Schienen

  • Gesamtlänge Netz: 5100 km
  • Erneuerungskosten während der Lebensdauer: 70 Milliarden Franken

Wenn der Zug mal wieder zu spät kommt, kann das an verlotterten Gleisen liegen. Schon heute rühren 15 Prozent der Verspätungen daher, dass Züge wegen schlecht unterhaltener Anlagen langsamer fahren müssen. Jahrelang haben die SBB Gleise, Fahrleitungen, Brücken und Tunnel vernachlässigt. Der Nachholbedarf lässt nun die Erneuerungskosten explodieren: Bis 2016 müssen die SBB pro Jahr zusätzlich 850 Millionen Franken in den Unterhalt stecken.

Die Bahn ist keineswegs allein. Auch bei den Strassen gibts Erneuerungsdefizite, noch mehr bei der Trinkwasserversorgung und am meisten beim Abwasser. Eine funktionierende Infrastruktur ist zentral für die Volkswirtschaft. Die wichtigen Netze Schiene, Strasse, Strom, Gas, Trink- und Abwasser wurden zwischen 1950 und 1980 gebaut und nähern sich nun in weiten Teilen dem Ende ihrer Lebensdauer. «Im Vergleich zum Ausland verfügen wir zwar noch über gute Infrastrukturen», sagt Benedikt Koch, Geschäftsführer des Fachverbands der Infrastrukturbauer (Infra). «Aber die Schweiz muss in den nächsten Jahren der Sanierung grosse Beachtung schenken.»

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Strom

  • Gesamtlänge Netz: 224'500 km
  • Höchstspannungsnetz: 7000 km
  • Hochspannungsnetz: 7500 km
  • Mittelspannungsnetz: 70'000 km
  • Niederspannungsnetz: 140'000 km
  • Erneuerungskosten während der Lebensdauer:  60 Milliarden Franken

Auch Urs Weber, Fachreferent im Direktionsstab des Infrastrukturdepartements Uvek, sieht Handlungsbedarf. Er hat im November den Bericht «Zukunft der nationalen Infrastrukturnetze» vorgelegt und stellt bündig fest: «Wir leben von der Substanz.» Sauber kalkuliert, müsste jährlich so viel in den Erhalt investiert werden, dass die Netze nach 60 bis 80 Jahren rundum erneuert sind. Doch das passiert kaum.

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Der Erneuerungsbedarf ist gigantisch, wenn man alle Netze zusammennimmt, ihren Zustand erfasst und den Wert beziffert. Dies geschieht zwar nur annäherungsweise, aber schon die groben Schätzungen von Bund und Fachverbänden machen die Herkulesaufgabe deutlich. Hochgerechnet ergeben sich für die Verkehrsinfrastruktur und die Energie-, Wasser- und Telekommunikationsnetze theoretisch mindestens 500 Milliarden Franken sogenannte Wiederbeschaffungskosten. Dies ist der Wert, der während der Lebensdauer der Anlage in deren Erneuerung gesteckt werden müsste, um den volkswirtschaftlichen Nutzen zu erhalten (siehe Bilder). «Tut man das nicht, muss später viel umfassender saniert werden. Verzögerte Ersatzinvestitionen bedeuten höhere Kosten», sagt Weber.

Die Bahn gerät aus den Fugen

Das Schweizer Schienennetz misst rund 5100 Kilometer. Ein Viertel der Anlagen ist laut SBB sanierungsbedürftig. Gleise und Fahrleitungen werden durch das Verkehrswachstum stärker belastet und müssen früher ausgewechselt werden. Perrons sind zu schmal geworden, Tunnelinstallationen sind veraltet, und vielerorts gibt es Sanierungsfälle wie die 100-jährige Stützmauer, die im Dezember auf die Gotthardstrecke fiel. Die derzeit etwa 1,5 Milliarden Franken jährlich reichen laut SBB nicht, um ihr Netz in Schuss zu halten. Der Bund rechnet bis 2030 mit deutlich mehr als diesen 30 Milliarden Franken Unterhaltskosten.

