«Hampi hatte wie am Vortag nass.» – «Hampi hat wieder nichts als Seich im Kopf.» – «Hampi hat auf den Boden gepinkelt.» – «Hampi ist das reinste Auslaufmodell.»

Der Unterton dieser Bemerkungen lässt wenig Respekt erkennen: Es handelt sich um Journaleinträge, die ein Behindertenbetreuer in einem Thurgauer Heim festhält. Hanspeter, 40, ist geistig behindert. Eines Tages zieht er sich in der Badewanne massive Verbrühungen zu: Es folgen sechs Wochen Spitalaufenthalt. Das Heim bestreitet jegliche Verantwortung. Eine leitende Person der Abteilung war zum Zeitpunkt des folgenschweren Vorfalls jedoch nicht zugegen.

Ein Heim hat alle Merkmale einer geschlossenen Gesellschaft. Die komplexen Abhängigkeitsverhältnisse setzen viel Fachwissen und ein hohes Verantwortungsgefühl voraus. Bietet die behördliche Aufsicht dafür Gewähr? Die Institutionen im Kanton Thurgau gerieten in letzter Zeit wiederholt in die Schlagzeilen:

  • In Amriswil wurde ein Heim geschlossen – wegen Verdachts auf Gewaltausübung eines Leiters (November 2004).
  • In Lengwil-Oberhofen tötete im «Ekkharthof» eine junge Frau ihre Mitbewohnerin (Februar 2005).
  • In Salmsach am Bodensee fesselte ein Pflegevater seine Zöglinge regelmässig mit Handschellen (2004).
  • Jüngster Tiefpunkt: Im Mai 2005 erstach ein 14-jähriger Knabe im Heim Lindeneck in Güttingen eine Mitbewohnerin.


Für Bruno Peterli, den Gemeindeammann von Güttingen, ist diese Häufung kein Zufall. Die Erfahrungen mit der kantonalen Aufsichtsbehörde sind für ihn «hochgradig frustrierend». «Mehrmals» hatte der Gemeindeammann die kantonale Aufsichtsbehörde schriftlich darauf aufmerksam gemacht, dass die Kinder im «Lindeneck» die meiste Zeit allein seien. «Der Kanton wollte dies nicht zur Kenntnis nehmen. Es hiess, die Kontrollbesuche hätten zu keinerlei Beanstandung Anlass gegeben», sagt der Gemeindeammann. «Wir reagierten auf Peterlis Schreiben in angemessener Weise», verteidigt sich Claudius Graf-Schelling, Vorsteher des Departements für Justiz und Sicherheit.

Nun soll eine parlamentarische Untersuchung die Rolle der verantwortlichen Behörden durchleuchten. SVP-Kantonsrat Andrea Vonlanthen ist hingegen nicht sehr optimistisch: «Dem Thurgau fehlt das Instrument einer unabhängigen PUK. Eine Untersuchung läuft darauf hinaus, dass sich eine Instanz mehr oder weniger selbst unter die Lupe nimmt. Das ist äusserst unbefriedigend.»

Der Thurgau hat besonders viele Heime
In der ganzen Schweiz sind Einrichtungen bewilligungspflichtig, die «mehrere Unmündige zur Erziehung, Betreuung, Ausbildung, Beobachtung oder Behandlung tags- und nachtsüber» aufnehmen. Der Thurgau hat eine sehr hohe Heimdichte. Wer hier, in der landschaftlichen Idylle, eine Institution eröffnen will, kommt leicht zu Land und Haus – die Preise sind günstig. Dass aber Heimbewilligungen grundsätzlich leichter zu haben seien als anderswo, bestreitet der Generalsekretär des Departements für Finanzen und Soziales, Mario Brunetti, vehement: «Es bestehen ganz klare, strenge Regelungen. Die Aufsicht funktioniert.»

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Gemäss Kurt Knecht, dem stellvertretenden Generalsekretär des Thurgauer Departements für Justiz und Sicherheit, fehlen jedoch verbindliche Vorschriften dafür, wie viele Betreuungspersonen im Massnahmevollzug vorgesehen sind: «Entschieden wird von Fall zu Fall.» Für Markus Eisenring vom Verband Heime und Institutionen Schweiz, Curaviva, sind dies inakzeptable Verhältnisse: «Sie öffnen willkürlichen Entscheiden Tür und Tor.»

In der Schweiz gibt es rund 1600 Heime und Institute. Die Bewilligungsverfahren sind unterschiedlich; die Methoden, wie die Aufsicht über einen laufenden Betrieb wahrgenommen wird, ebenso. «Seit 1918 sind Bestrebungen im Gang, eine nationale Fachstelle für Heimerziehung zu schaffen», sagt Hannes Tanner, Dozent an der Fachhochschule für Technik, Wirtschaft und soziale Arbeit St.Gallen. «Sie hätte den Zweck, einen gesamtschweizerischen Überblick über die Angebote zu dokumentieren. Natürlich wären damit auch Vergleiche betreffend Qualitätsstandards und deren Aufsicht möglich. Das Projekt scheitert bis heute am Widerstand zahlreicher Kantone.»

