Ein Gesprächsabend zum Thema Kiffen? Und das mit Erwachsenen? «So ein Seich», finden die meisten Jugendlichen. «Wir sind uns bewusst, dass uns erst mal viel Widerstand entgegen-schlägt», sagt Elena Jenni von der Jugendanwaltschaft Zug. Die Sozialarbeiterin leitet gemeinsam mit dem Psychologen Max Stutz von der Suchtberatung Zug – einer Abteilung der Zuger Gesundheitsdirektion – die so genannten Kifferabende. «Meist ‹knacken› wir die Jungen aber und finden einen guten Zugang.»

Wegen Cannabiskonsum erstverzeigte Jugendliche müssen den zweieinhalbstündigen Kurs besuchen. Schwänzen gibts nicht. Ziel ist, dass die Jugendlichen ihren Umgang mit dem Kiffen hinterfragen und die Gefahren des Cannabiskonsums kennen lernen (siehe «Der Flash»). Ähnliche Projekte gibt es auch in anderen Kantonen, zum Beispiel in Basel-Stadt oder im Aargau. Beim Kurs Nummer 20 in Zug darf der Beobachter dabei sein.

Sieben Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren finden sich an einem Dienstagabend im Büro von Max Stutz ein. Ein kleines, helles Zimmer mit Pult, Computer, einem Regal voller Bücher und Ordner, Grünpflanzen. Einladend. Fünf junge Männer und zwei junge Frauen nehmen auf den im Halbrund angeordneten bunten Stühlen Platz. Drei der fünf Jungs haben Dächlikappen an. Alle tragen Turnschuhe. «Darf ich mein Käppi anbehalten?», fragt Christian*, 17, als Erstes. Er darf. Die Jugendlichen mustern sich, die meisten kennen sich. Zug ist ein kleiner Kanton. Die beiden Mädchen, Fanja*, 14, und Christine*, 15, kichern. Fanja wirkt bekifft, nicht ganz da. Immer wieder wischt sie sich die langen Haare aus der Stirn und starrt ins Leere. Christine und Fanja sind beste Freundinnen. Ihr liebstes Hobby: Kiffen.

Elena Jenni von der Jugendanwaltschaft unterbricht das Gekicher und legt die Spielregeln fest. Alles, was im Kurs gesagt wird, bleibt auch dort. Nichts geht weiter an die Behörden oder die Eltern. Gegenseitiges Vertrauen ist Voraussetzung. Die 45-Jährige ist energisch, spricht laut und klar. «Ihr habt eine Anzeige wegen Kiffens, ein Straftatbestand, deshalb seid ihr hier.» Es gehe ihr nicht darum, sie vom Kiffen abzubringen, das sei ihre Entscheidung. «Es geht mir um die Selbstverantwortung – ihr seid selbst für euer Leben verantwortlich. Ob Drogen dazugehören, müsst ihr entscheiden.» – Die Jugendlichen schauen sich erstaunt an. Das haben sie nicht erwartet.

Der Abend beginnt mit einer ausführlichen Vorstellungsrunde, Jenni und Stutz machen den Anfang. Elena Jenni ist nach dem KV jahrelang gereist und hat sich mit 25 Jahren zur Sozialarbeiterin ausbilden lassen. Danach hat sie mit Drogenabhängigen, in der Familien- und Ausländerberatung und im Spital gearbeitet. Seit drei Jahren ist sie bei der Jugendanwaltschaft. «Kiffen gabs schon in meiner Jugend. Mein Motto damals war aber: Wenn das Leben so ist, dass ich mich zuputzen muss, dann muss ich etwas daran ändern.»

Am Morgen ein Joint...
Die Jugendlichen sind sehr ruhig, hören aufmerksam zu, einige kneten die Hände. Max Stutz, 45, ist seit vier Jahren bei der Suchtberatung Zug. Seit 13 Jahren arbeitet er im Drogenbereich. Der Psychologe mit der feinen Brille ist vor allem aus wissenschaftlicher Sicht an Drogen interessiert: Welche Substanz verändert was im Gehirn? Gespanntes Schweigen in der Runde.

Als Nächstes ist Christian dran. Der stämmige 17-Jährige redet gern und ausführlich. Er ist im ersten Lehrjahr, und es gefällt ihm recht gut. Weil er keinen Stress mit dem Chef will, kifft er immer erst nach Feierabend. Mit elf Jahren hat er seinen ersten Joint geraucht, heute kifft er täglich, nur Schweizer Indoorgras, «guten Stoff eben, der ordentlich einfährt». Er grinst. Rund 300 Franken monatlich gibt er fürs Kiffen aus.

Die Eltern wissen über seinen Konsum Bescheid und seien nicht begeistert. Auch Stefan*, 17, ist im ersten Lehrjahr. Ein schlanker, sportlicher Typ mit kleinem Kinnbärtchen. Ein Skater. Er hat mit 14 Jahren zu kiffen begonnen, was er auch heute noch täglich tut. Dafür gibt er 200 bis 300 Franken im Monat aus, was etwa der Hälfte seines Lehrlingslohns entspreche. Seiner jüngeren Schwester hat er das Kiffen ausgeredet, weil er gemerkt hat, «dass es nicht nur gut tut». Stefan wirkt ruhig und überlegt. Seine Mutter sei wütend geworden, als sie sein Kiffen entdeckte, heute toleriere sie es.

