Für 1289 Arbeitsstunden à 469 Franken hatte der Anwalt aus Genf bereits Rechnung gestellt. Doch das genügte ihm nicht, hatte er doch 90 Millionen Franken für seine Mandanten erstritten. Er tat, wovon jeder Schreiner oder Maler nur träumen kann: Er erhöhte im Nachhinein seinen Stundenansatz auf 1400 Franken. Wie wenn ein Sanitärinstallateur sein Honorar verdreifachen könnte, wenn die Toilette wieder funktioniert.

Doch das Bundesgericht gab dem Anwalt seinen Segen: Erfolgshonorare seien im Genfer Anwaltsgesetz vorgesehen, begründen die fünf Richter ihren Entscheid. Ihnen war es egal, dass ein Bundesgesetz Anwälten seit 2002 Erfolgshonorare verbietet. Dieses Verbot gelte nur, wenn bezüglich des Honorars Vereinbarungen getroffen würden, meinten die Richter. Das sei hier nicht der Fall. Egal war den Bundesrichtern auch, dass der Anwalt über seine Honorarpraxis vorgängig nicht informiert hatte, wie das fragliche Bundesgesetz ebenfalls ausdrücklich vorschreibt.

«Dieses Urteil verleitet Anwälte dazu, ihre Klienten übers Honorar im Ungewissen zu lassen. Denn so können sie im Erfolgsfall eine gesalzene Zusatzrechnung aus dem Hut zaubern», warnt Rechtswissenschaftler Daniel Schwander, der sich eingehend mit dem Fall befasst hat. Sein Rat: «Konsumenten sollten mit Anwälten das Honorar immer schriftlich vereinbaren und Erfolgshonorare ausschliessen.»

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Gut geschützte Interessen

Brisant: Die Genfer Praxis könnte bald schweizweit Schule machen. Die Standesordnung des Schweizerischen Anwaltsverbands (SAV) enthält nämlich eine ganz ähnliche Formulierung wie das Genfer Anwaltsgesetz.

Ist es wenigstens so, dass ein Anwalt bei Misserfolg auf sein Honorar ganz oder zu wesentlichen Teilen verzichten muss? Nein, das darf er laut Gesetz nicht einmal, meint der SAV. Er muss dem Mandanten Kosten und einen angemessenen Gewinn immer in Rechnung stellen, auch bei totaler Prozessniederlage. Absahnen bei Erfolg und Einkassieren bei Misserfolg: Anwälte machen offenbar immer Gewinn.