Im Rahmen einer Studie des Nationalfonds hatte Tanner «beträchtliche Schwierigkeiten», Heime zu finden, die ihre Konzepte für die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen offen legen wollten. Bei einer früheren Studie äusserten die Kantone gar die Befürchtung, dass der Einblick in die Qualitätskontrollen Subventionskürzungen des Bundes zur Folge haben könnte. Ein Heimaufenthalt kostet zwischen 80000 und 150000 Franken im Jahr. Das Bundesamt für Sozialversicherung und das Bundesamt für Justiz zahlen jährlich rund 1,8 Milliarden Franken an Behinderten- und Erziehungsheime. Tanner äussert Zweifel an der Qualität der kantonalen Aufsicht: «In der Regel werden Kontrollbesuche in viel zu grossen Intervallen durchgeführt. Auch lassen die Behörden nicht selten die notwendige Unabhängigkeit vermissen.»

Der interkantonalen Heimvereinbarung sind 22 Kantone angeschlossen. René Broder, Präsident der schweizerischen Verbindungskonferenz und Leiter der Fachstelle für Sonderschulung Baselland, sagt: «Heime sind Risikoinstitutionen. Sie basieren auf einer Vielfalt von menschlichen Beziehungen, oft in unfreiwilliger Konstellation.» Mit Regelungen allein liessen sich Probleme nicht verhindern: «Das Wechselspiel von Nähe und Distanz ist ein Dauerthema.» Mit diesem Bewusstsein müsse man die Aufsicht wahrnehmen. Oft deckten erst Krisen die Schwachstellen auf.

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Ein fataler Irrtum
Laut Broder dürfen behördliche Instanzen nicht überschätzt werden: «Die Möglichkeiten, von aussen in einen geschlossenen Organismus hineinzusehen und auf ihn einzuwirken, sind begrenzt. Eine externe Aufsicht kann nur einen kleinen Teil abdecken und setzt Qualitätsbewusstsein im Heim selbst voraus. Die Hauptverantwortung liegt eindeutig bei den Führungspersonen vor Ort und den Trägerschaften.»

Dort mangelt es laut Milly Bircher. Die Supervisorin BSO aus Chur hat eine breite Erfahrung in Institutionsberatung von Heimen: «In heiklen Situationen bleibt die Leitung oft untätig oder schaut sogar weg. Es fehlt vielfach ein Krisenkonzept.» Birchers Aufgabe besteht darin, die Betriebskultur mit unabhängigem Blick zu durchleuchten, Mängel aufzuzeigen und Wege, mit ihnen umzugehen. «Probleme werden von einer Laienaufsicht meist bagatellisiert. Jeder Elektromonteur benötigt mehrere Diplome, bis er mit Strom arbeiten kann. In den Sozialberufen gehen viele davon aus, mit etwas Herzblut und gesundem Menschenverstand sei die Aufgabe schon zu meistern. Dieser Irrtum ist fatal.»

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Die Selektion ist mangelhaft
Laienbehörden agieren vor allem im Bereich der Pflegefamilien. «Oft begnügen sich die Verantwortlichen damit, mit Pflegeeltern Kaffee zu trinken. Hinter die Kulissen sehen sie nicht», sagt Andrea Keller, die Leiterin der Fachstelle Pflegekinder Thurgau. Das ist auch im thurgauischen Salmsach passiert. Ein Pflegevater fesselte «seine» Kinder mit Gurten ans Bett, legte ihnen beim Transport Handschellen an und band ihnen Sandsäcke an die Beine. Niemand schaute hin. Erst die Anzeige der Patin eines der Kinder brachte die Behörden auf Trab. Nachdem der Beobachter den Fall publik gemacht hatte, wurde der Pflegevater 2004 wegen mehrfacher Freiheitsberaubung verurteilt.

Die Selektion der Pflegeeltern ist äusserst mangelhaft. In den meisten Kantonen gilt die Regel: Werden maximal vier Personen betreut, handelt es sich um eine Pflegefamilie. Die Familie muss einen guten Leumund haben, mehr nicht.

Für Andrea Keller ist dies ein unhaltbarer Zustand: «Wir sprechen von teils schwer traumatisierten und vorbestraften Kindern und Jugendlichen.»

Der Platz in einer Pflegefamilie kostet einen Bruchteil eines Heimplatzes. «Viele Kinder landen an ungeeigneten Orten. Überforderte Laienbehörden teilen unvorbereiteten Pflegeeltern Kinder zu und lassen sie dann in einer Krisensituation allein», sagt Keller. Ihre Bilanz ist bitter: Sie hält rund die Hälfte der Gemeinden im Kanton Thurgau für überfordert mit der Kontrolle. Ähnlich denkt die Thurgauer Grossrätin Christa Thorner-Dreher. Sie fordert in einer Motion, das Pflegekinderwesen zu professionalisieren.

Zwar gibt es seit 1978 eine Pflegekinderverordnung für die ganze Schweiz. Doch noch gibt es Kantone wie etwa den Aargau, die über keine verantwortliche Koordinationsstelle fürs Pflegekinderwesen verfügen. Dozent Hannes Tanner: «Bis wir in der Schweiz klare Qualitätsstandards wie etwa in Deutschland haben, dauert es wohl noch sehr lange Zeit.»

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