Beobachter: Wird unser Leben immer sicherer?
Britta Renner: Ja, objektiv verschafft uns die immer bessere Technologie mehr Sicherheit. Allerdings birgt diese Sicherheit auch neue Risiken. In Autos zum Beispiel gab es in den siebziger Jahren weder ABS noch Air­bags. Man weiss, dass die Menschen sich relativ schnell anpassen: Ist das Auto sicherer, meint man, beim Fahren mehr Risiko eingehen zu können – und tut es unter Umständen auch. Ausserdem hat man das Gefühl, im Auto alles selbst unter Kontrolle zu haben. Heute geben 85 Prozent aller Autofahrer an, überdurchschnittlich gut zu fahren. Eine statistisch schwierige Zahl. In der Psychologie nennt man das ­einen optimistischen Fehlschluss.

Beobachter: Sprechen wir über das Unglück der «Costa ­Concordia»: War es denn ein optimistischer ­Fehlschluss von Kapitän Schettino, zu meinen, man könnte dank modernster ­Navigationstechnik so nahe an der Küste vorbeifahren, ohne dass ­etwas passiert?
Renner: Das kann ich so nicht einschätzen. Möglicherweise hatte er früher die Erfahrung gemacht, dass das ohne Probleme ging. Es gibt Stimmen, die sagen, er sei von der Reederei dazu gedrängt worden. Das muss nun abgeklärt werden.

Beobachter: In einem Schweizer Reisebüro, das auf Kreuzfahrten spezialisiert ist, haben in den Tagen nach dem Unglück zehn Kunden Kreuzfahrten mit der «Costa»-Linie annulliert.
Renner: Dieses Verhalten ist typisch menschlich, wenn auch objektiv nicht immer sinnvoll – im Gegenteil. Man weiss aus der Zeit nach dem 11. September 2001, dass die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle zunahm. Der Grund war, dass ­viele Amerikaner Flugzeuge mieden und mehr Strecken mit dem Auto zurücklegten. Und da mit Autos mehr Unfälle ­passieren als mit Flugzeugen, nahm die Zahl der Unfälle zu. Solche Tendenzen zur Über­anpassung verschwinden mit der Zeit von selbst wieder. Spätestens dann, wenn ein anderes Ereignis passiert, das seinerseits wieder solche Folgen hat.

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Beobachter: Objektiv macht der «Costa»-Unfall die Seefahrt wahrscheinlich sicherer, wie 9/11 zu verstärkten Sicherheitsmassnahmen geführt hat.
Renner: Dennoch herrscht im ersten Moment eine grosse Unsicherheit. Zum einen, weil diese Situationen für uns unkontrollierbar ­waren. Wir haben mehr Angst in einem Flugzeug, als wenn wir selbst am Steuer ­eines Autos sitzen, weil wir den Piloten nicht kennen. Obwohl wir eigentlich wissen, dass statistisch gesehen die Autofahrt zum Flughafen der gefährlichste Teil der Reise ist. Zum anderen, weil oft die Kommunikation nicht optimal läuft. Unternehmen müssen zuerst lernen, wie man im Zeitalter der sozialen Medien kommuniziert. Wenn man sich ansieht – gerade im Fall der «Costa» –, wie viel da wie rasch und zum Teil aus völlig unterschiedlichen Interessen kommuniziert worden ist, versteht man, dass die Menschen mit Unsicherheit und Angst reagiert haben.

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Beobachter: Was halten Menschen weshalb für gefährlich?
Renner: Früher hatte der Mensch Angst vor Raubtieren. Für diese Angst sind wir ausgerüstet, hormonell und physisch. Noch heute neigen wir dazu, vor Bedrohungen mehr Angst zu haben, wenn wir sie sehen, hören oder riechen können. Mit den sehr abstrakten Bedrohungen haben wir mehr ­Mühe. Ausserdem machen uns Ereignisse Angst, die aus Situationen entstehen, die ausserhalb unserer Kontrolle liegen, viele Menschen betreffen, Todesopfer fordern oder die nächste Generation tangieren. Doch so schrecklich die Unfälle von Fukushima oder Tschernobyl waren: So viele Tote haben sie im Vergleich mit anderen Ereignissen gar nicht gefordert. Techniker, die beruflich mit Risikoeinschätzung zu tun haben, raten denn auch: «Hört auf zu rauchen!» Statistisch ist Rauchen ein massiv grösseres Risiko als das eines Reaktorunfalls. Aber eben: Wir haben das Gefühl, wir hätten es unter Kontrolle.