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Strassen

  • Gesamtlänge Netz: ca. 71'000 km
  • Nationalstrassen: 1775 km
  • Kantonsstrassen: 18'000 km
  • Gemeindestrassen: 51'000 km
  • Erneuerungskosten während der Lebensdauer:  174 Milliarden Franken

Ähnlich bei den Strassen. Das Nationalstrassennetz misst 1775 Kilometer, hinzu kommen 18'000 Kilometer Kantons- und 51'000 Kilometer Gemeindestrassen – insgesamt ein Wert von 174 Milliarden Franken. Der Bund erwartet bis 2030 allein für die Nationalstrassen 19,1 Milliarden Erneuerungskosten. Fachleute empfehlen, jährlich zwei Prozent der Wiederbeschaffungskosten für die Erhaltung einzusetzen. «Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Budgets deutlich tiefer sind, vor allem bei Kantonen und Gemeinden», sagt Koch von Infra.

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Die meisten Gemeinden setzen kaum mehr als ein Prozent ein. Immer öfter werden bei Neubauten schonende Lösungen gewählt – Tunnel, Galerien, Wildübergänge, Umfahrungen, Lärmschutzbauten –, die entsprechend teurer sind. Dadurch bleibt weniger für den Unterhalt übrig, obwohl das Verkehrswachstum, das grössere Netz und die komplexeren Bauten mehr Unterhalt erfordern. Der Bund und viele Kantone verfügen zwar über zweckgebundene Mittel. In manchen Kantonen wurde jedoch kein reservierter Topf eingerichtet, und Gemeinden bezahlen Strassen aus der allgemeinen Kasse. Damit stünden Strassensanierungen in Konkurrenz mit andern Vorhaben, sagt Koch. Weil Politiker aber lieber Kindergärten oder Löschfahrzeuge einweihen, als sich mit einer Strassenerneuerung welke Lorbeeren zu verdienen, heisst es schnell: Das kann noch warten.

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Die Verkehrsinfrastruktur ist eines. Um ebenso hohe Summen geht es bei den Netzen im Boden. Für die x-tausend Kilometer Trinkwasserleitungen, Abwasserkanäle, Strom- und Gasleitungen rechnet die Fachorganisation Kommunale Infrastruktur mit 230 Milliarden Franken Wiederbeschaffungskosten. Hinzu kommen Tausende Kilometer Fernmeldekabel für 35 Milliarden.

Strom-, Gas- und Fernmeldeleitungen sind laut Koch recht gut in Schuss, weil die Firmen nur mit zuverlässigen Leitungen Geld verdienen. Von den bis zu 100 Jahre alten Gasleitungen aus Grauguss seien nur noch zwei Prozent im Boden, sagt Anton Kilchmann vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfachs (SVGW). Beim Gas könne man ja nicht «auf Bruch» sanieren. «Wer eine Gasleitung erst saniert, wenn sie bricht, steht vor dem Richter.»

Anders bei den Trinkwasserversorgungen. Sie gehören meist den 2600 Gemeinden und Gemeindeverbünden und werden selten von Profis gemanagt. «Von den rund 54000 Kilometern Haupt- und Versorgungsleitungen wissen die meisten Gemeinden nicht mal, wie alt sie sind», sagt Urs Kamm vom SVGW. In den Städten sind sie 30 bis 60 Jahre alt, auf dem Land oft über 80. Jährlich sollten 500 Millionen in die Erneuerung fliessen. In Städten geschieht das, auf dem Land kaum.

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Trinkwasser

  • Gesamtlänge Netz: 80'000 km
  • Anzahl Wasserversorgungen: 3000
  • Erneuerungskosten während der Lebensdauer: 100 Milliarden Franken

Frischwasser auf Pump

Viele Kleingemeinden erneuern jahrelang nichts und sind stolz auf ihre tiefen Wasserpreise, die nur den Betrieb decken. Mit Tariferhöhungen auf Vorrat würden sich Politiker unbeliebt machen. In vielen Kantonen ist es gar unzulässig, ohne konkrete Projekte Reserven zu äufnen. «Kleingemeinden kann es deshalb passieren, dass sie die Tarife auf einen Schlag massiv erhöhen müssen, wenn eine grosse Sanierung fällig wird», sagt Kamm.

