Die Projektile mit den daran befestigten Elektroden dringen direkt in die Haut. Durch dünne Drähte bleiben die Elektroden mit der Pistole verbunden. Mit einem Stromschlag von 50'000 Volt wird die getroffene Person ausser Gefecht gesetzt. Das Nervensystem der harpunierten Person tritt kurzzeitig ausser Funktion, sie wird bewusstlos und bricht zusammen. Von unkontrollierbaren Krämpfen geplagt, windet sie sich vor Schmerz am Boden.

Taser heisst die handliche Stromschleuder, deren Anwendung wie die Beschreibung von Captain Kirks legendärer «Phaser-Gun» aus der TV-Serie «Raumschiff Enterprise» klingt. Die laut US-Hersteller nicht tödliche Waffe benutzen in der Schweiz verschiedene Polizeikorps.

Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement sieht diese Elektropistole besonders in einem Einsatzbereich für hoch geeignet an: Taser sollen neu bei Zwangsausschaffungen zum Zuge kommen, etwa im Flugzeug. Das Departement von Bundesrat Christoph Blocher schickte das entsprechende Zwangsanwendungsgesetz bis Ende Februar in die Vernehmlassung.

Dagegen gibt es Widerstand: «Abgewiesene Asylsuchende sind keine Straftäter», sagt Jürg Keller, Pressesprecher von Amnesty International (AI) Schweiz. «Die Ausschaffung ist eine rein administrative Massnahme. Dabei Elektroschockwaffen einzusetzen ist völlig unverhältnismässig.» Und AI-Kollegin Denise Graf ergänzt: «Die Waffe birgt tödliche Gefahren.»

Die Kantone müssen entscheiden
Tatsächlich kann ein Elektroschock gemäss dem Bericht des Departements für Leute mit Herz-Kreislauf-Problemen, laut anderen Experten auch für schwangere Frauen und Leute in grosser Aufregung problematisch sein. Und gerade abgewiesene Flüchtlinge sind bei ihrer Ausschaffung in einem Zustand höchster Erregung.

Als «unproblematisch» stuft hingegen Luzius Mader, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Justiz, den Einsatz im Flugzeug ein. Den Entscheid, Taser im Notfall zu benutzen oder nicht, überlässt er den kantonalen Polizeidirektionen, die für die Zwangsausschaffungen von abgewiesenen Asylbewerbern verantwortlich sind.

In Neuenburg ist der Beschluss bereits gefallen. «Taser kommen für uns absolut nicht in Frage», ist für Justiz- und Polizeidirektorin Monika Dusong klar. «Wir wollen die Ausschaffungen menschenwürdiger vollziehen.» Auch der Kanton Basel-Stadt ist strikt gegen die Anwendung der Schockpistole. «Es ist nicht mit hundertprozentiger Sicherheit nachgewiesen, dass sie keine gesundheitlichen Schäden anrichtet», sagt Jürg Mannhart, Mediensprecher des Sicherheitsdepartements.

«Mit dem Taser kann ein Aggressor kampfunfähig gemacht werden, ohne dass man ihn umbringt», sagt Roland Stämpfli, Erster Sekretär der Schweizerischen Polizeitechnischen Kommission (SPTK). Diese empfahl den Polizeikorps des Landes im Juli 2003 die Anschaffung. Hunderte von Polizisten erprobten ihn seither am eigenen Leib. «Wer mit der Waffe hantiert, sollte selber mal paralysiert worden sein», erklärt Stämpfli. Auch er unterzog sich dem Selbstversuch. Sein Fazit: Die Waffe sei nicht ganz ungefährlich. Wer einmal einen Stromstoss erlitten habe, provoziere in der Regel keinen mehr. In den USA starb gemäss Amnesty International ein Polizist bei einem solchen Selbsttest. In der Schweiz gab es bisher noch keine Probleme. «Unsere Polizisten sind alles gesunde Leute.»

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Bereits 74 Tote in Nordamerika
In den USA und in Kanada gehört der Elektroschocker zur Alltagsausstattung der Polizei. Trauriges Ergebnis: In den letzten drei Jahren starben 74 mit dem Elektroschocker zur Strecke gebrachte Menschen, wie ein Bericht von Amnesty International aufzeigt. Die Menschenrechtsorganisation fordert ein Verbot von Tasern in der Schweiz – auch bei Zwangsausschaffungen. Die Auswirkungen müssten erst gründlich und von einer unabhängigen Instanz untersucht werden.

Auch die Fluggesellschaft Swiss hält von einem Einsatz der Waffe an Bord gar nichts: «Wir sind absolut dagegen», fasst sich Mediensprecher Jean-Claude Donzel kurz. Dabei bleibt offen, ob die Sorge des Flugunternehmens mehr den Auszuschaffenden oder den Flugpassagieren gilt, denen es den Anblick eines zu Boden sinkenden und sich in Krämpfen windenden Paralysierten nicht zumuten will. Kritisch äussert sich auch die Pilotengewerkschaft Aeropers. «Ein Einsatz stünde höchstens dann zur Diskussion, wenn damit die Flugsicherheit insgesamt erhöht würde», sagt Geschäftsführer Christoph Ulrich.

Auch im Bundesparlament wird die vermeintliche Wunderwaffe jetzt zum Thema. «Die Anwendung von Elektroschocks ist absolut menschenverachtend», hielt SP-Nationalrätin und Europaratsmitglied Ruth-Gaby Vermot bereits 2001 in einem Bericht zuhanden des Europarats fest. «Taser werden heute noch als Folterinstrumente eingesetzt, etwa in Guantánamo auf Kuba oder im Gefängnis Abu Ghraib im Irak. Und die Schweiz will sie tatsächlich einführen!» Ihr Ratskollege und Arzt Paul Günter warnt, man dürfe sich hier nicht vom Wunschdenken leiten lassen, eine sehr wirksame, harmlose Waffe gefunden zu haben. «Es dürfte wie bei den Medikamenten sein: Was stark wirkt, hat immer – oft sehr gefährliche – Nebenwirkungen.»

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