Beobachter: Studien, die sich mit dem Problem der Männergewalt gegen Frauen und Kinder beschäftigen, zeigen riesige Unterschiede bei den Opferzahlen. Warum?
Henriette Haas: Das hat sehr oft mit der Befragungsmethode zu tun. Wenn man etwa – was bei Täterbefragungen gängige Praxis ist – eine Gratistelefonnummer einrichtet, erhält man nur Daten von Leuten, die auf irgendeine Weise an der Problematik interessiert sind. Auch anonyme Fragebogen zu Opfererlebnissen werden sehr oft nur von bestimmten Menschen zurückgeschickt. Andere Daten stammen von Fachleuten, die ihre Erfahrungen auf die Gesamtsituation «hochrechnen».

Beobachter: Sie haben mit Professor Martin Killias eine Rekrutenbefragung zum Thema Gewalt gemacht. Dabei haben Sie aber ausschliesslich Männer befragt.
Haas: Das stimmt. Doch die Ergebnisse der Umfrage decken sich ziemlich genau mit einer Genfer Umfrage unter Frauen. Eine unserer Fragen war: «Haben Sie jemals beobachtet, dass Ihr Vater Ihre Mutter geschlagen hat?» Acht Prozent der Rekruten bejahten die Frage. In der Genfer Umfrage gaben 12,6 Prozent der Frauen an, geschlagen worden zu sein. Das ist zwar etwas mehr als bei der Rekrutenumfrage, aber Kinder bekommen schliesslich nicht alles mit, was zwischen den Eltern vorgeht. Natürlich gibt es auch Einschränkungen. Verurteilte kriminelle und drogenabhängige Jugendliche sind nicht in der RS. Und Ausländer fehlen völlig.

Beobachter: Wie realistisch sind Behauptungen, dass jede dritte oder sogar jede zweite Frau vergewaltigt worden ist?
Haas: In Studien sollte man juristische Begriffe wie «Vergewaltigung» vermeiden, da sie in der Umgangssprache zu wenig genau definiert sind. Rechtlich gesehen kann ein unfreiwilliger Geschlechtsverkehr etwa durch die Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses zustande kommen. Solche Delikte sind natürlich nicht in Ordnung. Aber trotzdem stellen sie nicht die schwerwiegende Bedrohung einer echten Vergewaltigung, zum Beispiel mit einem Messer, dar. Vergewaltigungen im Sinne des Strafrechts sind glücklicherweise eher seltene Delikte. Aber es können natürlich weit weniger schwerwiegende Vorfälle als sehr traumatisierend empfunden werden.

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Beobachter: Dennoch neigen viele Studien dazu, die Situation stark zu dramatisieren.
Haas: Die Dramatisierung ist eine Art Gegenbewegung gegen die einstige Ignoranz. Dennoch wende ich mich gegen eine allzu breite Interpretation der Begriffe «sexuelle Gewalt» und «Missbrauch». Wenn man zum Beispiel lüsterne Blicke oder Betatschen als Missbrauch wertet, sind wohl hundert Prozent aller Frauen «Missbrauchsopfer».

Beobachter: Gibt es nicht fast schon eine Tendenz zu unterstellen, dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger oder Kinderschänder ist?
Haas: Solche pauschalen Unterstellungen sind falsch. Es ist auch nicht jeder weisse Europäer automatisch ein Rassist. Ausserdem führen Verallgemeinerungen oft zu absurden Schlussfolgerungen. Gewalttäter sind eine kleine Minderheit von schwer gestörten Persönlichkeiten, die in bestimmten Situationen agieren. Es ist nicht sinnvoll, die Männer als Gesamtheit zu dämonisieren. Das schafft unnötige Aggressionen und produziert eher neue Gewalt. Zudem glaube ich, dass die Stilisierung jeglichen Unrechts zur «Gewalt» das Leiden der Opfer schwerer Verbrechen lächerlich macht – und sie vielleicht gar zu blossen «Querulantinnen» degradiert, wenn sie den mühseligen Weg der Zeugenaussage auf sich nehmen, um weitere Delikte zu verhindern.

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