Die Kasse so gut wie leer, die Geschäftsleiterin geschasst, der Präsident verstummt und ausser Landes: Die Radgenossenschaft der Landstrasse – die hauptsächlich vom Bundesamt für ­Kultur finanzierte Dachorga­ni­sation der Schweizer Jenischen – steht vor einem Scherbenhaufen. Bis Anfang August ist ihr Büro ferienhalber geschlossen, die weitere Zukunft ist ungewiss.

Nachdem der Beobachter vergangene Woche auf seiner Website publik gemacht hatte (www.beobachter.ch/jenische), dass sich Präsident Daniel Huber bis Ende Mai über Lohnvorbezüge, eine Gehaltserhöhung und horrende Spesen über 100'000 Franken hatte auszahlen lassen, kündigte der Bund eine «detaillierte Überprüfung» der Buchhaltung an.

«Bewegung» als tatkräftige Alternative

Dazu kommt: Der Rückhalt der Organisa­tion bei den Jenischen bröckelt. Kaum war der Beobachter-Artikel öffentlich, legte der Vizepräsident der Radgenossenschaft sein Amt nieder. In den sozialen Netzwerken ­ärgern sich Jenische über die «Schande» und über «mafiöse Zustände» in der Genossenschaft, die «das jenische Volk schon lange geahnt» habe.

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Die Radgenossenschaft stand bei vielen Jenischen schon länger in der Kritik. Der Verwaltungsrat – das Leitungsgremium – bestand die letzten Jahre zu einem grossen Teil stets aus engen Verwandten Daniel Hubers; er selber war 2010 als Nachfolger seines Vaters Robert Huber zum Präsidenten gewählt worden, der seinerseits rund ein Vierteljahrhundert im Amt war. Neu aber ist, wie brüsk Jenische auf Distanz ­gehen: Die im letzten Winter gegründete «Bewegung der Schweizer Reisenden» lud nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Huber eigens zu einer Medienkonferenz, um der Konkurrenz vorzuwerfen, sie mache ihre Arbeit nicht. «Entsprechend sind die Subventionen an sie nicht gerechtfertigt», sagte Mike Gerzner, Präsident der «Bewegung». Für ihn ist die Radgenossenschaft mitverantwortlich für den Mangel an Stand- und Durchgangsplätzen und die Schikanen, denen die Schweizer Fahrenden vielerorts ausgesetzt sind. Deutlich wird dabei: Die «Bewegung» versucht sich als tatkräftige Alternative zur angeschlagenen Radgenossenschaft zu positionieren.

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Ihren ersten prominenten Auftritt hatte sie im April, als nach ihrem Aufruf über 100 Fahrende die Berner Allmend besetzten. Die Radgenossenschaft schloss sich den Protesten nicht an; vor allem junge Jenische verziehen ihr dieses Abseitsstehen nicht. Doch den Vorwurf, die Radgenossenschaft mache ihre Arbeit nicht, will Verwaltungsrat Jean-François Gerzner nicht gelten lassen. Gerzner sitzt erst seit diesem Frühling im Leitungsgremium der Organisation und hat Huber schon zum Rücktritt aufgefordert, als dessen Geldbezüge noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen ­waren. «Wir kämpfen auf politischem Weg für mehr Plätze für das jenische Volk, wir suchen Kontakt zu Behörden, verhandeln», sagt er. «Das ist ein langwieriger Weg – doch wir glauben, wir kommen damit ­weiter als mit spektakulären Aktionen.» Er verstehe die «Ungeduld der Jungen», sagt Gerzner. «Aber wir können keine Plätze herzaubern.»

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Widerstand in Gemeinden gegen Fahrende

Tatsächlich scheitern Plätze für Schweizer Jenische häufig an fehlendem politischem Willen. Das Bundesgericht anerkannte 2003 zwar ihr Recht auf angemessene Stand- und Durchgangsplätze, doch ge­ändert hat sich wenig für die rund 2500 Schweizer Fahrenden, die mit dem Wohnwagen unterwegs sind. Die Raumplanung obliegt den Kantonen. Suchen die Fahrenden nach Plätzen, stossen sie häufig auf Widerstand bei den Gemeinden – oder spätestens bei den Stimmberechtigten. Erst noch im Mai scheiterte in Thal SG an der Urne eine Umzonung, die einen Durchgangsplatz ermöglicht hätte.

Trotzdem: Die Schweiz wird nicht umhinkommen, ihren Fahrenden genügend Plätze zur Verfügung zu stellen.