Wie ein Lindwurm zieht sich die Staubwolke durchs Tal, rollt stetig und unaufhaltsam voran. Erst aus der Nähe gibt sie den Blick frei auf grosse und kleine Lastwagen, Gefährte in unterschiedlichen Zerfallsstadien, die sich über die fast nur aus Schlaglöchern bestehende Strasse Richtung Nakuru quälen. Die 300'000-Seelen-Stadt ist der Hauptort der kenianischen Provinz Rift Valley und liegt mitten im Stammesgebiet der Kikuyu. Sie ist das Ziel der Vertriebenen, die vor der Verfolgung durch Angehörige anderer Stämme flüchten müssen und hier im Hinterland bei Verwandten oder im Flüchtlingscamp Unterschlupf suchen.

Die hoch aufgetürmten Ladungen - armseliger Hausrat, darunter auch mal ein Schaf oder ein paar Hühner - wackeln bedenklich. Die Besitzer der Habseligkeiten hatten vergleichsweise Glück: Sie konnten mehr retten als nur ihr Leben, als der Nachbar nach Jahren friedlicher Koexistenz plötzlich zum Knüppel oder zur Machete griff und zum Schlächter an Mensch und Tier, zum Brandstifter an Haus und Hof wurde.

«Vor unseren Augen niedergemetzelt»
Jane Mutnoni Mwangi, 36, und ihr Sohn Steven Kamau haben es am eigenen Leib erlebt. «Leute vom Stamm der Luo haben alles niedergebrannt und meinen Mann vor unseren Augen niedergemetzelt», erzählt die Kikuyu mit ausdruckslosem Gesicht. Der Elfjährige steht daneben, sein Blick leer. Mit nichts als den Kleidern, die sie am Leib tragen, und den unfassbaren Bildern im Kopf stehen die beiden im Wartezimmer des Rhein Valley Hospital in Kasambara und warten auf John Wambugu, den Arzt des kleinen Schweizer Krankenhauses. Steven will ihm sein krankes Bein zeigen.

Der Weiler Kasambara liegt auf gut 2000 Metern im hügeligen Hinterland von Nakuru. Es ist eine arme, ländliche Region. Die Bauern pflanzen mit urtümlichen Gerätschaften Kartoffeln, Kohl und weissen Mais für «Ugali» an, eine Art Polenta und Hauptnahrung der kenianischen Bevölkerung. Mageres Vieh weidet in der kargen, dornenreichen Vegetation. Die Strassen sind staubige Pisten, die sich bei Regen in schlammige Unwegsamkeit verwandeln. Das nächstgelegene Spital war bis vor wenigen Jahren jenes in Nakuru, eine halbe Autostunde oder einen Tagesfussmarsch entfernt. Das Leben hier ist - auch ohne bürgerkriegsähnliche Zustände - oft ein Kampf ums Überleben.

Auch Ruth Schäfer, Leiterin des Rhein Valley Hospital, kämpft seit Jahren: «Gegen die Korruption, gegen Neider, gegen den Schlendrian, gegen den Amtsschimmel. Sogar gegen den katholischen Bischof musste ich prozessieren, weil er uns das Spital wegnehmen wollte.» Im Jahr 2000 trat die 50-jährige Appenzellerin hier in Kenia an, den Traum ihres Lebenspartners Stephan Holderegger zu realisieren: Ein kostengünstiges, sauberes Spital für die arme Bevölkerung. Eigentlich war die ehemalige Coop-Kassiererin ohne medizinische oder betriebswirtschaftliche Erfahrung nur für drei Monate gekommen. Es wurden sieben Jahre: «Als ich ankam, fand ich eine Bauruine vor, und ich merkte schnell, dass es jemanden vor Ort braucht, der zum Rechten sieht», erklärt sie. Sie ist hängengeblieben. Und sitzt jetzt mitten in einem beginnenden Bürgerkrieg.

