Ein ungewöhnliches Tief befindet sich zurzeit über der Normandie. Der Sturm wird Mitte Vormittag unser Flachland erreichen. Es ist mit Schäden zu rechnen. Wenn möglich, sollte man sich nicht an exponierten Stellen aufhalten.»

Sonntag, 26. Dezember 1999, 7 Uhr 30. Wie immer um diese Zeit steht in der Morgensendung von DRS1 der Wetterbericht auf dem Programm. Gegen eine Million Personen hören diese Station.

Die Windstärken über dem Mittelland sind mässig. Es fällt leichter Regen. Vier Stunden später tobt ein orkanartiger Sturm über die Alpennordseite – ein Naturereignis, wie es unser Land dieses Jahrhundert noch nie gesehen hat. Allein in der Schweiz werden über ein Dutzend Menschen getötet. Die materiellen Schäden übersteigen eine Milliarde Franken.

Laut Philippe Roch, Direktor des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft, haben wir in Zukunft vermehrt mit derartigen Vorkommnissen zu rechnen.

Wie verlässlich ist unser Alarmsystem? Haben unsere Meteorologen versagt? Im Zusammenhang mit «Lothar» wurden der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt (SMA) teils schwere Vorwürfe gemacht. Ein Blick in den Meldungskatalog der SMA fördert hingegen Erstaunliches zu Tage: Bereits am 22. Dezember, also vier Tage vor dem Ereignis, wurde via Radio die Meldung verbreitet, dass «über die Weihnachtstage stürmischer Westwind» zu erwarten sei. Die Vorhersage wurde bis zum betreffenden Datum täglich wiederholt.

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Das Pflichtenheft der SMA war damit allerdings erfüllt. «Was mit unseren Informationen geschieht, wissen wir nicht», sagt Peter Albisser, Leiter des Prognosendienstes. Doch auch ihm ist klar: «Das heutige Alarmsystem ist unbefriedigend.»

An den technischen Instrumenten kann es nicht liegen. Rund 100 Messstationen melden der SMA im Zehnminutentakt lokale Windgeschwindigkeiten, Druckänderungen, Feuchtigkeits- und Temperaturwerte aus der ganzen Schweiz. 220 Personen sind in diesem Institut beschäftigt. Die meteorologischen Lagebeurteilungen werden rund um die Uhr an Flug- und Warndienste, Polizeistellen, Unterhaltsdienste, Medien und Tourismuszentralen versandt. Die Genauigkeit der Vorhersagen beträgt rund 80 Prozent.

Mit der Information allein ist es aber nicht getan. «Die Frage ist, was die Bevölkerung mit derartigen Meldungen macht», sagt Albisser: «Ein Bergsteiger realisiert wohl, dass er jetzt besser zu Hause bleibt; jemand anderer geht bei einer Sturmwarnung begeistert auf den See.»

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Sehr viele Möglichkeiten, Windstärken zu charakterisieren, gibt es nicht. Dem Meteorologen stehen in klassischer Manier nur ganze vier Adjektive zur Verfügung: «schwach», «mässig», «stark» und «stürmisch». Peter Albisser: «Viele Leute in der Schweiz haben gar keinen Bezug zu diesen Begriffen.» Hinzu kommt: Die praktischen Konsequenzen, die das Reizwort «Sturm» aufdrängt, können regional höchst unterschiedlich sein.

Die Vorhersehbarkeit der Windkanäle wird durch die Schweizer Topografie erheblich erschwert. Eine nur leicht hügelige Landschaft kann innert weniger 100 Meter die Sturmrichtung bis um 30 Grad verändern. Zerstörerische Unwetter sind also nur schwer im Voraus zu lokalisieren.

Oft wird auch vergessen, dass sich die Windgeschwindigkeit nicht eins zu eins auf die zu erwartenden Schäden übertragen lässt. Albisser: «Die Regionen Basel und Schaffhausen hatten dieselben Windstärken wie das Mittelland; dieses erlitt aber durch Böen und abrupte Einbrüche viel grössere Verwüstungen.»

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Vorsichtig mit Alarmmeldungen
Längerfristige Vorhersagen sind heikel. Je weiter eine Prognose reichen soll, desto ungenauer wird sie. «Bei Extremereignissen ist die Treffsicherheit eher schlechter. Der Rückgriff auf vergleichbare Daten fehlt.» Die SMA ist zudem äusserst vorsichtig mit dramatischen Warnungen. Albisser: «Der Verlust unserer Glaubwürdigkeit wäre eine Katastrophe.»

Im Unterschied zu den Bewegungen des Windes lassen sich bestimmte Wasserschäden leichter prognostizieren. Lawinenaktivität, gefallenes Holz, Temperaturanstieg und dauernder Regen machten die Wasserfluten vom Mai 1999 lang im Voraus erahnbar. Bereits im März setzte der Kanton Bern eine Arbeitsgruppe ein: Sie informierte die gefährdeten Gemeinden über die Präventionsmöglichkeiten. Die Krisenstäbe in den Seegemeinden konnten ohne grossen Zeitdruck arbeiten; als das Ereignis eintraf, nahmen Feuerwehr, Zivilschutz und Militär planmässig ihre Aufgaben wahr.

