Lic. iur. C. Siegenthaler, Advokatur - Verwaltungen», steht auf dem Geschäftsschild an der Westbahnhofstrasse 1 in Solothurn. Darum glaubte sich Sonja Adam in guten Händen, als sie sich Anfang 2006 an ihn wandte. Er sollte ihr helfen, sie beim Arbeitsamt korrekt anzumelden und für ihre Tochter Stipendien zu beantragen sowie Alimente einzufordern. Doch bald kamen ihr Zweifel: Siegenthaler schaffte es nicht einmal, ihren und den Namen der Tochter richtig zu schreiben. Er merkte nicht, dass es für weitere Alimente ein neues Scheidungsurteil brauchte. Und gegenüber dem Arbeitsamt gab er eigenmächtig an, Adam sei zu 80 Prozent vermittelbar, obwohl sie nur zu 50 Prozent arbeiten konnte. «Er stand nie auf meiner Seite und hat schludrig gearbeitet», sagt Adam. «Deshalb entzog ich ihm das Mandat.» Dann kam die gesalzene Schlussrechnung: Nachdem er bereits einen Vorschuss von 1'100 Franken kassiert hatte, wollte Siegenthaler noch weitere 2'683 Franken zuzüglich 8,5 Prozent Verzugszinsen.

Dabei verrechnete Siegenthaler Tätigkeiten, die er nie erbracht hatte. Schliesslich entnahm Adam der Lokalpresse, dass ihr «Advokat» nie eine Anwaltsprüfung abgelegt hatte. Vom Bezirksgericht Solothurn wurde er deshalb im März 2007 mit 1'000 Franken gebüsst.

«Wie kann es sein, dass so jemand sich überhaupt noch als Rechtsberater, ja Advokat anpreisen darf?», fragt Adam.

Das ist möglich, weil sich in der Schweiz jedermann Rechtsberater nennen kann und dieser Beruf keiner Aufsicht untersteht. Ein Missstand, der immer wieder dazu führt, dass ahnungslose Leute geschädigt werden (siehe Artikel zum Thema «Rechtsberatung: Da ist schlechter Rat teuer»). Sie müssen den mühsamen Gerichtsweg beschreiten: Schadenersatz einklagen, eine Strafanzeige wegen Verletzung des Anwaltsgesetzes oder wegen Betrugs einreichen.

Carl Siegenthaler will zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen. Er hat das erstinstanzliche Urteil angefochten und nennt sich weiter Advokat.

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