Auch Kenia-Fan Holderegger kämpft, allerdings mit seinem Gesundheitszustand. Als er 1999 eine neue Lunge und damit ein neues Leben erhielt, beschloss er, aus Dankbarkeit in Kenia ein Spital zu bauen. «Ich liebe dieses Land, seit ich 1968 erstmals hinreiste, und wollte den Menschen dort etwas Gutes tun», erklärt er. Selber konnte er wegen seines Gesundheitszustands den Aufbau nicht vor Ort vorantreiben. «Seine Ruth» unterstützt er aus der Ferne, mit täglichen Anrufen sowie Geld, Medikamenten und allerlei Nützlichem, das der rührige Rheintaler in der Schweiz sammelt. Die Finanzierung des humanitären Projekts erfolgt ausschliesslich über Spenden, der Verein arbeitet ehrenamtlich, auch Ruth Schäfer. 2004 konnte das Rhein Valley Hospital, wohl eines der saubersten und gepflegtesten Provinzkrankenhäuser in ganz Kenia, allen Hindernissen zum Trotz eröffnet werden. Seither wurden Tausende von Patienten ambulant und stationär behandelt, Hunderte Babys geimpft.

Ruth Schäfer und ihre Mitarbeiter bekamen die furchtbaren Auswirkungen der jüngsten Stammesfehden direkt zu spüren. Anfang Jahr standen plötzlich Hunderte von Vertriebenen vor dem kleinen Spital mit seinen gerade mal zwölf Betten. Flüchtlinge mit Brandwunden, mit Pfeilen im Körper, mit Schnittwunden von Macheten, Menschen, die nicht so schwer verletzt waren, dass eine Einweisung ins General Provincial Hospital in Nakuru nötig war, mussten versorgt werden. Fünf Personen kamen jedoch so geschwächt an, dass sie starben. Mittlerweile leben gegen 2000 Vertriebene bei ihren Verwandten in der nächsten Umgebung des Spitals. Ruth Schäfer fackelte nicht lange und beschloss kurzerhand: «Wir müssen Essen verteilen.» Die Lebensmittel bestellt sie zentnerweise bei einem Supermarkt in Nakuru.

Schreckliche Schicksale
300 Menschen sitzen stoisch in der erbarmungslosen Hitze des kenianischen Hochlands auf der Wiese vor dem kleinen Krankenhaus und warten auf ihre Essensrationen. Selbst die Kinder sitzen stundenlang ruhig da, kein Tollen, kein Lachen. Viele von ihnen haben wie Steven Kamau erlebt, wie Angehörige ermordet wurden oder in ihren Häusern verbrannten. «Die Tage der Essensausgabe sind immer sehr anstrengend», sagt Krankenhaussekretär Nyagah Nonemiah Machariah. Anstrengend nicht etwa wegen der Arbeit, erklärt der 33-Jährige, sondern wegen der schrecklichen Schicksale der Flüchtlinge: «Ich höre zu und versuche, Trost und Hoffnung zu spenden. Dabei ist die Lage hoffnungslos. Das macht mich müde und traurig.»

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Hilfe, wo sie am nötigsten ist: Das Rhein Valley Hospital verteilt auch Nahrungsmittel.


Ortstermin bei Bauer Ayub Njoroge Githinji in Thugunui, einer winzigen Siedlung hoch über dem Tal. Ayub beherbergt in seinem kleinen Haus 22 Kikuyu. Bis vor kurzem waren es 40, einige konnte er dann bei Bekannten und Verwandten unterbringen. Jetzt sind sie alle hier unter dem Palaverbaum versammelt, Frauen und Kinder links, die Männer rechts, die Stammesältesten etwas abseits. Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln und einem Gebet beginnen die Männer und Frauen zu erzählen. Für viele dieser Entwurzelten ist es nicht das erste Mal, dass sie auf der Flucht sind, Haus und Hof verloren haben. Und immer wieder die gleiche Geschichte von Gewalt, Hass, von Trauer und Verlust. Und vom Gefühl, unnütz zu sein, weil die Grundlage der Arbeit, Vieh und Boden, unwiederbringlich verloren sind. Im Hintergrund telefoniert Ruth Schäfer. Sie versucht gerade, den Transport eines Containers mit Material aus der Schweiz, der in Mombasa festsitzt, zu organisieren.

Von den Einheimischen wird die quirlige, gerade mal 1,52 Meter kleine Schweizerin liebevoll «Mama Matata», «Mutter Problem», genannt - wobei nicht immer ganz klar ist, ob sie den Namen trägt, weil sie Probleme löst oder weil sie sehr wohl auch welche machen kann. Dem Spitalarzt John Wambugu etwa, weil er eine Quittung verschlampt hat, oder einem Beamten, der ihr ein dringend benötigtes Bewilligungsschreiben nicht geben will.

