Die Südlage ist grossartig, das Dorf klimatisch verwöhnt, gelegen in der idyllischen Appenzeller Landschaft. Der Name: Waldstatt AR. Seit einiger Zeit aber hat Waldstatt ein Problem. «Es gibt eine Gruppe Jugendlicher, die sich im Bereich des Bahnhofs aufhält und Grenzen überschritten hat», erzählt Gemeindepräsident Hans-Peter Ramsauer.

Der 16-jährige Florian und seine Kollegen wurden Opfer dieser Jugendgruppe. An einem Sonntagnachmittag wurde Florian von einem der Jugendlichen hinterrücks mit einem Schlag auf den Hinterkopf niedergestreckt. Der Angriff erfolgte ohne Grund. Zwei Wochen später wurde Florian erneut drangsaliert, diesmal von mehreren: Die Jugendlichen ausländischer Herkunft bedrohten ihn mit dem Tod. Florian traut sich seither kaum mehr in die Nähe des Bahnhofs. Früher benutzte er den Bus, um nach Herisau zur Arbeit zu fahren. Jetzt müssen ihn seine Eltern fahren, immer dann, wenn Gefahr besteht, dass die Täter sich in Bahnhofsnähe aufhalten. «Wir haben einen Psychologen beigezogen. Aber mein Sohn sagt, er sei einfach noch nicht so weit», so der Vater.

«Täter mit einer Therapie belohnt»

Florians Vater machte eine Strafanzeige, die Polizei ermittelte die einschlägig bekannten Schläger und führte sie der Jugendanwaltschaft vor. Diese ordnete «eine ambulante Massnahme zur Gewaltentwöhnung» an. «Ich bin zum Schluss gekommen, dass der Täter diese Chance verdient», so der Jugendanwalt Michael Friedli in Trogen AR. Falls sich die Massnahme nicht bewähre, werde auch eine stationäre Massnahme «geprüft».

Da gehen bei Florians Vater die Emotionen hoch: «Die haben diesen Typen mit einer Therapie bei einem Psychologen ‹belohnt›. Wenn jemand eine Bedrohung ist für einen anderen, gleich welchen Alters und welcher Herkunft, muss er doch weggesperrt werden. Ich verstehe das nicht.» Rund 240 Einwohnerinnen und Einwohner von Waldstatt teilen sein Unverständnis. Sie haben einen Brief unterzeichnet, den der Vater an die Gemeinde und die Ausserrhoder Regierung schrieb.

Die Verunsicherung scheint in der gesamten Bevölkerung zu bestehen. Und sie hat ein Rezept dagegen, es ist dasselbe wie jenes von Florians Vater: härtere Strafen. Im Januar publizierte das Forschungsinstitut GfS die Ergebnisse einer Umfrage: Landesweit sprachen sich 70 Prozent der Befragten für eine Verschärfung des Jugendstrafrechts aus. Ebenfalls 70 Prozent fanden, es sollte möglich sein, jugendliche Straftäter ausländischer Herkunft auszubürgern. Eine Umfrage der Initiative «Perspektive Schweiz» kam im November zu ähnlichen Ergebnissen. Rund 68 Prozent befürworteten sogar strikt geführte Erziehungslager, sogenannte Drillcamps.

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Ist das der richtige Weg? Die Antwort von Dieter Hebeisen, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Jugendstrafrechtspflege (SVJ), ist klar: «Der Ruf nach schärferen Urteilen und nach dem ‹Wegsperren› ist falsch. Mit einer Massnahme, beispielsweise in einem Erziehungsheim, können wir länger und gezielter auf junge Menschen einwirken.»

Das Jugendrecht ist als sogenanntes Täterstrafrecht konzipiert. Das heisst, nicht Art und Schwere der Tat stehen im Vordergrund, sondern die Persönlichkeit des Täters. Dieser soll durch geeignete Massnahmen wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Dazu gehören etwa eine ambulante Psychotherapie, ein Antiaggressionstraining, aber auch eine stationäre Schutzmassnahme in einer jugendgerechten Erziehungseinrichtung. Die Strafen selbst fallen oft sehr niedrig aus.

Die Öffentlichkeit steht dem Jugendstrafrecht wohl auch kritisch gegenüber, weil sie nur schwer nachvollziehen kann, was mit einem jugendlichen Täter vor Gericht passiert. Denn die Verfahren sind – im Unterschied zum Erwachsenenstrafrecht – grundsätzlich nicht öffentlich. Ein Umstand, der die Zweifel am guten Funktionieren der Jugendjustiz fördert.

