Kurzentschlossen warf die Univer­sität unseren Stundenplan über den Haufen: Einige Tage lang sollten die besetzten Strassen Hongkongs unser Vorlesungssaal sein – und die Massen­demonstrationen unser journalistisches Anschauungsobjekt.

Obwohl der Protest von Studierenden gestartet worden war, wusste ich, dass ich mich ihnen nicht anschliessen würde. Ich war erst seit einigen Wochen in Hongkong, kannte die genauen Hintergründe der Demokratiebewegung nicht und hatte somit auch nichts Substanzielles dazu zu sagen. Den meisten Journalismus-Studenten der Universität Hongkong ging es genauso. Wir wollten versuchen, möglichst neutral über die Ereignisse zu berichten.

Statt Schreib- und Filmkursen gab uns die Schule Sicherheitstipps, damit wir uns auf der Strasse richtig verhielten: «Punkt 1: Steht immer am Rand und nicht in der ­Mitte eines Menschenauflaufs. Punkt 2: Nehmt Schwimmbrillen mit, nur die schützen vor Tränengas. Punkt 3: In Wasser getränkte Operationsmasken werden euch beim Atmen helfen, wenn die Polizei Pfefferspray einsetzt. Punkt 4: Ein Gummi­geschoss kann tödlich sein, wenn es euch direkt trifft. Verlasst Orte, wo mit Gummischrot geschossen wird.»

Dann gingen wir los – mit Smartphone, Kamera, Block, Stift, Schwimmbrille, Operationsmaske und genügend Wasser. Meist in kleinen Teams, möglichst immer mit einem Einheimischen, der sich verständigen konnte.

Lukas Messmer studiert Journalismus in Hongkong. Er war mittendrin in den Demonstrationen für mehr Demokratie.

Quelle: Ym Yik/Keystone
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Die Leute waren unglaublich freundlich

Obwohl ich noch nie zuvor an einer Grossdemonstration war, fühlte ich mich meistens sicher. Die Leute waren unglaublich freundlich. Wenn ich irgendwo hinaufklettern wollte, um ein Bild aus der Höhe zu schiessen, hielten Studenten meine Ka­mera. Keine Spur von Aggressivität, keine Schimpfwörter, keine Pflastersteine. Niemand rauchte oder trank Alkohol. Statt­dessen machten Schüler und Studenten Hausaufgaben. Etliche sammelten den ­Abfall ein, um ihn zu recyceln.

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Dann kam jener Sonntag, an dem die Polizei mit Gewalt gegen die friedlichen Demonstranten vorging. Ich stand weit vorn, als Tränengasgranaten auf die Menschenmenge auf dem Civic Square niedergingen. Glücklicherweise hatte ich Schutzbrille und Operationsmaske dabei. Da die Polizei den Platz hermetisch abgeriegelt hatte, bekam ich von der Aussenwelt nichts mit. Als ich ihn durch die Absperrungen verliess, standen dort Tausende von Menschen. Quasi über Nacht wurde aus einer überschaubaren Studentenbewegung ein Massenprotest, der 200'000 Menschen auf die Stras­se trieb und einen Ausnahme­zustand in Hongkong auslöste.

In den Tagen zuvor hatte ich vergeblich versucht, Texte über das aktuelle Geschehen an Schweizer Medien zu verkaufen. Nun war das Interesse der Weltpresse plötzlich geweckt. Doch die Korrespondenten konnten nicht schnell genug vor Ort reisen. Deshalb waren Medienhäuser und Presseagenturen auf Journalisten angewiesen, die bereits in Hongkong waren. Verschiedenste Redaktionen kontaktierten die Schule. Auch mich direkt erreichten viele Anfragen, etwa vom arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira.

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Zehn, zwölf Stunden verbrachte ich meist auf der Strasse, danach gings zurück an die Uni, um Texte zu schreiben und Videobeiträge zu schneiden. Über Twitter, Blogs und unseren gemeinsamen Youtube-Kanal veröffentlichten wir rund um die Uhr die neusten Meldungen und Beiträge.

16. Oktober 2014: Lukas Messmer filmte in Hongkong, wie die Polizei den Lung Wo Tunnel räumt.

Zum Schlafen blieb nicht viel Zeit

Meistens marschierte ich mitten in der Nacht fast eine Stunde lang nach Hause, Busse und Taxis fuhren nicht. Einige von uns, die weiter entfernt wohnten, schliefen in den Produktionsräumen der Schule. Zum Schlafen blieb allerdings nicht viel Zeit. Maximal drei, vier Stunden pro Nacht. Manchmal war ich so müde, dass die Buchstaben auf dem Bildschirm verschwammen. Doch ein Blick auf den Twitter-Feed genügte, und es zog mich wieder nach draussen. Die Geschichten lagen buchstäblich auf der Strasse, sie mussten nur erzählt werden.

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Die letzten Wochen waren völlig surreal und wahrscheinlich die eindrücklichsten meines Lebens. Ich war erstmals Teil eines Ereignisses, das um die Welt ging. Für ­einen Journalisten ist das – so zynisch es auch klingt – ein absoluter Glücksfall.