«Sie drückten mir den Kopf in die WC-Schüssel und betätigten die Spülung, so dass ich manchmal fast ertrunken bin. ... Öfter wurde ich zur Essenszeit mit einem steinharten Stück Brot ins WC eingesperrt. Ich verletzte mich daran am ganzen Mund. ... Nun verprügelte sie mich mit einer grossen Holzkelle, bis diese in die Brüche ging. ... Sie hat mich täglich verschlagen, ebenso hagelte es dauernd Ohrfeigen, Fusstritte und Faustschläge. ... Er hielt mich fest und zwang mich, den Mund zu öffnen, und sie füllte mir den Mund mit Pfeffer. Dann verschlossen sie mir den Mund und zwangen mich,den Pfeffer zu schlucken.»

Das sind Zitate aus dem mehrseitigen Bericht, den Kevin* der Staatsanwaltschaftzustellte. Der heute 16jährige klagte damit seine Pflegeeltern Karin und Peter Muster* (* alle Namen geändert) der Kindsmisshandlungan. Die Antwort kam postwendend: Diese Taten seien vor rund zehn Jahren begangen worden und somit verjährt. Die Pflegeeltern könnten nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden.

Kevins Angaben sind im grossen und ganzen richtig. Die Pflegemutter hat sie eingestanden. «Sie hat nur immer geheult und gesagt, ja, es sei wahr, sie hätte das nicht tun dürfen», erzählt die Therapeutin des Kinderheims, die ein Treffen zwischen Kevin und Karin Muster organisiert hat. «Ich möchte einfach gern wissen, warum sie das getan haben. Darauf hat mir Karin keine Antwort gegeben. Die hat ja sogar gesagt, sie habe mich töten wollen.» Dieses Fazit zog Kevin nach der Konfrontation. Er lebt in einem Jugendheim. Spuren seines Martyriums stellt nur der Eingeweihte fest: Seine Kurzhaarfrisur gibt den Blick auf die Kopfhaut frei. Dort werden kleinere, weisse Stellen sichtbar; die Haare wachsen dort schwächer.

Das sind Spuren von Peter Musters Erziehungsmethoden. Der ausgebildete Psychiatriepfleger, der vorübergehend als Heimerzieher tätig war, hat ihm des öfteren den Messerrücken auf den Kopf geschlagen. Als Disziplinierung während der Mahlzeiten, wenn der Bub zu schnell oder zu langsam ass. Peter Mustkann dazu nicht Stellung nehmen; er hat sich ins Ausland abgesetzt.

Hilflose Plegemutter
Warum hat die Pflegemutter den Buben misshandelt? Ihre Antworten kommen nur bruchstückhaft: «Ich musste schon sehr jung Verantwortung tragen. Etwas nicht können, das gab's bei mir nicht. Ich wollte auch mit Kevin zurechtkommen. Als das nicht möglich war, hab' ich's mit Gewalt versucht.» Der Bub sei eben unbelehrbar gewesen. Einmal habe er mit einem Messer hantiert und sich verletzt, ein andermal sei er auf einen Baum gestiegen und heruntergepurzelt.

Schliesslich habe sie noch für vier eigene Kinder sorgen müssen. Hilfe habe sie von niemandem erhalten, am wenigsten von ihrem Mann. Die Ehe habe sich zur Katastrophe ausgewachsen. Dem Arzt hätten Kevins blaue Flecken ja auffallen müssen,dann wäre die Sache endlich aufgeflogen. Darauf, sagt sie, habe sie gehofft: «Töten wollte ich Kevin nie. Ich habe bloss gewusst, wenn ich ihn nicht loswerde, geschieht etwas Schreckliches. Da habe ich ihn dann ins Heim gegeben.»

Ironie des Schicksals: Fachleute waren der Ansicht, sie hätten bei Musters für Kevin ein ausgezeichnetes Plätzchen gefunden. Denn Kevins Startchancen waren schlecht: Der Vater zeigte sich wenig, zahlte jedoch seine Alimente. Seine Mutter kam aber mit ihren Suchtproblemen nicht zurecht. Früh schaltete sich die Vormundschaftsbehörde ein. Schliesslich stand das Sozialarbeiterehepaar Erika und Thomas Schneider der Mutter bei. Einige Monate wohnte Kevin auch bei ihnen.

«Ich habe mir überlegt, ob ich ihn behalten solle. Er war wirklich ein herziges Poppi», sagt Erika Schneider und legt ein Foto von der Taufe auf den Tisch. Doch ihre eigenen Kinderwaren bereits älter, und sie wollte im Beruf wieder Fuss fassen. «Zudem war mein Verhältnis zur leiblichen Mutter gespannt - keine guten Voraussetzungen für ein Pflegekind», begründet sie den negativen Entscheid.