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Grössere Probleme als anhaltende Niederschläge bieten punktförmige Regengüsse. Im August 1997 wurde die Gemeinde Sachseln Opfer eines derartigen Gewitters. Auf den Messstationen der SMA waren keinerlei Anzeichen dafür zu erkennen; eine Alarmierung war unmöglich. Todesfälle gab es in Sachseln nicht. Möglicherweise darum, weil ein Alarm fehlte. Kantonsförster Peter Lienert fürchtet, dass bei einem Warnruf die Bevölkerung in die Autos gestürzt und auf der Flucht von den Wassermassen weggespült worden wäre. Im eigenen Haus aber blieb sie unversehrt.

Auch das Wasservorkommen wird landesweit Messungen unterzogen. «Für das Rheineinzugsgebiet werden bei uns täglich Abflussvorhersagen gemacht», sagt Bruno Schädler vom Bundesamt für Wasser und Geologie: «Bei Hochwasser erfolgen die Meldungen mehrmals täglich.» Die Prognosen des Bundesamts umfassen drei Tage; für die ersten 24 Stunden sind sie relativ zuverlässig. Allerdings gilt hier die Regel: Je kleiner der Fluss, desto kürzer die Vorwarnzeit.

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Vergleichsweise zuverlässig lässt sich die Lawinengefahr einschätzen. Doch auch die Lawinenforschung stösst an ihre Grenzen. «Grossflächig sind Vorhersagen ziemlich zuverlässig», sagt Tom Russi vom Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. «Die Entwicklung eines bestimmten Lawinenzugs lässt sich jedoch mittelfristig kaum voraussagen.»

Erdbeben sind nicht voraussagbar
Für die Lawinenbeurteilung massgebend sind: der Aufbau der Schneedecke, der aktuelle Wetterzustand, die meteorologische Entwicklung. Nicht zu unterschätzen sind so genannte Fernauslöser. Dies kann der Schritt eines entfernten Wanderers sein oder ein plötzlicher, längerer Sonnenstrahl. Tom Russi: «Viele physikalische Prozesse, die zur Lawinenauslösung führen, sind noch nicht bekannt. Der Schnee ist ein schwieriges Material; in ihm sind eine Vielzahl von Gesetzen wirksam, die zum Teil noch nicht bekannt sind.»

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Seit dem katastrophalen Lawinenwinter von 1950/51 sind 1,7 Milliarden Franken für Galerien und Aufforstungen ausgegeben worden. Die Schutzmassnahmen haben gegriffen: 1950 verloren 98 Menschen im Schnee ihr Leben; im Februar 1999 waren es 17. Der Vergleich ist zulässig, weil sich die beiden Winter laut Russi «bezüglich Lawinensituation durchaus miteinander vergleichen lassen.»

Sehr schwierig ist es bei den Erdbeben. «Die einzige Prognose, die sich dazu machen lässt», sagt der Seismologe Manfred Baer von der ETH Zürich, «ist folgende: dass sich zu Erdbeben mittelfristig keine Prognosen machen lassen.» Die dafür verantwortlichen Prozesse im Erdinnern verlaufen ganz einfach zu langsam. Ort und Stärke eines zu erwartenden Ereignisses lassen sich zwar benennen; deren Zeitpunkt hingegen ist über Jahrzehnte hinaus völlig ungewiss. Das letzte grössere Erdbeben in der Schweiz verursachte 1971 im Glarnerland leichtere Bauschäden.
Prognosen sind in unserer verplanten Welt eine Kleinigkeit – könnte man meinen. Doch: Alle Vorhersagen basieren auf bekannten Ereignissen. Es gibt kein Modell, das nicht auf vergangene Erfahrungswerte zurückgreifen müsste. Extreme Daten fallen aus diesem Rahmen heraus – und sind entsprechend schwer zu deuten.

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Etwas mehr Sicherheit könnte das internationale Forschungsprogramm MAP bringen. Ein engmaschigeres Berechnungsmodell würde die Genauigkeit der Prognosen innerhalb der nächsten fünf Jahre massiv steigern. Auch scheint ein national organisiertes Alarmierungssystem nicht mehr allzu lange auf sich warten zu lassen: Die Nationale Alarmzentrale könnte «durchaus zusätzliche Aufgaben übernehmen», wie deren Sprecher erklärt. Die Fachstelle war bis anhin für eher seltene Ereignisse zuständig: Satellitenabstürze, Staudammbrüche, Chemieunfälle und erhöhte Radioaktivität.

Einen Eintrag im elektronischen Telefonbuch hat die Nationale Alarmzentrale aber bis heute nicht.


Vorwarnzeiten bei Katastrophen

im Normalfallim Katastrophenfall
Wasser
See, grosser Fluss2 bis 3 Tage24 bis 36 Stunden
kleiner Bach24 Stunden1 Stunde
Sturm24 Stundenwenige Stunden
Lawinentendenziell bis drei Tagetendenziell drei Tage

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