Sekschüler Peter*, 14, kifft und trinkt in der Freizeit mit den Kollegen. Er hat mit elf Jahren damit begonnen, sein Bruder habe ihn angestiftet. Er rauche einen bis zwei Joints pro Tag, meist vor dem Schlafen. Früher habe er auch tagsüber gekifft, aber das gehe mit der Schule nicht mehr, «meine Noten wurden immer schlechter.» Etwa 100 Franken kostet ihn sein Konsum im Monat, dafür geht sein ganzes Taschengeld drauf.

Weiter gehts mit Christoph*. Der dünne 16-Jährige hat lange Haare, ist schwarz gekleidet und sehr blass. Er hat vor kurzem die Lehre geschmissen und ist jetzt arbeitslos. Seinen Tagesablauf beschreibt er so: «Am Morgen schlafe ich aus, dann stehe ich mal auf – Morgenjoint. Dann gehe ich mit Freunden oder so raus und am Abend gehe ich in den Ausgang. Kiffen. Immer mehr oder weniger dasselbe.» Wies weitergehen soll, weiss er noch nicht. «Ich bin Schlagzeuger. Ich will einen Beruf lernen, der mit Musik zu tun hat.» Er kifft, seit er zwölf ist. Die 15-jährige Schülerin Christine hat auch früh mit dem Kiffen begonnen: mit elf Jahren. Sie kann ohne Cannabis nicht leben, hat mal eine Zeit lang probiert aufzuhören, aber ihre Sucht sei zu stark gewesen. Sie kifft jeden Tag und fängt damit schon morgens an. Letztes Wochenende hat sie 100 Franken nur fürs Kiffen ausgegeben. Das sind etwa zehn Gramm in zwei Tagen – extrem.

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Der Konsum nimmt zu
Sven*, 16, bezeichnet sich als schlechten Schüler. Er redet leise. «Richtig» kiffen tut er erst seit einem Jahr, jeden zweiten Tag und besonders viel am Wochenende. Seine Eltern haben davon erst durch die Anzeige erfahren und seien entsetzt. Nun bekomme er deshalb kein Sackgeld mehr.

Fanja, 14, besucht das Gymnasium. Ihr gesamtes Taschengeld geht fürs Kiffen drauf. Fanja gibt sich wortkarg und scheint mit den Gedanken woanders zu sein. Ihre Augen sind leicht gerötet.

Cannabis ist die verbreitetste illegale Droge in der Schweiz. Laut der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) hat insgesamt knapp ein Drittel der Bevölkerung über 15 Jahren mindestens einmal im Leben gekifft. In den letzten 20 Jahren hat der Konsum stark zugenommen: Damals hatten rund zwölf Prozent der 15-jährigen Jungen und elf Prozent der Mädchen Cannabiserfahrungen, heute sind es 50 beziehungsweise 40 Prozent.

Nach dem Kurs sagen die Jugendlichen, dass vor allem die Vorstellungsrunde spannend gewesen sei. Zu hören, wie das die anderen so machen mit dem Kiffen und Lernen oder Arbeiten.

Allen hat auch die Rechtslage zu schaffen gemacht. Elena Jenni hat ihnen präzis den Unterschied zwischen dem Jugend- und dem Erwachsenenstrafrecht erklärt. Mit der Volljährigkeit ändert sich die Rechtslage deutlich, die Strafen wer-den härter, es droht bei Handel auch ein Eintrag ins Strafregister – schlecht für die Stellensuche.

Auch dass beim Autofahren der Toleranzwert fürs Kiffen bei Null liegt, ist den Jugendlichen eingefahren (siehe «Kiffen und Fahren»). Christian will, sobald er ein Auto hat, nicht mehr kiffen. «Wenn die mir mein Billett wegnähmen, das könnt ich nicht ertragen.»

Nach einer kurzen Pause müssen die Jugendlichen über ihren Cannabiskonsum reflektieren. Was löst ein Joint bei ihnen aus? Psychologe Stutz lässt nicht locker. Warum kifft ihr? Was gefällt euch daran? Für Christoph ist der Joint «ein geiles Flash», Stefan liebt die «schöne Scheibe», und Fanja glaubt, dank eines Joints «alles besser im Griff zu haben». Betont wird auch das Gemeinschaftsgefühl beim Kiffen. Als die Gruppe aber Positiv- und Negativlisten erstellen muss zur Wirkung des Kiffens, überwiegt das Negative: Von gesundheitlichen Schäden über Lustlosigkeit bis zu Psychosen reicht die Liste. Stefan hat gemerkt, dass er bekifft nicht gut skaten kann. «Für Sport braucht man einen klaren Kopf.» Die beiden Mädchen bedauern vor allem, dass Kiffen so ein «Geldfresser» sei.

Auf einem Plakat mit Stufen des Konsums müssen sich die Jugendlichen selber einstufen. Von null für abstinent bis zehn für süchtig. Die meisten teilen sich zwischen fünf und acht ein. Nur Christine bezeichnet sich als süchtig und gibt sich eine Zehn. Etwa die Hälfte der Gruppe möchte mit dem Konsum hinunterfahren. Meist, weil die Schulnoten schlechter geworden sind oder weil die Lehre sie fordert und sie Angst haben, den Abschluss nicht zu schaffen. «Es kann euch niemand den Entscheid abnehmen. Ihr müsst selber aufhören wollen», ermahnt Elena Jenni, «aber ihr solltet merken, dass Drogen euch im Weg stehen. Ihr bestimmt über das Gras und nicht das Gras über euch!» Auch dem arbeitslosen Christoph ist klar, dass man heute «ohne Ausbildung verarscht ist». Die Einsicht wächst während der zweieinhalb Stunden. – «Mehr können wir in so kurzer Zeit gar nicht erreichen», sagen Jenni und Stutz unisono.

*Namen geändert

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