Der Ort des Treffens ist geheim. Im Raum ist es hell, durch das Fenster scheint die Sonne. Carmen (Name geändert) ist 13; wenn sie aufblickt, ist in ihren Augen eine grosse Müdigkeit. «Vielleicht hat unsere Mutter mich und meinen Bruder nicht gern. Wir unternehmen selten etwas gemeinsam. Sie schlägt uns.» Darum ist Carmen abgehauen, als sie mit ihrer Mutter zu Besuch in der Schweiz war.

Carmen wohnt mit ihrem Halbbruder und ihrer Mutter in Brasilien, seit diese sich vor eineinhalb Jahren von ihrem Schweizer Mann getrennt hat. Dort sei das Leben gefährlich. «Wer ein Handy hat oder Schmuck, wird sofort überfallen.» Der Schulweg muss immer im Auto zurückgelegt werden. Freundinnen? Nein, Freundinnen habe sie keine.

Dies alles hat Carmen auch dem Kinderpsychologen Heinrich Nufer erzählt, dem Leiter des Zürcher Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind. Nufer kommt zum Schluss: «Eine Zwangsrückkehr von Carmen mit ihrer Mutter nach Brasilien lässt sich aus kinderpsychologischer Perspektive nicht verantworten.»

«Handlungsunfähiges Kind»
Die Behörden interessiert das alles nicht. «Nicht zuständig», beschied der Gemeinderat von Rheinfelden AG dem Vater von Carmen, der sich wegen der Klagen des Kindes an die Vormundschaftsbehörde gewandt hatte. Die Zuständigkeit für Schutzmassnahmen liege in Brasilien, fand auch das Rheinfelder Bezirksamt als Rekursinstanz.

Ein umstrittener Entscheid: «Bereits der gewöhnliche Aufenthalt schafft im Rahmen des Haager Minderjährigenschutzabkommens eine hiesige Massnahmezuständigkeit», sagt Peter Breitschmid, Privatrechtsprofessor an der Uni Zürich.

Inzwischen hat auch das Aargauer Obergericht das Begehren um vorsorgliche Massnahmen abgewiesen, unter anderem mit der Begründung, das Mädchen könne sich gar nicht anwaltschaftlich vertreten lassen - als handlungsunfähiges Kind unterstehe es nämlich der elterlichen Sorge.

Die Mutter ist nach Brasilien zurückgekehrt. Zu den Vorwürfen wollte ihr Anwalt mit Hinweis auf die laufenden Verfahren nicht Stellung nehmen. Die Mutter hat Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht − wegen Entführung einer unmündigen Person. Der Behördenapparat hat auch in diesem Fall kein Gehör für das Mädchen. Carmen wird polizeilich gesucht.

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