Christoph Tanner, seit einem Jahr Geschäftsleiter der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in Trogen, markiert Zuversicht: «Der Veränderungsprozess ist auf gutem Weg.» In Kürze soll der Stiftungsrat den neuen Kurs absegnen. Bis dahin hält sich Tanner bedeckt.

Die Stossrichtung ist dennoch klar: Das schwach ausgelastete, über 30 Millionen teure Kinderdorf im Kanton Appenzell Ausserrhoden soll radikal umfunktioniert werden. Die Spendenfranken will man künftig vor allem für dezentrale Arbeit in der Schweiz und die Auslandshilfe vor Ort verwenden. 1998 flossen bei einem Ertrag von 17,3 Millionen Franken lediglich 3,3 Millionen in die direkte Auslandshilfe.

Acht Jahre lang passierte nichts
Seit Jahren drücken sich Unternehmensberater bei der Stiftung die Klinke in die Hand – bisher ohne sichtbares Resultat. Leni Robert, seit Anfang der neunziger Jahre Stiftungsratspräsidentin, ist es nicht gelungen, das schlingernde Schiff auf Kurs zu bringen. Dabei wurde ihr schon vor acht Jahren geraten, einen radikalen Neuanfang zu wagen und Tabula rasa zu machen.

Eine dem Beobachter vorliegende aktuelle Einschätzung einer Consulting-Firma kommt zum Schluss, dass «Kosteneinsparungen in grossem Stil» möglich seien. Und: «Was Tanner und sein Team leisten, ist zwar gut gemeint, hilft aber den unterstützungsbedürftigen Kindern reichlich wenig im Verhältnis zu den Aufwendungen.» Zudem wird auch ein besseres Management der verfügbaren Mittel empfohlen. Die Kinderdorfstiftung hat immerhin 14,2 Millionen Franken auf der hohen Kante. Die Rendite aber war in den letzten Jahren vergleichsweise bescheiden.

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Die Kritik an «Pestalozzis teuer verwalteten Kindern» (Beobachter 14/99) und die Reaktionen der Leserinnen und Leser – «Die Schweiz kann es sich nicht leisten, ihr teuerstes und bekanntestes Kinderhilfswerk so ineffizient im Leerlauf dahinserbeln zu lassen» – haben auch die Stiftungsaufsicht des Bundes beim Departement des Innern aufgeschreckt. Bruno Ferrari, Leiter der Rechtsabteilung, bestätigt: «Wir haben die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi um eine schriftliche Stellungnahme zu den erhobenen Vorwürfen gebeten.»

Weitere Abklärungen würden vorgenommen und ein Gesprächstermin mit den Stiftungsverantwortlichen demnächst fixiert, sagt Ferrari. Noch trägt der Stiftungshüter aber Glacehandschuhe: «Wir verstehen uns nicht nur als Aufsichtsorgan, sondern auch als Berater.»

Mit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi befassen muss sich aber auch die Zentralstelle für Wohlfahrtsunternehmen (Zewo). Ein von einer Einzelperson aus dem Thurgau gestellter Antrag auf Entzug des Gütesiegels wurde vorerst zwar abgewiesen. Doch mit Verweis auf den Beobachter hat der Kritiker nun nochmals nachgefasst. Und siehe da: Nun sind die aufgeworfenen Fragen auf einmal «sehr berechtigt», wie die Zewo-Geschäftsleiterin schreibt. Der Kritiker ist deshalb zu einem Treffen auf die Zentralstelle eingeladen worden.

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Die Zewo-Prüfung hat einen Haken
Die Zewo kontrolliert die Spendensammler auf ihre Gemeinnützigkeit und verteilt ihr Gütesiegel. Die Prüfung hat allerdings einen grossen Haken: Finanziert wird die Zewo zu einem grossen Teil durch die gemeinnützigen Organisationen selber. Deren Beiträge sind gestaffelt nach Spendenvolumen. Der Entzug des Gütesiegels schmälert also die Zewo-Einnahmen.

Zusätzlicher Ärger droht der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi noch durch eine Gruppe ehemaliger Mitarbeiter. Sie wollen erreichen, dass die Stiftung in Zukunft nicht mehr den Namen Pestalozzi führen darf. Zu weit habe man sich von den Idealen von einst und dem Stiftungszweck entfernt, wird argumentiert.

Wie sagt doch Geschäftsleiter Christoph Tanner: «Als Manager interessieren mich Veränderungsprozesse.» Dafür ist nun ausreichend gesorgt.

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