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So ergeht es Sternenberg. Spricht man Gemeindeschreiber Stefan Rüegg darauf an, seufzt er. Alles kommt zusammen: alte Anlagen, lange Leitungen und nur 370 Einwohner, auf die sich die Kosten verteilen. Die höchstgelegene Zürcher Gemeinde bezieht ihr Trinkwasser via Gemeinschaftspumpwerk und einen zehn Kilometer langen Zubringer. Die Anlagen müssen erneuert werden. So musste Sternenberg 2007 die Tarife massiv erhöhen. Seither zahlt man dort mit Abstand am meisten im Kanton.

Damit nicht genug: Bis 2030 muss die Gemeinde für zehn Millionen ihr 17 Kilometer langes Verteilnetz sanieren. Wie sie das bezahlt, ist offen. «Es wird bei den Gebühren noch einmal ein Schub kommen», sagt Rüegg. Für die Käserei Preisig, die einzige im Ort, ist dies bedrohlich. Obwohl sie einen Drittel ihres Wassers aus eigener Quelle bezieht, zahlt sie fast 50'000 Franken pro Jahr für Trink- und Abwasser. «Wir überlegen ernsthaft, ob wir die Sachen packen und gehen», sagt Seniorchef Hans Preisig.

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Abwasser

  • Gesamtlänge Netz: 90'000 km
  • Anzahl grössere Kläranlagen: 759
  • Erneuerungskosten während der Lebensdauer: 100 Milliarden Franken

Das grösste Problem ist das Abwasser: In den Städten stammt die Hälfte der Kanäle aus der Zeit vor 1960, auf dem Land sind sie nicht viel jünger. Fast ein Viertel der Kanäle ist laut einer Studie des ETH-Instituts Eawag stark beschädigt. Eine Milliarde müsste pro Jahr in die Erneuerung fliessen. «Aber das passiert nicht», weiss Urs Kupper vom Verband der Abwasser- und Gewässerschutzfachleute. «Es gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn.» Die Bevölkerung merke nicht, wenn Kanalisationen schadhaft seien. Gewisse Gemeinden investieren bewusst wenig, um die Ausgaben in Grenzen zu halten. Die Rechnung scheine dann gut. «Aber im Grunde herrscht die Haltung: Nach mir die Sintflut», sagt Kupper.

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Verursacherprinzip gewinnt an Bedeutung

Wie sollen die Sanierungen in den nächsten Jahrzehnten finanziert werden? «Es gibt nur zwei Möglichkeiten», sagt Urs Weber vom Uvek. «Entweder zahlt der Bürger als Steuerzahler oder als Nutzer.» Höhere Nutzergebühren oder höhere Steuertarife: «Es kommt so oder so eine grössere Belastung auf die Bürger zu.»

Gas

  • Gesamtlänge Netz: 17'800 km
  • Erneuerungskosten während der Lebensdauer: 20 Milliarden Franken

Die Netze für Gas, Strom und Kommunikation werden schon heute über den Markt finanziert. Diese Netze sind ein natürliches Monopol, die Regulationsbehörde legt die Durchleitungspreise fest. Hier dürften sich die Verhandlungen verschärfen: Anbieter möchten tiefe Durchleitungsgebühren, Netzinhaber hohe Erneuerungsbeiträge. Trink- und Abwasser werden ebenfalls über Gebühren finanziert, meist aber nur der Betrieb und nicht die Erneuerung. Hier wird es auf lange Sicht unumgänglich, einen Sanierungsbeitrag draufzuschlagen. Auch bei den Nationalstrassen könnte laut Weber zu den zweckgebundenen Nutzungsgebühren wie Vignette und Treibstoffzollzuschlag ein Obolus für die Erneuerung kommen.

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Schwieriger wird es beim Bahnnetz und bei den Strassen, die über Steuern finanziert werden. «Bisher konnte sich der Staat das leisten, aber sein Spielraum wird enger», so Weber. Daher gehe der Trend zum Verursacherprinzip hin. Bei der Bahn hiesse das, dass die Benutzer mit den Tickets zusätzlich einen Infrastrukturbeitrag leisten.

Bei den Strassen könnte eine CO2-Abgabe die Mittel bringen. Zudem gewinnt Mobility-Pricing nach holländischem Vorbild an Boden. Statt Fahrzeugsteuern erhebt Holland Abgaben pro gefahrenen Kilometer. So soll die Belastung der Netze sinken und das Geld für ihre Erneuerung beim Nutzer geholt werden. «Es ist eine Frage der Zeit, bis das kommt», sagt Weber.