«Zimmer frei», hiess es früher. Heute ist die Botschaft der Hotelbetreiber differenzierter - und Englischkenntnisse sind von Vorteil. Etwa im Fall des «Cube» in Savognin GR. Das neu erstellte Hotel im Oberhalbstein ist laut eigener Darstellung die «optimale Location für Incentives und Events», etwa «Music Release Parties», «Fashion Shows» oder «Open Air Concerts am Berg». Das Hotel bietet ein Komplettangebot: Wellness- und Fitnesseinrichtungen, Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung, und auch ein Tanzklub fehlt nicht.

Umweltschutz ist aus der Mode
Der «Cube» - der englische Ausdruck für Würfel verweist auf die charakteristische quadratische Form des Gebäudes - beherbergt 270 Betten und steht laut Thomas Bieger beispielhaft für ein Umdenken in den Schweizer Tourismusregionen. «Noch vor zehn Jahren hätte ein Projekt wie der ‹Cube› bei der einheimischen Bevölkerung kaum eine Chance gehabt», sagt der Leiter des Instituts für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus an der Universität St. Gallen.

«Das politische Klima hat sich gewandelt», bestätigt Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft Luzern. Wachstum sei als Motor der Wirtschaft wieder stärker akzeptiert. «Generell gesprochen ist man heute eher bereit, zugunsten einer prosperierenden wirtschaftlichen Entwicklung Abstriche im Bereich der Ökologie zu machen. Da hat eine Werteverschiebung stattgefunden», stellt Stettler fest.

Nicht alle Regionen kämpfen mit den gleichen Schwierigkeiten. Touristische Topdestinationen wie St. Moritz und Zermatt laufen gut. Auch Elm oder Hoch-Ybrig, kleine Stationen, die sich auf den Tagestourismus ausgerichtet haben, florieren. Mittlere Tourismusorte aber darben. «Diese Destinationen müssen sich einem globalisierten Wettbewerb stellen und können sich dabei nicht wie St. Moritz oder Zermatt auf einen international bekannten Namen stützen. Sie müssen sich etwas einfallen lassen», meint Bieger.

In Savognin scheint der Einfallsreichtum mit dem «Cube» längst nicht ausgeschöpft. Unter dem Label «Savognin 1'900» soll ein Resort mit 1'200 Hotelbetten und 500 Ferienwohnungen ent-stehen. Vorgesehen ist, die drei Hotels dem Wahrzeichen des Tals, der mittelalterlichen Burg im Nachbardorf Riom, architektonisch nachzuempfinden.

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Skifahren, Baden, Shoppen
Der Zeitpunkt für Investitionen ist gut. Die Zinsen sind nach wie vor tief, Geld ist günstig zu haben. Dies ist - neben dem durch die Globalisierung intensivierten Wettbewerb - ein weiterer Grund, warum in den Alpen Grossprojekte wie Pilze aus dem Boden schiessen. Ein dritter Grund schliesslich verbirgt sich hinter der sperrigen Formel «multioptionaler, zeiteffizienter Aufenthalt in stimmiger Atmosphäre». Was die Marktforscher damit meinen: Der Tourist von heute sucht ein möglichst variantenreiches Erlebnisangebot auf engem Raum. Er will etwa am Mor-gen Ski fahren, am Mittag ins Wellnessbad und am Nachmittag einkaufen. «Shoppen ist inzwischen häufig die zweitwichtigste Aktivität der Touristen», sagt Tourismusexperte Bieger.

Ein Projekt, das eine solche touristische Rundumversorgung leisten soll, muss zwangsläufig eine kritische Grösse überschreiten. Oder: «Big is beautiful», wie es wohl im Jargon des «Cube» heissen würde.

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