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Die Einheimischen nennen sie liebevoll «Mama Matata»: Ruth Schäfer, Leiterin des Rhein Valley Hospital

Während im Hof vor der Krankenstation die Lebensmittelabgabe in vollem Gang ist und Mama Matata einen Hygienekontrollgang durch die Räume des Spitals macht, fährt ein Jeep der Uno vor. Die Dreierdelegation will eine Erhebung der Situation im Spital machen, herausfinden, was vorhanden ist, was benötigt wird. Sofort eilt Schäfer herbei und erklärt den Uno-Mitarbeitern lautstark, dass sie nicht einfach unangemeldet auftauchen können. Man wird laut, trennt sich im Streit. «Plötzlich reissen die sich alles unter den Nagel, da muss man wahnsinnig aufpassen», erklärt sie ihr harsches Verhalten später. «Das ist unser Spital, die haben hier nichts verloren.» Es herrscht ein Klima des Misstrauens.

Dabei wäre Hilfe nötig. Das Spital hat schon einen Grossteil des Jahresbudgets für Lebensmittel ausgegeben, Schäfer musste die Rationen bereits um einen Drittel pro Person kürzen. Auch die 2500 Franken von der Schweizer Botschaft - notabene die erste finanzielle Hilfe von offizieller Schweizer Seite - waren innerhalb von drei Tagen verbraucht. Und es wird immer schwieriger, Nahrung aufzutreiben. Der Markt in Nakuru ist verwaist, zu gross ist die Angst der Einwohner vor Übergriffen. Viele Felder sind abgebrannt oder werden nicht abgeerntet, weil die Bauern vertrieben oder tot sind. Nachschub von ausserhalb lässt auf sich warten, weil die LKW-Fahrer nicht in die Gefahrenzonen fahren wollen und die Zugverbindung schon seit Wochen unterbrochen ist - Aufständische haben die Schienen herausgebrochen. Die Preise sind massiv gestiegen: Kostete ein Kohlkopf noch vor einer Woche 14 kenianische Shilling, wechselt er jetzt für 120 Shilling den Besitzer. Das sind zwei Franken, ein enormer Preis in einem Land, in dem der monatliche Durchschnittslohn zwischen 25 und 50 Franken beträgt. Eine Hungersnot ist unausweichlich. «Ich denke, wir werden hier auf dem Spitalgelände anfangen, Mais anzupflanzen. Dann haben wir wenigstens in drei Monaten etwas zu essen», sagt Ruth Schäfer.

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Und plötzlich ein Angriff auf das Spital
Auf dem Heimweg steuert Mama Matata auf eine Tankstelle zu. «Wir müssen Benzin tanken, solange es noch welches gibt.» Tatsächlich werden die Zapfsäulen nur zwei Tage später an vielen Tankstellen leer sein. Ruth Schäfer bewohnt ein grosses Haus mit Garten in Nakurus Villenviertel, bewaffnete Wächter vor dem Tor der Siedlung, Alarmanlagen, und mehrere Schlösser am zwei Meter hohen eisernen Gartentor. Nachts ertönen immer wieder Schüsse, doch hier im «Hochsicherheitstrakt», wie Ruth Schäfer ihr Zuhause nennt, fühlt sie sich sicher. In die keine zwei Kilometer entfernte Innenstadt aber fuhr sie letztmals vor mehreren Tagen, bevor die Ausschreitungen am Wochenende vom 26. Januar mit 60 Toten innert drei Tagen einen ersten Höhepunkt erreichten. «Da muss ich im Moment nicht hin. Das ist zu gefährlich.»

In der Provinzhauptstadt sind die meisten Geschäfte geschlossen, selbst im Business District, quasi der Bahnhofstrasse von Nakuru. Die Matatus, die Sammeltaxis, stehen kreuz und quer am Strassenrand - die Chauffeure wollen nicht mehr fahren, weil marodierende Kikuyu Strassensperren errichten und Angehörige der «falschen» Ethnie aus den Wagen zerren und töten. Im Zweifelsfall wird den Männern das Geschlecht entblösst: Wer nicht beschnitten und damit als Luo erkennbar ist, wird gleich ermordet. Aggression liegt in der Luft, die Menschen, die in Gruppen herumstehen, scheinen wie gelähmt. Immer wieder sieht man Kinder, Jugendliche, junge Männer mit Knüppeln und Macheten. Ab und an ertönen die entsetzlichen Schreie Verfolgter, die vom Mob gejagt und massakriert werden. Auf dem Marktplatz liegt ein Angehöriger der Kalenjin; die blutverschmierten Brocken, mit denen er gesteinigt wurde, liegen neben dem leblosen Körper. Seine Mörder, eine Meute von mehreren hundert Menschen, stehen keine 20 Meter entfernt. Die Polizei, mit Maschinengewehren und grob behauenen Knüppeln bewaffnet, schaut zu.

