Beobachter: Frau Fehr, Sie haben sich sehr dafür eingesetzt, dass die Initiative von alt Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot, die Gewaltfreiheit in der Erziehung per Gesetz fordert, angenommen wird. Wie schlimm ist es, dass sie nun abgelehnt wurde?
Jacqueline Fehr: Ich bin sehr enttäuscht. Der Nationalrat hat es verpasst, ein wichtiges Signal für einen besseren Schutz der Kinder zu setzen.

Beobachter: Der Entscheid des Parlaments steht quer zum Zeitgeist, der generell mehr und härtere Strafen fordert, zum Beispiel für Raser oder Kinderschänder...
Fehr: Das stimmt. Es fällt auf, wie rasch wir bereit sind, höhere Strafen zu fordern, wenn es andere angeht. Dort, wo wir aber unser eigenes Verhalten hinterfragen müssen, machen wir die Augen zu. Wir verstecken uns dann hinter der Ausrede: Der Staat soll sich hier nicht einmischen, die Familie ist privat. Nur – wenn wir die Augen wieder öffnen, sehen wir, dass gerade in den Familien nicht alles rosig ist. Der Ort, wo Kinder am meisten Gewalt erleben, ist die Familie. Viel mehr Kinderleben werden als Folge von innerfamiliärer Gewalt zerstört als durch das Skandalthema Pädophilie.

Beobachter: Trotzdem: Braucht es wirklich für alles ein Gesetz?
Fehr: Sehen Sie, wir haben auf mehreren hundert Seiten geregelt, wie Tiere richtig zu halten sind. Dass der Goldfisch genug Wasser hat und der Kaninchenstall nicht zu klein ist. Aber ein explizites Gesetz für den Schutz des Kindes haben wir nicht. Das ist absurd.

Beobachter: Wären dafür nicht andere Massnahmen besser geeignet? Muss jede elterliche Ohrfeige gesetzlich geahndet werden?
Fehr: Der Vorteil eines Gesetzes ist, dass sich die Gesellschaft dann damit auseinandersetzen muss. Erziehung ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Man darf die Eltern nicht alleine lassen, um dann mit dem Finger auf sie zu zeigen, wenn etwas schiefläuft. Ich will aber kein repressives Gesetz, sondern eines, das die Eltern in ihrer Erziehungsarbeit stärkt. Die Reaktion auf eine Ohrfeige sollte nicht ein Strafverfahren sein, sondern Unterstützung, zum Beispiel in Form einer obligatorischen Familienberatung.

Beobachter: Wie geht es nun weiter? Ein entsprechendes Gesetz ist ja nun auf Jahre hinaus blockiert.
Fehr: Wir suchen andere Formen der Sensibilisierung. So sollen etwa die Kantone die Elternberatungsstellen ausbauen. Eltern brauchen gezielt Hilfe bei Erziehungsnotständen.

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