Der Zufall wollte es, dass Sozialarbeiter Thomas Schneider mit Peter Muster in Kontakt kam. Das Ehepaar Muster hatte bereits zwei Kinder, und Peter Muster organisierte einen Vortrag über Thomas Gordons Bestseller «Familienkonferenz.» Moderne Eltern, die ihre Kinder als vollwertige Menschen achteten, nicht aggressiv und schon gar nicht gewalttätig sein wollten, lasen in den achtziger Jahren alle die «Familienkonferenz».

Im Gespräch signalisierte Muster, dass er und seine Frau mit Freuden ein Pflegekind aufnehmen würden. «Karin Muster hatte den Narren an Poppi gefressen», sagt Sozialarbeiterin Erika Schneider, «ich lege die Hand dafür ins Feuer, dass Kevin bis zum zweiten Altersjahr ein schönes Leben hatte.» Gewähr für eine einfühlsame Erziehung bot schliesslichauch Peter Musters Beruf.

Bis zum zweiten Altersjahr hat das Ehepaar Schneider Kevin regelmässig besucht. Die Wochenenden verbrachte er öfter bei ihnen. Doch dann wollten die Besuche plötzlich nicht mehr klappen. Einmal hatte Kevin angeblich die Windpocken, dann den Mumps, oder erwar die Treppe hinuntergefallen.

Das Sozialarbeiterehepaar glaubte die Botschaft zu verstehen, schliesslich hatte es Karin Muster inzwischen besser kennengelernt.«Wir hielten sie für eifersüchtig. Wir dachten, sie hätte Angst, Kevin könnte uns lieber haben als sie», sagen die beiden heute. Kam es trotzdem einmal zu einem Besuch, sass Kevin immer bei Peter Muster. Nur der Amtsvormund machte weiterhin seine vorgeschriebenen Besuche - für die er sich zuvor anmeldete: «Die Uberraschungsbesuche zu allen Tageszeiten gehören der Vergangenheit an. Ohne Vertrauen», sagt er, «kann man nicht zusammenarbeiten.» Aufgefallen ist ihm nie etwas.

Dass sich eine Tragödie anbahnte, haben auch Aussenstehende nicht bemerkt. Die älteste Tochter von Karin Muster sagt,warum: «Kevin war ein richtiger Schutzli, ein elender Pechvogel. Er hat sich immer wieder den Kopf angeschlagen und ist hingefallen. Immer trug er Spuren seines Pechs.» Sie wusste aber auch, dass Kevins blaue Flecken nicht nur von Unfällen stammten:«Ich habe mir immer Vorwürfe gemacht, dass ich niemanden informierte. Immer hat Kevin was abgekriegt, immer war er an allem schuld», erklärt sie und heult gleich los. Die Tochter war fünfzehn Jahre alt, als Kevin endlich ins Kinderheim kam. Doch um gegen die eigenen Eltern vorzugehen, war sie noch zu jung.

Der erste Verdacht
Dass Karin Muster aus eigener Einsicht selber den Anstoss gab, Kevin ins Heim zu bringen, wie sie selber sagt, scheint wenig glaubhaft. «Ihre Ehe war kaputt, ihre Uberforderung offensichtlich. Da haben wir die Heimeinweisung durchgesetzt», sagt Erika Schneider. Karin Muster habe sich «mit allen Mitteln dagegen gewehrt».

Erst auf der Fahrt ins Heim kam der erste Verdacht auf Misshandlung auf. Erika Schneider entdeckte eine Schramme an Kevins Kopf. Wo er da wieder hineingerannt sei, wollte sie von ihm wissen. «Nirgends», antwortete Kevin, «das hat Peter gemacht.»

Es blieb vorerst bei diesem vagen Hinweis. Im Heim ging es Kevin sichtlich besser. In kurzer Zeit holte er seinen Wachstumsrückstand auf. «Keine Seltenheit», erklärt der damalige Kinderarzt, «wenn Kinder von einem Druck befreit werden, gedeihen sie oft prächtig.» Einen ernsten Verdacht auf körperliche Quälereien hatte auch er lange nicht gehegt: «Spuren von Misshandlungen lagen nicht vor. Trotzdem hatte ich bei Kevinein ungutes Gefühl. Er war stark verhaltensauffällig.»

Wie schwer Kevin durch seine Pflegeeltern misshandelt worden war, wusste im Heim lange Zeit niemand. Erst Kevins aggressives Verhalten machte dann eine Therapeutin stutzig. «Wenn mich jemand zu einer kleinen Arbeit aufgefordert hat, bin ich ausgerastet. Ich habe gleich dreingeschlagen», bekennt Kevin heute. Die Ursache seiner Aggressionen wurde erst nach und nach klar, denn er begann nun, wenn auch nur tröpfchenweise, von den Misshandlungenzu erzählen.

Mit Hilfe der Therapeutin hat er mittlerweile seine Vergangenheit aufgearbeitet. Dass seine Peiniger für ihre Taten nicht zur Rechenschaft gezogen werden, will ihm aber nicht in den Kopf: «Der Vormund musste doch etwas gewusst haben - der wollte doch einfach nichts dagegen unternehmen.»

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