Charles McCombie ist wieder gefragt. Nach dem Nein der Nidwaldnerinnen und Nidwaldner zum Sondierstollen im Wellenberg ist das geplante Lager für schwach- und mittelaktive atomare Abfälle definitiv vom Tisch – und die Schweizer Atompolitik um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Gute Geschäftsaussichten für den promovierten Physiker McCombie, von den AKW-Gegnern «McZombie» genannt. 1999 hatte er nach 20 Jahren Tätigkeit die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) verlassen, nachdem die von ihm geleiteten Untersuchungen sich als Misserfolg erwiesen hatten. Der Entsorgungsspezialist avancierte in der Folge zum Direktor der Firma Pangea, die strahlende Abfälle in Australien vergraben will. Pangea liegt inzwischen «auf Eis», wie McCombie sagt; andere sprechen von einem «Kollaps».

Besser geht es der Anfang Jahr gegründeten Firma Arius, deren Direktor McCombie ist. Arius ist an der Mellingerstrasse 207 in Baden domiziliert – am selben Ort, an dem einst auch Pangea ihre Büros hatte. Kein Zufall, denn auch Arius sucht «regional und international» nach Möglichkeiten für die Endlagerung radioaktiver Abfälle, wie sie in ihren Geschäftszielen formuliert. Das Augenmerk liegt auf kleineren Ländern, die sich kein eigenes Lager leisten wollen.

Brisanter Studienauftrag
Daran ist auch die Colenco AG interessiert. Unter dem früheren Namen Motor Columbus plante Colenco einst das AKW Kaiseraugst; heute gehört das Unternehmen der Aare-Tessin AG mit Beteiligungen an den AKWs Gösgen und Leibstadt. Auch die Colenco hat ihren Sitz an der Badener Mellingerstrasse 207. Besteht da ein Zusammenhang? «Nein», sagt McCombie, «wir sind nur Untermieter.»

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Arius hat allerdings von ihrer «Vermieterin» und weiteren Schweizer Atomstromunternehmen – der BKW Energie AG, den Nordostschweizerischen Kraftwerken (NOK) und der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg – einen Studienauftrag erhalten. Arius soll «aus schweizerischer Sicht über die Perspektiven der Abfalllagerung im nationalen wie internationalen Raum» informieren und aufzeigen, weshalb die Suche nach Standorten versagt hat. Zudem möchten die Auftraggeber über das internationale Interesse an «multinationaler Abfallbeseitigung» sowie über das Thema «Leasing» von Kernbrennstoffen aufgeklärt werden.

Im Klartext: Die AKW-Betreiber in der Schweiz suchen über den Kopf der Nagra hinweg nach Alternativlösungen für die Lagerung radioaktiver Abfälle – bei Drittfirmen, die sowohl eine nationale wie eine internationale Perspektive haben.

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Die Unruhe auf AKW-Seite ist verständlich: 1979 erhielt die Nagra den Auftrag, den Nachweis für Standorte zur Lagerung atomarer Abfälle zu suchen. 23 Jahre später ist das Unternehmen kaum einen Schritt weiter. Der Flop kostete bisher rund 850 Millionen Franken. Dafür mitverantwortlich ist Charles McCombie, der als technisch-wissenschaftlicher Direktor vergeblich nach Standorten im kristallinen Wirtsgestein gesucht hatte – bis die Auftraggeber 1998 an einer Klausurtagung der Nagra die Leviten lasen. Bezahlt wurde diese teure Pleite der Schweizer Energiewirtschaft von den Stromkonsumenten.

Nächster Flop programmiert
Nach dem Wellenberg-Debakel zeichnet sich bereits der nächste Flop ab. Im Winter wird die Nagra beim Bund ihren Bericht zum geplanten Atommülllager im zürcherischen Benken einreichen. Hier suchten die Forscher in den vergangenen Jahren nach einem Standort für hochaktive atomare Abfälle – mit dem gleichen Konzept, das in Nidwalden zum Misserfolg geführt hat: Wiederum steht nur ein einziger Standort zur Diskussion.

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Für Walter Wildi, Geologieprofessor an der Universität Lausanne und Vorsitzender der Expertengruppe Entsorgungskonzepte für radioaktive Abfälle, war das Nein zum Wellenberg nichts als «logisch». Er prophezeit dasselbe Resultat für das geplante Lager in Benken, wenn man weiter «mit dem Kopf durch die Wand» gehen wolle. «Wenn Benken die beste Lösung ist, so haben die Betroffenen das Recht zu wissen, welches denn die zweitbeste Variante ist.» Sollte das Lager gar gegen den Willen der betroffenen Bevölkerung erzwungen werden, garantiert Armin Braunwalder, Geschäftsleiter der Schweizerischen Energiestiftung, «ein zweites Kaiseraugst». Das hiesse: Demonstrationen und Geländebesetzungen – und eine weitere Blamage für die Nagra.

Die Diskussionen um Benken kümmern die Schweizer AKW-Betreiber wenig. Sie sind bereits seit über 20 Jahren auf der Suche nach Alternativen jenseits der Landesgrenzen. 1979 verhandelten sie mit China und Argentinien über eine Abnahme der strahlenden Abfälle. 1988 kam das Projekt sogar vor den Nationalrat, der ein Abkommen über eine «allfällige Abnahme radioaktiver Abfälle» guthiess.