Über die Urteile wird geschwiegen

Jugendanwälte geben sich mit Hinweis auf die gesetzliche Regelung denn auch sehr wortkarg, wenn sie nach dem konkreten Urteil in einem Verfahren gefragt werden. In Winterthur etwa brachen zwei betrunkene Jugendliche, beide 16 Jahre alt, ein Auto auf und wollten damit nach Hause fahren. Beim Zurücksetzen prallten sie heftig gegen den Kühlraum einer Fleischhandelsfirma. Es entstand ein Sachschaden von rund 50000 Franken. Nach der Sanktion gefragt, sagt Jugendanwältin Carola Schill: eine «persönliche Leistung von mehreren Tagen».

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Ähnlich vage antwortet der Aargauer Jugendanwalt Hans Melliger. Er musste sich mit einem 16-Jährigen befassen, der betrunken ein Auto klaute, innerorts auf die Gegenfahrbahn geriet, dabei fast mit einem korrekt fahrenden Auto kollidierte und schliesslich eine Böschung hinunterschleuderte. Urteil: «eine pädagogisch sinnvolle Massnahme». Allgemein gesprochen, könne man sagen, dass im Jugendstrafverfahren die ganze Täterpersönlichkeit durchleuchtet werde, Freizeitverhalten, berufliche Integration und das Verhältnis zu den Eltern. Dann werde das Urteil gefällt.

Das Jugendstrafrecht kümmert sich um die Persönlichkeit und um die Defizite des Täters. Wird dieses Vorgehen aber auch den legitimen Bedürfnissen der Opfer gerecht? Nein, findet Rolf Nölkes, Leiter der Opferberatungsstelle Triangel in Zug: «Trotz Opferhilfegesetz sind aus unserer Sicht die Täterrechte gerade bei jugendlichen Tätern grösser als die Opferrechte.» Allgemein scheint es an Empathie zu fehlen, am Einfühlungsvermögen gegenüber den Opfern. Nölkes hat nach eigenen Angaben erlebt, dass in einer Schulklasse im Kanton Zug ein Schüler, der stark gemobbt wurde und die Schule kurzzeitig verlassen hatte, nicht mehr zurückdurfte. Grund: Der Schuldirektor und die für die mobbenden Jugendlichen zuständigen Lehrer befürchteten, dass die Täter rückfällig und damit ihr Schulziel verfehlen würden.

Auch Carola Gruenberg hat Mühe mit der einseitigen Ausrichtung des Jugendstrafrechts auf die Täter. Die Zürcher Rechtsanwältin vertritt Menschen, die Opfer von Jugendgewalt geworden sind. Sie spricht von einer «eklatanten Diskrepanz» zwischen der Aufmerksamkeit, die von Staats wegen dem Täter zuteilwird, und der Aufmerksamkeit, die das Opfer erhält. «Für die Opfer sind Jugendstrafverfahren sehr frustrierend. Viele Jugendanwälte haben Mühe, die Bedürftigkeit der Opfer mitzureflektieren», sagt Gruenberg. Sie bekomme Anrufe von empörten Eltern, die zusehen müssten, wie sich ein Heer von Sozialarbeitern um die Täter kümmere, ihnen Lehrstellen besorge, während die eigene Tochter, Opfer eines sexuellen Übergriffs, aus dem Tritt komme und die Folgen bis weit in das Berufsleben zu tragen habe.

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Die Empathie, das wohlwollende Verständnis, das viele Jugendanwälte den delinquierenden Jugendlichen entgegenzubringen scheinen, ist wohl systembedingt. «Zu Beginn sieht man im Jugendlichen den Täter. Mit der Zeit aber verschiebt sich die Optik, und er wird selbst zu einem Opfer», erklärt ein Jurist, der selber auf der Jugendanwaltschaft gearbeitet hat. Das führe dazu, dass Geschädigte zu Gegnern würden, die die erfolgreiche Reintegration des Täters in die Gesellschaft gefährden.

«Das finde ich nicht», wehrt sich, mit diesem Vorwurf konfrontiert, Hans-Ulrich Gürber, Sprecher der Zürcher Jugendanwaltschaften. Denn: Die erste Aufgabe des Jugendstrafrechts sei es, sich mit dem Täter zu befassen, und eben nicht die Vergeltung. Wer Sühne wolle, werde enttäuscht. «Es geht darum, zu verhindern, dass weitere Delikte begangen werden. Eine gute Integration des Täters ist die beste Methode, um dieses Ziel zu erreichen», so Gürber. Wie gut das gelingt, ist unbekannt. Zur Rückfallquote von delinquierenden Jugendlichen gibt es keine aktuellen Zahlen.

