«Für uns ist dieses Vorhaben schlicht unverständlich», sagt Dani Duttweiler und blickt konsterniert an die Wand mit den historischen Kupferstichen. Das Vorstandsmitglied des «Rittersaalvereins» spricht von der ungewissen Zukunft des Schlosses Burgdorf, das der Kanton Bern loswerden will. Kühl ist die Luft in der alten Landschreiberei hoch oben im Schloss, Duttweiler breitet Statistiken, Konzepte und Medienmitteilungen auf dem Tisch aus. Es geht ums Ganze: Die kantonale Baudirektion bereitet derzeit eine Offerte vor, zu welchem Preis die Schlossanlage verkauft wird - die Standortgemeinde hat ein Vorkaufsrecht.

Sollte die Stadt innert Jahresfrist keine Lösung finden, könnte das Burgdorfer Wahrzeichen womöglich in private Hände fallen. «Seit über 620 Jahren gehört das Schloss den Bernern», sagt Duttweiler und schluckt leer. Dass nun plötzlich Geld eine grössere Rolle spielen solle als die eigene Identität, sei verantwortungslos. «Aus kurzfristigen Sparüberlegungen heraus darf man ein solches Bauwerk nicht aufgeben.»

Duttweiler, der bei der Bundesverwaltung arbeitet, widmet grosse Teile seiner Freizeit historischen Gebäuden und Gebräuchen; er kümmert sich nicht nur um das Schlossmuseum, sondern steigt als Mitglied des «Zähringervolks» auch ab und zu für Mittelalter-Events ins Kettenhemd. Schloss Burgdorf liegt ihm am Herzen: Das «Objekt von nationaler Bedeutung» aus dem 12. Jahrhundert ist ein wichtiger Zähringerbau und beherbergt neben einem Gefängnis und der Bezirksverwaltung drei Museen: das Schloss-, das Völkerkunde- und das Goldmuseum. Sie verzeichnen 13'000 Eintritte und 90 Führungen pro Jahr.

07-08-Heimatschutz01.jpg

Das Schloss Burgdorf soll öffentlich zugänglich bleiben.

Der Verkauf soll 50 Millionen bringen
Die drei Museen lancierten kürzlich eine Petition und brachten innerhalb von sechs Wochen 2700 Unterschriften gegen den Verkauf zusammen. Um die Petition wirkungsvoll zu deponieren, marschierten Duttweiler und seine Gehilfen zu Pferd und in mittelalterlicher Montur bei der Berner Regierung auf. Es folgten Vorstösse im Grossen Rat, Berichte in den Medien - und weil neben Burgdorf weitere Schlösser vor dem Verkauf stehen, gründeten die betroffenen Gemeinden die «IG Kantonsschlösser», um den Kanton von seinen Verkaufsplänen abzubringen.

Diese sind ambitiös: Aufgrund der Reform der dezentralen kantonalen Verwaltung und Justiz, die vom Stimmvolk im Herbst 2006 angenommen wurde, will der Kanton 17 Schlösser, Amts- und Wohnhäuser verkaufen. Darunter sind - neben Burgdorf - historische Liegenschaften von Aarwangen, Blankenburg, Belp über Büren an der Aare, Laupen, Schlosswil bis Schwarzenburg, Trachselwald, Wimmis. Diese Bauwerke werden derzeit noch teilweise als Gericht, Amtsgebäude oder Gefängnis gebraucht. Dies ist nach der Reform nicht mehr möglich.

50 Millionen Franken sollen durch den Verkauf der Objekte in die Staatskasse fliessen, zudem können jährliche Unterhaltskosten in Millionenhöhe eingespart werden. «Diese historischen Gebäude eignen sich leider nicht mehr für einen modernen und effizienten Verwaltungsbetrieb oder befinden sich nicht am richtigen Standort», sagt Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer, Vorsteherin der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion. Zuerst sollen die Standortgemeinden die Chance erhalten, «ihre» Schlösser zu kaufen; falls diese Lösung nicht möglich ist, wolle der Kanton «die Lage neu beurteilen».