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Unvorstellbare Grausamkeiten: Ein Gesteinigter und seine Mörder in Nakuru


Die Angst vor Übergriffen ist auch im Rhein Valley Hospital gross - und begründet. In der Nacht auf Montag, den 28. Januar, brechen mit Macheten bewaffnete Kikuyu ins Spital ein. Der Wächter, ein Luo, versteckt sich in einem Erdloch, die Angestellten verbarrikadieren sich in ihrer Unterkunft. Armee und Polizei können die Einbrecher vertreiben, zu Schaden kommt glücklicherweise niemand. Diesmal.

Die Anspannung und die Sorge um das Spital und seine Angestellten sind Ruth Schäfer ins Gesicht geschrieben. Den Hauswart des Spitals samt Familie und Katze hat sie bereits bei sich in ihrem gut gesicherten Heim einquartiert. Die Familie gehört zum Stamm der Luo und ist deshalb akut gefährdet. Sogar der Pick-up-Fahrer, der die Familie aus dem Blutbad in ihrem Viertel rausfahren sollte, musste angelogen werden: Es seien Luhya, liess Mama Matata ausrichten. Luos hätte der Chauffeur nicht gefahren.

«Lebensmittel und Wasser habe ich noch genug», sagt Ruth Schäfer. «Aber vielleicht sollte ich mir doch ein Maschinengewehr zutun. Oder wenigstens einen Revolver.» Auf jeden Fall will sie noch ausharren: «Ich kann doch das Spital und meine Leute nicht im Stich lassen.» Sie rechnet mit harten Zeiten. Sie rechnet aber nicht in Tagen, Wochen oder Monaten des Ausharrens. Sondern in Jahren. Bürgerkriege dauern.

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Kenia: Ein Land versinkt im Chaos

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Das Rhein Valley Hospital liegt 150 Kilometer von Nairobi entfernt mitten im Stammesgebiet der Kikuyu, einer der 52 Ethnien Kenias.

Auslöser der aktuellen Unruhen in Kenia sind die umstrittenen Präsidentschaftswahlen vom 27. Dezember letzten Jahres. Oppositionsführer Raila Odinga warf dem amtierenden Präsidenten Mwai Kibaki Wahlbetrug vor. Internationale Beobachter bestätigten den Verdacht. Heftige Ausschreitungen durch Odingas Anhänger waren die Folge.

Ziel der Aggressionen waren anfänglich die Kikuyu, Angehörige jenes Stamms, dem auch Präsident Kibaki angehört. Die Kikuyu sind Bauern und gelten als friedliebend. Allerdings werden sie seit Jahrzehnten immer wieder Ziel von Angriffen durch andere Stämme, weil sie nach dem Ende der Kolonialzeit bei der Landverteilung vom damaligen Präsidenten Jomo Kenyatta, ebenfalls ein Kikuyu, bevorzugt wurden.

Wer Kenia eine ähnliche Zukunft wie dem bürgerkriegsgeplagten Ruanda voraussagte, galt bis vor kurzem als Schwarzseher. Mittlerweile nicht mehr. Weder ist es dem vermittelnden ehemaligen Uno-Generalsekretär Kofi Annan bislang gelungen, zwischen Kibaki und Odinga zu vermitteln und eine friedliche Lösung zu finden, noch konnten Polizei oder Militär die Ausschreitungen unter Kontrolle bekommen. Vielmehr ist eine Dimension dazugekommen: Die Kikuyu schlagen erstmals zurück. Besonders gegen die Ethnie der Luo, aus der auch Odinga stammt. «Jeden unserer Toten werden wir mit drei von den andern rächen», hört man auf den Strassen. Die Spirale der Gewalt dreht sich.

Die Zahl der Toten ist bereits auf über 1000 angestiegen, mehr als 300'000 Menschen sind auf der Flucht.

Auch für die Hilfsorganisationen wird die Lage immer kritischer: Das Uno-Welternährungsprogramm musste die Verteilung von Hilfsgütern in Nairobi und im Rift Valley bereits einstellen.