Bedingte Strafe für kaltblütigen Schläger

Rechtsanwalt Christoph Erdös Erfahrung scheint allerdings eher die Darstellung des obenerwähnten ehemaligen Jugendanwalts zu stützen. Erdös vertrat im Namen der Angehörigen den 39-jährigen Mann, der im Januar 2007 in Hedingen ZH nach einem verbalen Streit von einem 17-Jährigen mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde, mit dem Hinterkopf auf den Asphalt schlug und am folgenden Tag an den schweren Kopfverletzungen starb. Kam es wirklich nur zu diesem einen Schlag? «Das Verletzungsbild des Opfers ist mit dieser Darstellung nicht in Einklang zu bringen», sagt Erdös. Das Bezirksgericht Affoltern am Albis aber akzeptierte die Anklageschrift, obwohl Erdös ein zusätzliches Gutachten zum Tathergang verlangt hatte, um die Ungereimtheiten zu klären.

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Das Urteil sorgte für Schlagzeilen. Obwohl die Richter dem Schläger «grosse Brutalität, Arroganz, Kaltblütigkeit und Verachtung von Menschenleben» attestierten – wenige Monate nach der Tat in Hedingen hatte er nämlich mit seinem Zwillingsbruder und einem Kollegen drei Klubbesucher im Zürcher «X-tra» verprügelt –, verurteilten sie ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren. Die Strafe wurde aufgehoben zugunsten einer Einweisung in eine geschlossene Erziehungseinrichtung. Dort kann der 18-Jährige eine Ausbildung machen, Betreuer kümmern sich um seine persönlichen Schwierigkeiten. Vor der Entlassung – spätestens bei Vollendung des 22. Altersjahrs – kann er auf Hilfe bei der Stellensuche zählen.

Der Jugendanwalt klagte den fatalen Faustschlag in Hedingen als fahrlässige Tötung an. Für den Zürcher Strafrechts- und Kriminologieprofessor Martin Killias ist das schon darum bedauerlich, weil das Gericht an die Anklage gebunden ist. Es wurde so daran gehindert, auf eventualvorsätzliche Tötung zu erkennen.

Im Unterschied zur fahrlässigen nimmt der Täter bei der eventualvorsätzlichen Tötung in Kauf, dass durch sein Handeln ein Mensch zu Tode kommt. Entsprechend schärfer fällt die Strafe aus. Killias: «Für mich liegt auf der Hand: Wer mit voller Wucht einen Faustschlag gegen den Kopf eines Menschen ausführt, muss damit rechnen, dass der andere benommen hinfällt und deshalb ungebremst mit dem Kopf auf dem Boden aufschlägt.» Natürlich, so Killias, müsse man in jedem Fall die Akten kennen, was bei einem geheimen Jugendstrafprozess nicht möglich ist. Aber aufgrund der Fakten, die in den Medien durchgesickert sind, ist es seiner Meinung nach abwegig, hier von einem bedauerlichen Unfall zu sprechen. «Wenn das keine eventualvorsätzliche Tötung war, weiss ich nicht mehr, wie ich meinen Studenten den Eventualvorsatz erklären soll.»

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Killias beobachtet auch eine Tendenz zu immer längeren Verfahren. So sei es etwa verheerend, wenn die Polizei einen Schüler aus der Klasse holt, dieser spätestens am anderen Tag jedoch schon wieder an seinem Platz ist – und danach während Monaten anscheinend unbehelligt bleibt. «Das ist das falsche Signal», so Killias. Die Jugendlichen lernten dadurch: Wenn ich delinquiere, passiert gar nicht so viel – und vor allem erst mal monatelang nichts.

«Eine kleine Gruppe Hochgefährlicher»

Mit seiner Forderung nach einer nachdrücklicheren Sanktionspraxis steht Killias nicht allein. So fordert der Strafrechtsprofessor und SP-Nationalrat Daniel Jositsch die Einführung einer Sicherungsmassnahme bis zum 25. Altersjahr im Jugendstrafrecht, um die Gesellschaft besser vor jugendlichen Gewalttätern mit hohem Rückfallrisiko zu schützen. Jositsch sieht die Sicherungsmassnahme als letztes Mittel, wenn alle anderen Mittel von vornherein keinen Erfolg versprechen.

Schützenhilfe erhält Jositsch vom Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Zürcher Justizvollzugs, Frank Urbaniok. Auch dieser fordert ein «härteres Vorgehen bei besonders gefährlichen Jugendlichen». Man müsse Abschied nehmen von der Vorstellung, es seien stets die schwierigen sozialen Umstände, die Jugendliche kriminell werden liessen, und diese Phase wachse sich mit der Zeit aus. «Fakt ist, dass es eine kleine Gruppe hochgefährlicher Jugendlicher gibt, die auch später eine Gefahr darstellen.»

Ein Patentrezept, wie mit diesen Jugendlichen umzugehen ist, hat auch Urbaniok nicht. «Auf jeden Fall aber müssen die Interessen künftiger Opfer angemessen berücksichtigt werden.» Florian, das Prügelopfer aus dem Appenzell, dürfte zu jenen gehören, die dieser Aussage beipflichten.

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