Ende Februar kommt es im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen zum Eklat. Zwei Mitglieder der Geschäftsleitung und die Assistentin des Geschäftsführers werden gekündigt und sofort freigestellt. Sie hatten vergeblich mehr Transparenz bei den Finanzen gefordert. Stiftungsratspräsidentin und Altnationalrätin Brigitta Gadient kommentiert dies nur vage mit «unterschiedlichen Auffassungen über die Zusammenarbeit».

Hintergrund des seit Jahren schwelenden Konflikts sind heftige interne Auseinandersetzungen um die sozialpädagogischen Wohngruppen und die hohen administrativen Kosten der Stiftung. 2011 wurde eine neue Leiterin Programme Schweiz eingestellt und beauftragt, die immer weniger nachgefragten Wohngruppen zu konsolidieren.

Der Kanton Appenzell-Ausserrhoden hatte zuvor mit Hinweis auf die
«Interkantonale Vereinbarung für soziale Einrichtungen» (IVSE) Druck gemacht und eine IVSE-konforme Abrechnung verlangt. Das Kinderdorf erhält gut 2,5 Millionen Franken von der öffentlichen Hand für seine Wohngruppen und hat dafür wirtschaftlichen Vorgaben und Auflagen zur Transparenz zu erfüllen.

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Defizit von gut einer Million Franken

Die neue Leiterin musste grosse Widerstände in der Stiftung überwinden, um die verlangten Zahlen zu liefern. Nun ist klar warum: Kosten von total 3,6 Millionen Franken für Wohngruppen und Schule standen Zahlungen der öffentlichen Hand von 2,5 Millionen Franken gegenüber. Ein Jugendlicher aus der Wohngruppe, der auch die Schule besucht, kostet so im Schnitt 565 Franken pro Tag. Legt man das Ganze auf die belegten Plätze um, sind es für einen Jugendlichen mit Schulbesuch stolze 208‘000 Franken pro Jahr.

Das Defizit von gut einer Million Franken wurde vom Kinderdorf ausgeglichen. Dass hier Spendengelder eingesetzt werden, widerspricht jedoch den interkantonalen Richtlinien. Stiftungsratspräsidentin Gadient sagt, es treffe zu, dass «die Kosten der sozialpädagogischen Wohngruppen aufgrund der ungenügenden Auslastung nicht vollumfänglich abgedeckt waren.» Das Defizit sei in Absprache mit dem Kanton mit freien Reserven der Stiftung finanziert worden, fügt sie an. Der Kanton beruft sich auf das Amtsgeheimnis und sagt nichts dazu.

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Zwei Dutzend Mitarbeiter verlieren den Job

Die Stiftung musste reagieren. 2012 wurde das Berufs-Integrationsprogramm eingestellt, wo von acht budgetierten Plätzen noch durchschnittlich drei besetzt waren. Und auf Mitte 2014 werden die Wohngruppen geschlossen; zwei Dutzend Mitarbeiter verlieren den Job.

Die IVSE-Abrechnung für 2013 und 2014 ist vom Kanton noch nicht abgesegnet. Weil die Belegung noch tiefer als in den Vorjahren war, ist ein hohes Defizit programmiert.

Zum Führungschaos kommen weitere Probleme: Die Infrastruktur ist nicht nur monatelang schlecht genutzt, sondern auch stark renovierungsbedürftig. Die Stiftung rechnet mit einem Investitionsbedarf von rund 20 Millionen Franken. Noch kann sie sich das leisten: Für Ende 2012 ist ein Organisationskapital von 31,2 Millionen Franken ausgewiesen.

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