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Dann kam Russland als Exportstandort ins Gespräch. 1999 wurde Greenpeace ein Protokoll über die Verhandlungen zwischen den NOK und dem russischen Energieministerium Minatom zugespielt. Das Protokoll enthält Angaben über die Mengen, die aus der Schweiz nach Russland geliefert werden sollten. Für NOK-Brennstoffchef Herbert Bay, der das Protokoll unterzeichnete, ist Russland auch heute noch «ganz attraktiv» und das Protokoll «ein solides Stück Papier».

«Beitrag zur Abrüstung»
Im Herbst 2000 war es dann die Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg, die via Geschäftsleitungsmitglied Hans Achermann mit Russland verhandelte. Thema war das Leasing von Mischoxid-Elemen-ten (MOX). In Russland hergestellt, sollte der plutoniumhaltige Brennstoff in den schweizerischen AKWs eingesetzt und nach Gebrauch wieder in das Ursprungsland zurückgeschickt werden – womit in den Augen der Initianten auch gleich das Abfallproblem gelöst wäre.

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Im MOX-Deal vermittelt inzwischen auch eine in Zug domizilierte Aktiengesellschaft namens Nuclear Disarmament Forum (NDF), die kürzlich durch die Verleihung des «Demiurgus-Friedenspreises» an Wladimir Putin aufgefallen ist. Das Forum will Wege und Möglichkeiten finden, um überschüssiges russisches Waffenplutonium zu Brennstäben zu verarbeiten und daraus in westlichen Atomkraftwerken Strom zu generieren. NDF-Sprecher Ueli Glausen sieht darin einen «Beitrag zur Abrüstung und Friedensförderung». An aktiven Geschäften sei man nicht beteiligt; NDF sei «eine Art Think-Tank» und gebe nur Bücher zum Thema heraus.

Kontakte zur Regierung Putin
Eva Geel, Koordinatorin der Atomkampagne von Greenpeace, sieht im NDF aber «nichts anderes als eine Gründung der schweizerischen Atomindustrie». Unter dem Deckmantel des Friedens versuche man, eigene Interessen zu verwirklichen.

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Als Gründer und wichtigster Financier des NDF wirkte Franz Hoop, ehemaliger Brennstoffchef des AKW Leibstadt. Hoop hatte zusammen mit NOK-Brennstoffchef Herbert Bay auch das Verhandlungsprotokoll mit dem russischen Energieministerium unterzeichnet. Hoop wurde inzwischen vom Russen Andrei Bykov abgelöst, der gleich auch zum neuen NDF-Alleinbesitzer aufrückte. Neben seiner Tätigkeit als freier Unternehmer amtiert Bykov als Wirtschaftsberater der Regierung Putin – deren Energieministerium wiederum im Westen aktiv um den Export radioaktiver Abfälle nach Russland wirbt.

Seit neustem ist an diesem russischen Roulette auch Charles McCombie mit seiner Arius beteiligt. Er stimmt in den Chor ein, wenn er sagt: «Russland ist Kandidat Nummer eins.» Mit «gutem Willen» könne in Russland eine akzeptable Lösung gefunden werden – etwa indem die Endlager internationaler Kontrolle unterstellt würden.

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Damit erhält die «Option Ausland» für den Schweizer Atommüll weiter Schub – ungeachtet anderer Beteuerungen aus Bern. Vor Jahresfrist antwortete der Bundesrat auf eine Interpellation des Basler SP-Nationalrats Rudolf Rechsteiner, dass man am Grundsatz der Entsorgung im eigenen Land festhalte und – auf Russland bezogen – ein Export «nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen» vorstellbar sei.

Doch im Grunde sind es Bundesrat und Parlament selbst, die den AKW-Betreibern Anlass geben, intensiver über die Grenzen zu schauen. Das neue Kernenergiegesetz werde «das Loch noch weiter aufmachen», warnt Armin Braunwalder von der Schweizerischen Energiestiftung. Wie bis anhin soll eine Ausfuhr zwar nur «ausnahmsweise» möglich sein. Doch Braunwalder hat aus Voten «deutlich herausgehört, dass dieses Schlupfloch auch wirklich in Betracht gezogen werden müsse».

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Die Nagra gerät immer mehr ins Abseits; ihre Suche nach inländischen Standorten verkommt zur Farce. Wogegen Entsorgungsunternehmer McCombie bereits nach kurzer Zeit einen handfesten Erfolg vorweisen kann: Im letzten August hat ein Mitglied von Arius, das Atomkraftwerk Kozloduy in Bulgarien, einen Zehnjahresvertrag mit der russischen Regierung unterzeichnet, der den Transport abgebrannter Elemente via die Ukraine nach Russland gestattet. 40 Tonnen des hochaktiven Mülls sollen noch in diesem Jahr dort eintreffen.

Greenpeace zählt die Reaktoren von Kozloduy zu den gefährlichsten der Welt. Und das Kombinat Majak im südlichen Ural, wo die Abfälle endgelagert werden sollen, gilt in den Augen der Organisation gar als der «radioaktiv verseuchteste Platz auf diesem Planeten».