Für den Stadtpräsidenten von Burgdorf, Franz Haldimann, ist diese Argumentation zu vage. Der Politiker, der für die SVP im Grossen Rat sitzt, hat letztes Jahr eine dringliche Motion eingereicht und weibelt seither für den Verbleib seines Schlosses unter den Fittichen des Kantons. «Ein Schloss von nationaler Bedeutung gehört dem Volk und muss für alle zugänglich sein - da kommt nur der Kanton als Eigentümer in Frage», meint Haldimann im prächtigen Sitzungssaal des schmucken Rathauses. Zwar habe das Berner Stimmvolk an der Urne Ja gesagt zur Verwaltungsreform, doch damit habe es keineswegs dem Verkauf der historischen Bauten zugestimmt. «Alles andere ist eine faule Ausrede», enerviert sich Haldimann und doppelt nach: «Wenn uns der Kanton das Schloss schenkt und noch drei bis vier Millionen Franken dazu, dann wären wir vielleicht einverstanden. Sonst aber ist die Sache für eine Stadt mit 15'0000 Einwohnern finanziell nicht tragbar.» Denn einerseits steht das Schloss auf brüchigem Fels, der regelmässig stabilisiert werden muss. Anderseits gehen der Umbau und der Unterhalt der Anlage ins Geld. Nun tüftelt Burgdorf an einem Konzept, wie sich die Anlage künftig nutzen lässt - und hofft gleichzeitig darauf, der Kanton habe ein Einsehen und behalte das Objekt in seinem Besitz.

Mit diesem Wunsch ist Burgdorf nicht allein. Wer sich in den betroffenen Gemeinden umhört, stösst überall auf Unverständnis gegenüber dem kantonalen Ausverkauf - und auf leise Hoffnung, das Blatt doch noch wenden zu können. So macht man sich auch in Trachselwald grosse Sorgen, wer dereinst neuer Schlossherr sein wird. Auf einem Hügel am Rande der 1050-Einwohner-Gemeinde im Emmental erhebt sich das stattliche Schloss aus dem 13. Jahrhundert. Bekannt ist es unter anderem wegen des Kerkers des Bauernkönigs Niklaus Leuenberger, der im Bauernkrieg von 1653 im Turm eingesperrt wurde. Das Schloss dient seit 600 Jahren der Bezirksverwaltung und gilt als «Objekt von nationaler Bedeutung».

Anzeige

«Wie die Jungfrau zum Kind»
Gemeindepräsident Christian Kopp führt durch die Anlage, steigt auf den Turm, wo der Wind durch die Luken pfeift, klopft bei der Verwaltung an und präsentiert die Büros. «Wir kommen zu diesem Schloss wie die Jungfrau zum Kind», analysiert er die Situation. Denn: Obwohl der Bau auf Gemeindegebiet steht, habe man sich bisher nie darum kümmern müssen. Der Kanton habe regelmässig investiert, das Ganze sei gut in Schuss. «Am besten würde man die Räume weiterhin als Büros nutzen, ergänzt durch kulturelle Anlässe», sagt Kopp. Ein Gesuch, das Zivilstandsamt für die Region ins Schloss zu bringen, sei jedoch gescheitert; der Kanton habe davon nichts wissen wollen.

Für Kopp ist klar: «Wir selber können das Schloss sowieso nicht kaufen.» Der Gemeinde fehlt das nötige Kleingeld. Die Sanierung des Objekts veranschlagt Kopp mit mindestens 1,5 Millionen Franken, den Unterhalt bei Sommerbetrieb mit 45'000 Franken; für ein Dorf mit rund einer Million Franken Steuereinkommen ein grosser Brocken. Gross sind auch die Dimensionen des Gebäudes: Es zählt mehr als 40 Zimmer, die beheizbare Fläche beläuft sich auf über 800 Quadratmeter. Um kostendeckend zu wirtschaften, müsste die Gemeinde jährlich einen Ertrag von 75'000 Franken herausholen. Doch welche Nutzung sollte so viel Geld einbringen? Die Ideen der Emmentaler reichen von Museen über Hochzeitsevents bis zum Schlosshotel - doch letztlich dürfte alles an der Finanzierung scheitern. «Sogar wenn uns der Kanton das Gebäude schenkt, könnten wir es nicht betreiben», sagt Gemeindepräsident Kopp bitter. Und fügt an: «Bereits hat sich eine Privatperson bei uns gemeldet, die das Schloss haben will.»

