie benötigten Zellen in Kälberserum gezüchtet worden, sagt ein Kritiker. Diese Substanz birgt gewisse Infektionsrisiken, weshalb sie beispielsweise vom Erlanger Professor Gerold Schuler, einem der renommiertesten Forscher auf diesem Gebiet, nicht verwendet wird. «Man machte das, weil man in der Forschung am schnellsten sein wollte», behauptet ein Insider.

Die Rechnung ging auf: Die Zürcher wandten die Immuntherapie als weltweit erste Wissenschaftler im grossen Massstab an. Das Vorpreschen brachte Projektleiter Frank O. Nestle mehrere internationale Preise ein. Auch die offensive Verbreitung der vermeintlichen Erfolge zeitigte den gewünschten Effekt: Nestles Publikationen zur Studie wurden über 1000-mal in Fachzeitschriften und Büchern erwähnt. Es soll sich um die meistzitierte Studie der Universität Zürich handeln.

Anfang 2000 behauptete Projektleiter Nestle gegenüber der Fachzeitschrift «Scientist»: «Wir können nicht nur eine immunisierende Wirkung und die Rück-bildung des Tumors bewirken, ohne dass gravierende Nebenwirkungen auftreten, sondern wir können auch eine langfristige Anti-Tumor-Wirkung auslösen.» Die Ansprechrate der Patienten, also die Wirkung, wurde mit 26 Prozent angegeben. Ein «geschöntes Ergebnis», ist ein Insider überzeugt: Die Wirkung sei «vermutlich zehnmal niedriger gewesen, was etwa derjenigen von konventionellen und bekannten Therapien entsprochen hätte».

Personelle Konsequenzen zweifelhaft
An der Dermatologischen Klinik des Unispitals wartet man gespannt auf die Auswertungen des BAG. Ob eine mögliche Intervention von oberster Stelle personelle Konsequenzen haben wird, ist allerdings mehr als fraglich. Denn gegen eine allfällige Verfügung des BAG kann die Klinikleitung Rekurs einlegen und im äussersten Fall eine ganze Reihe von Gerichtsinstanzen anrufen.
Klinikintern wird befürchtet, dass das Problem so lange ausgesessen werde, bis Leiter Günter Burg in zwei Jahren in Pension gehe.

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