Bauer Thomas Bucher grub gerade Sellerieknollen auf seinem Feld in Gunzwil bei Beromünster LU aus, als es passierte. «Ich glaubte zuerst, die Erde bebe», erzählt er. Doch es war kein Erdbeben: Der Energiekonzern Alpiq schaltete nach einem Unterbruch an jenem Nachmittag den Strom auf der Hochspannungsleitung Gösgen–Mettlen von null auf Volllast.

Genau zu diesem Zeitpunkt standen Bucher und seine Frau direkt unter der Leitung, die den Strom nach Süden transportiert. «Ich bekam kurz keine Luft, die Haare standen mir zu Berg, am Reissverschluss meiner Jacke bildeten sich Sternchen», berichtet er. Seiner Frau ging es nicht besser, beide spürten am ganzen Körper ein Kribbeln, waren minutenlang wie weggetreten.

Bucher fragte bei der Alpiq nach, was passiert sei. Die Stromgesellschaft, die auch das AKW Gösgen betreibt, schickte einen Kadermann vorbei und bot auch die Fachkommission der Energiewirtschaft für den Bereich Hochspannung auf.

Kann das wieder passieren?

Auch ein Jahr später kann niemand sagen, ob Bucher jederzeit wieder mit einem solchen Stromschlag rechnen muss, wenn er auf seinem Feld arbeitet. Dem Beobachter sagt ein Alpiq-Sprecher lediglich, solche «Vorkommnisse» seien bisher «noch nie» gemeldet worden, die «Ursachen und Phänomene» seien nicht bekannt, Abklärungen seien im Gang.

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Bei der besagten Fachkommission klingt es anders. «Beim Einschalten einer Hochspannungsfreileitung fliesst durch eine Person, die unter der Leitung steht, tatsächlich ein kleiner Stromimpuls, der wahrgenommen werden kann», erklärt Geschäftsleiter Reinhold Bräunlich das Phänomen. Ihm sei kein Fall bekannt, bei dem jemand diesen Impuls derart intensiv zu spüren bekommen habe. Im Gegenteil: Bisher habe man solche Situationen als «vernachlässigbar» betrachtet.

Technisch spielt sich Folgendes ab: Im Moment, in dem die Leitung von einer Seite aus ans Netz geschaltet wird, fliesst eine Folge elektrischer Schwingungen hin und her. Dabei lädt sich die Leitung auf die Spannung im Netz auf. Dieser Vorgang dauere «höchstens wenige Millisekunden», so Bräunlich. Der Impuls, der Bucher zusammenzucken liess, sei eine Folge des elektrischen Feldes gewesen, das sich beim Zuschalten der Leitung rasant aufbaue. Am grössten sei das Risiko an Stellen, an denen die Drähte am tiefsten hängen und die Distanz zu einer Person am Boden am kleinsten ist.

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