07-08-Heimatschutz02.jpg

Anzeige

Die 1000-Seelen-Gemeinde könnte das Schloss niemals finanziell unterhalten: Trachselwald im Emmental


Fachleute sind skeptisch

Obwohl Verkäufe historischer Baudenkmäler häufig sind (siehe Box «Private Schlösser und Burgen: Betreten verboten», ganz unten), reagieren Fachleute skeptisch darauf. Man müsse verhindern, dass wichtige Geschichtsdenkmäler in private Hände fallen, meint der Denkmalpfleger des Kantons Bern, Jürg Schweizer. «Wer kann schon garantieren, dass ein privater Besitzer seine Errungenschaft auch in 100 Jahren noch instand hält?» Lasse man ein Schloss verlottern, falle das Problem früher oder später doch wieder an den Staat zurück. Weil die Schlossbauten zudem eigentliche Wahrzeichen seien, müssten sie öffentlich zugänglich bleiben. Schweizer möchte, dass sich der Kanton um Alternativen bemüht: «Die öffentliche Hand kann zum Beispiel Stiftungen gründen, an denen sie sich beteiligt; das wäre besser als eine Privatisierung.»

Wie es mit «ihrem» Schloss weitergeht, fragen sich auch Doris Reber, Vizepräsidentin, und Hanspeter Althaus, Präsident der Gemeinde Schlosswil. Das Dörfchen im Kiesental, das sein Wahrzeichen im Namen trägt, beherbergt ein markantes Anwesen aus dem 16. Jahrhundert mit Park, Weiher und Baumallee. Heute logiert die Verwaltung des Bezirks Konolfingen in den historischen Mauern, doch sollen Gericht, Grundbuch- und Zivilstandsamt in wenigen Jahren zentral geführt werden. Was dann mit der Liegenschaft passiert, ist ungewiss. Nur eines weiss Reber heute schon: «Die Gemeinde kann es nicht kaufen, das würde unseren finanziellen Rahmen sprengen.» Vielleicht könnte man eine Privatschule anlocken, vielleicht ein Anwaltsbüro, das einen repräsentativen Sitz suche. Gerüchteweise hiess es auch schon, das Rotlichtmilieu oder russische Investoren interessierten sich fürs Schloss.

Was Reber am meisten am Herzen liegt, ist aber der freie Zugang zum Park, wo an Wochenenden die Ausflügler in Scharen flanieren: «Die Bevölkerung hat in einer Umfrage deutlich geäussert, dass die Schlossanlage öffentlich bleiben muss.» Was wiederum die Verkaufschancen gegenüber Privatpersonen schmälert: «Wenn ein Michael Schumacher das Schloss kauft, will er sicher nicht, dass ständig Passanten durch seinen Garten trampeln», sagt Reber.

07-08-Heimatschutz03.jpg

Anzeige

Selbst das Rotlichtmilieu und russische Investoren sollen sich schon dafür interessieren: Schloss Schlosswil


«Bereit, gute Lösungen mitzutragen»

Solche Argumente leuchten allmählich auch der Berner Regierung ein. Baudirektorin Barbara Egger-Jenzer sagt gegenüber dem Beobachter: «Der Regierungsrat ist bereit, mit den Standortgemeinden gute Lösungen zu finden und mitzutragen. Der Kanton wird sich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen.» So sei der Verkauf von Burgdorf und Trachselwald an Private derzeit kein Thema. Der Burgdorfer Museumsaktivist Dani Duttweiler hält dennoch sein Kettenhemd für weitere Einsätze bereit; als Mitglied des «Rittersaalvereins» ist er sich Opposition gegen die Oberen gewohnt. Denn bereits vor über 120 Jahren protestierten die Gründer des Schlossmuseums gegen den Kanton Bern: Als die Regierung 1886 im Burgdorfer Schloss den Gefängnistrakt ausbauen wollte, legten sich die Burgdorfer quer. Mit Erfolg; das Gefängnis blieb, wo es war.

Anzeige

Private Schlösser und Burgen: Betreten verboten

In der Schweiz bestehen heute noch rund 330 gut erhaltene Burgen, Wohntürme und Schlösser; mehr als ein Drittel davon, rund 130, befindet sich in Privatbesitz. Oft logieren klingende Namen an den Top-Adressen: Das Schloss Mammertshofen TG gehört der Familie von Planta, das Schloss Brunegg AG den von Salis, das Schloss Worb BE den von Graffenrieds, das Schloss Weinfelden TG den von Fincks. Der abtretende Zürcher Flughafendirektor Josef Felder bewohnt das Schloss Oetlishausen TG, der Unternehmer Christian Baha lebt im Sonnenberg in Stettfurt TG. Ex-Bundesrat Christoph Blocher nutzt das Schloss Rhäzüns als Zweitwohnsitz. Es ist im Besitz der Ems-Chemie, die ihrem ehemaligen Patron Wohnrecht gewährt.