Die Schublade von Pierre-Emmanuel Esseiva, Gerichtspräsident des Bezirks Saane, war zeitweise das schwarze Loch der Freiburger Justiz: Darin verschwanden Fälle, verjährten, ohne dass je ein Richter seine Arbeitskraft daran hätte verschwenden müssen. Als Esseiva im März 2005 in Pension ging, lagen 43 Dossiers darin. Alle 17 Jahre alt und mehr.

«Es waren keine grossen Delikte», meint Esseiva, der unterdessen in Villars-sur-Glâne seinen Ruhestand geniesst. «In einem Fall ging es um Ehrverletzung, in einem anderen um Beschuldigte, die nun schon zehn Jahre tot sind.» Stimmt. Am Ende sterben wir alle, und so lassen sich Strafverfahren eigentlich am effizientesten erledigen. «Es hat nie jemand bei mir reklamiert», so Esseiva weiter. Er habe die Fälle wegen Überlastung nicht erledigen können: 1988 sei er Bezirksgerichtspräsident geworden und habe eigentlich gemäss einem Urteil des Menschenrechtsgerichtshofs in Strassburg nicht mehr gleichzeitig als Untersuchungsrichter amten dürfen.

Sang- und klanglos abschreiben
Darum habe er beim Kantonsgericht angefragt, was er mit den verbleibenden rund 100 Strafverfahren machen solle. «Das Kantonsgericht meinte: ‹Behalten Sie die doch.›» Im Lauf der Jahre konnte Esseiva noch rund 50 Verfahren erledigen. Als das Kantonsgericht bei Esseivas Pensionierung von den unerledigten Fällen hörte, wollte es sie sang- und klanglos abschreiben. Doch das nahm der Staatsrat «mit Erstaunen zur Kenntnis» und überwies die Sache dem Untersuchungsrichteramt zur vertieften Abklärung. Dieses trat umgehend in Ausstand, weil man Esseiva kannte. Pierre Kaeser, Präsident des Kantonsgerichts, meint: «Wir haben nun einen ausserordentlichen Richter mit dem Fall beauftragt. Mehr kann ich nicht sagen.»

Für Esseiva dürften die schubladisierten Fälle noch nicht erledigt sein. «Das Vorliegen eines Verschuldens von Pierre-Emmanuel Esseiva scheint vorliegend nur schwer zu bestreiten zu sein», schrieb der Freiburger Staatsrat. Das sieht der Pensionär anders: «Das Einzige, was ich mir vorwerfen muss, ist, dass ich die Verfahren nicht rechtzeitig per Verfügung wegen Verjährung eingestellt habe», meint Esseiva und skizziert damit die perfektionierte Form der Schubladentaktik.

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Quelle: Charly Rappo