Eigentlich ist es klar: Der Bund ist gesetzlich verpflichtet, die Kultur der Jenischen zu fördern – Kantone und Gemeinden müssen laut Bundesgericht dafür sorgen, dass es genügend Stand- und Durchgangsplätze gibt. Nur: Mit beidem hapert es. Die Zahl der Plätze sinkt, und niemand weiss so recht, ob die Radgenossenschaft – die vom Bund finanzierte Dach­organisation der Jenischen – wegen ihrer Geldprobleme noch handlungsfähig ist.

Bei den Fahrenden wächst der Unmut. So sagt Mike Gerzner, Präsident der Bewegung der Schweizer Reisenden, die sich als kritische Alternative zur Radgenossenschaft sieht: «Die Förderung der jenischen Kultur ist in der heutigen Form eine Farce. Der Bund müsste sie neu organisieren – und klar hinschauen, dass seine Gelder auch sinnvoll genutzt werden.»

Gerzner kritisiert neben der Radgenossenschaft vor allem die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. Sie wurde 1995 vom Bund gegründet, um die Lebensbedingungen der Jenischen zu verbessern. Er stattete sie mit einer Million Franken Stiftungskapital aus und überweist ihr jährlich gut 150'000 Franken; der Sekretär und die Mehrzahl der Stiftungs­räte sind Nichtjenische. Laut Gerzner wissen die meisten Fahrenden nicht einmal, dass es die Stiftung gibt: «Von der Förderung, die sie angeblich betreibt, spüren die Jenischen nichts.»

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«Sehr behördenlastig»

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) teilt die Kritik am Bund. Die Politik habe geglaubt, es genüge, die Jenischen als Minderheit anzuerkennen und die daraus ent­stehenden Aufgaben an subventionierte Organisationen auszulagern. «Dieses System funktioniert nicht», sagt Angela Mattli, bei der GfbV zuständig für Jenische, Sinti und Roma. «Nötig wären konkrete Leistungsverträge mit einzelnen Organisationen.» Das Bundesamt für Kultur beruft dieser Tage eine «Taskforce» zur ersten Sitzung ein; sie soll einen «Ak­tionsplan» erarbeiten, um die Lage der Jenischen und anderer fahrender Minderheiten zu verbessern. Mattli ist skeptisch, ob dies ein erster Schritt zu ­einer sinnvollen Neuorganisa­tion ist. «Die Taskforce ist sehr behördenlastig», sagt sie. «Ich bin nicht sicher, ob darin die Minderheiten und die Nicht­regierungsorganisationen genügend gehört werden.»

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Unklar ist, wie es mit der Radgenossenschaft weitergeht, die im Sommer vor dem Konkurs stand. Präsident Daniel Huber droht indes neuer Ärger: Nachdem er seine ehemalige Geschäftsführerin für die finanzielle Schieflage verantwortlich gemacht hatte, hat ihn diese nun wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, mehrfacher Verleumdung und Urkundenfälschung angezeigt.