Normale Hallenbäder sind zu kalt

Die HPS Heerbrugg sucht indes nicht den juristischen Konflikt, sondern Entspannung für Kinder mit Mehrfachbehinderung. Weil die Betroffenen weniger agil sind, kühlen sie im Wasser rasch aus. Das Wasser in normalen Hallenbädern ist für diese Kinder daher schnell zu kalt. Das wärmere Wasser in Heilbädern hingegen unterstützt die Therapie in idealer Weise.

Die ausgesperrten Kinder der HPS Heerbrugg fallen auch nicht durch lautes Schreien auf, wie die Leitung des Heilbads moniert. «Sie sind stark eingeschränkt und eher zu ruhig als zu laut – die effektive ‹Störung› ist gering», so Schulleiter Bösch. Ihn irritiert die unterschiedliche Wahrnehmung: Wenn betagte Heilbadbesucher ihre Hörgeräte ablegten, werde die lautere Unterhaltung selbstverständlich akzeptiert. Zudem werde ja jedes Kind im Wasser von einer eigenen Begleitperson betreut. Von Beeinträchtigung der anderen Badegäste könne keine Rede sein.

Mittlerweile gibt es allerdings auch Erfreulicheres zu berichten: Die Gruppe der Mehrfachbehinderten ist nun in einem privaten Bad in der Region untergekommen. Und das erst noch zu einem Freundschaftspreis, der deutlich unter den Tarifen öffentlicher Bäder liegt. Es geht also auch anders.

Diskriminiert geistig und körperlich behinderte Menschen: Heilbad Unterrechstein in Heiden AR

Quelle: PD (Pressedienst)
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Der Brief an die Heilpädagogische Schule (HPS) in Heerbrugg SG ist ­dicke Post: Personen mit körper­licher oder geistiger Behinderung stiessen bei anderen Badegästen «auf wenig Akzeptanz». Selbst bei «einzelnen Besuchern mit Behinderung fühlen sich unsere Gäste oft gestört, wenn die behinderte Person Lärm verursacht oder anderswie den Badeaufenthalt beeinträchtigt», schreibt Heinrich Eggenberger, Geschäftsleiter und Verwaltungsratspräsident des Heilbads Unterrechstein im appenzellischen Heiden.

Über den Hintergrund dieser Abqualifizierung macht er keinen Hehl: «Aufgrund der wirtschaftlichen Ausrichtung unseres Betriebs können wir es uns schlichtweg nicht leisten, wenn wir andere Gäste verlieren.» So begründet Eggenberger, warum einer Gruppe von fünf mehrfach behinderten Kindern der HPS Heerbrugg und ihren Begleitern kürzlich der Zutritt ins Heilbad verwehrt wurde. Man sei nur bereit, mit den betroffenen Schulen und Heimen «über spezielle Öffnungsregelungen zu sprechen». Das aber nur in Randzeiten, aus­serhalb der offiziellen Öffnungszeiten.

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«Das Gegenteil von Integration»

Diese offene Diskriminierung schockiert HPS-Leiter Urs Bösch: «Wenn Behinderte aus der Alltagswelt ausgesperrt werden, sind wir als Gesellschaft auf dem Holzweg. Eine Selektion darf nicht sein.» Es ist bereits der zweite Tiefschlag innert kurzer Zeit: Im Mineralbad St. Margrethen erhielt er für seine Schüler ebenfalls eine Absage. Weil die Mehrfachbehinderten Windeln tragen, bestehe die Gefahr der Wasserverunreinigung, lautete dort die Begründung. «Eine reine Schutzbehauptung», ärgert sich Bösch. «Sie wollen den störenden Anblick von Behinderten nicht.»

Wie beurteilt die Behindertenorgani­sation Procap solche Verweigerungshaltungen? «Das ist absurd und das Gegenteil von Integration», erklärt Sprecher Bruno Schmucki. Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung in Alltag oder Freizeit seien wichtig, denn sie förderten die Sensibilisierung und würden helfen, «die Barrieren im Kopf abzubauen». Schmucki verweist zudem auf Artikel 6 des Behindertengleichstellungsgesetzes. Dort heisst es: Private, die Dienstleistungen ­öffentlich anbieten, dürfen Behinderte nicht aufgrund ihrer Behinderung diskriminieren. «Die Badbetreiber handeln also klar widerrechtlich», so der Procap-Sprecher. Dabei genüge es auch nicht, wenn sich die Trägerschaft des Heilbads Unter­rechstein mit dem Hinweis auf die «private Aktien­gesellschaft, die keinerlei öffent­li­chen Verpflichtungen untersteht», aus der Verantwortung stehlen will. Diskriminierte könnten klagen und eine Entschädigung beantragen.

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