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Beobachter: Die Menschen blenden gewisse Gefahren offenbar einfach aus. Ist das gut oder schlecht?
Renner: Wenn ich unsere Spezies und ihre Verbreitung anschaue, denke ich, dass wir es recht gut machen. Dass unser Leben objektiv immer sicherer wird, ist definitiv positiv.

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Beobachter: Ist es auch positiv, dass uns immer mehr ­Vorschriften gemacht werden, die zu unserer Sicherheit beitragen sollen? Erziehen uns all diese Vorschriften nicht zur Unmündigkeit?
Renner: Solche Vorschriften muss man im Zusammenhang sehen. Sie sind oft nicht nur eine Massnahme zur objektiven Sicherheit des Einzelnen, sondern eine juristische Ab­sicherung. Die USA betreiben das extrem, aber auch bei uns nimmt die Tendenz zu. Wenn auf dem Mikrowellenofen steht, dass man darin keinen Pudel trocknen soll, kann der Hersteller nicht dafür haftbar gemacht werden, wenn jemand seinen Pudel umbringt – obwohl diese Geschichte übrigens zum Genre der modernen Legenden gehört. Gleichzeitig fordert man von Institutionen und vom Staat immer mehr Garantien für Sicherheit. Je mehr Verbote und Vorschriften es gibt, desto eher neigen wir zu einem fatalen Umkehrschluss: Wenn es nicht verboten ist, dann ist es sicher auch nicht gefährlich. Dabei vergisst man, dass es die absolute Sicherheit nie gegeben hat und dass es sie auch nie geben wird.

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Beobachter: Welche psychologischen Signale bringen uns denn dazu, jede Vorsicht und Eigenverantwortung fallenzulassen? Wenn eine Schlittelbahn öffentlich ausgeschildert ist, gehen wir automatisch davon aus, dass sie auch sicher ist. Gäbe uns einfach nur ein Bekannter den Tipp, diesen Hang hinunterzufahren, würden wir möglicherweise mit mehr Vorsicht reagieren.
Renner: Die Signale können vielfältig sein, aber zentral ist, ob eine für uns vertrauenswürdige Quelle sagt: «Das ist sicher oder mit nur geringen Risiken verbunden.» Dann neigen wir dazu, das nicht weiter zu hinterfragen. Als besonders vertrauenswürdige und kompetente Quellen werden in der Regel Verbraucherschutzorganisationen oder staatliche Organisationen wahrgenommen, die keine eigenen Interessen verfolgen. Im Alltag ist das häufig eine durchaus angemessene Strategie. Zum Beispiel: Die Labels auf Lebensmitteln oder anderen Produkten helfen uns dabei, beim Einkauf innert nützlicher Frist eine Entscheidung zu treffen. Wie schnell wir entscheiden, ob eine Quelle vertrauenswürdig ist, konnten wir in unserer Forschung feststellen. Bereits ein sehr kurzer Blick von nur 180 Millisekunden auf eine Person reicht aus, um zu entscheiden, ob wir ­dieser vertrauen oder nicht. Wenn der ­Bekannte mit seinem Schlittelvorschlag auf uns vertrauenswürdig und kom­petent wirkt, dann würden wir den Hang wohl ­genauso munter hinunterfahren.

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Beobachter: Bringen uns immer mehr Vorschriften ­wenigstens beim Verkehr mehr Sicherheit?
Renner: Die Frage ist eher: Wie sinnvoll sind diese Regulationen im Ernstfall? Es gibt Vorschriften, es gibt hochmoderne Technologie, doch am Schluss spricht man bei Verkehrsunfällen doch häufig von «mensch­lichem Versagen». Man kann einen Menschen noch so gut schulen, aber das bewahrt ihn nicht mit Sicherheit davor, im Ernstfall Fehler zu machen. Ein Kapitän ­eines Schiffs oder eines Flugzeugs ist heute für so viele Menschen verantwortlich wie noch nie. Aber auch wenn die Opferzahl tatsächlich gar nicht immens ist, haben solch grosse Unfälle wie die Havarie eines riesigen Schiffs eine Signalwirkung, auch wenn sie, so tragisch sie sind, statistisch keine grosse Bedeutung haben. Auf der «Costa Concordia» starben nach bisherigen Zahlen mindestens 16 Menschen. Auf Schweizer Stras­sen kommen jedes Jahr ­ungleich mehr Menschen ums Leben.

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