Der Arzt spielt im Kinderschutz eine wichtige Rolle. Häufig ist er der einzige Mensch nebst den Eltern, der das Kind zu Gesicht bekommt und bei Verdacht auf Misshandlung Alarm schlagen kann. Das ist besonders bei Babys und Kleinkindern der Fall, die weder in die Krippe noch in den Kindergarten gehen. Nach einer Häufung tragischer Fälle von Kindstötung in Deutschland wollen jetzt verschiedene Bundesländer die Mediziner stärker in den Kinderschutz einbinden - unter anderem durch die Einführung einer Meldepflicht.

In der Schweiz kennt nur das Tessin eine solche Meldepflicht. Sie gilt für alle Berufe im Gesundheitswesen, auch für Kinderärzte. Wenn ein Tessiner Kinderarzt den Verdacht hat, dass sein Patient Opfer von Gewalt wurde, muss er das der Staatsanwaltschaft melden. Daraufhin wird ein Untersuchungsverfahren eröffnet. «Wir müssen mit diesem Gesetz leben, aber wir sind nicht immer glücklich damit», sagt Valdo Pezzoli, Leiter der Kinderklinik und der Kinderschutzgruppe des Regionalspitals Lugano. Die Meldepflicht könnte sich sogar zum Nachteil des Kindes auswirken, befürchtet der Mediziner. «Eltern, die ihr Kind schlagen, gehen möglicherweise nicht mehr zum Arzt, wenn sie wissen, dass dieser sofort die Justiz einschaltet.» Bei einem Fall von Kindsmisshandlung sei es wichtig, dass der involvierte Kinderarzt gemeinsam mit den Eltern, mit Psychologen und mit Experten des Sozialamts nach Lösungen sucht, sagt Pezzoli. «Das Justizverfahren kann manchmal diese Arbeit erschweren.»

«Schlagende Eltern sind meist überfordert»
Ob den Tessiner Behörden aufgrund der Meldepflicht mehr Verdachtsfälle von Kindsmisshandlung gemeldet werden als in anderen Kantonen, wurde statistisch nie erhoben. Wohl eher nicht. «Wir haben keinen Mehraufwand wegen der Meldepflicht», sagt Paolo Bordoli, Sprecher der Tessiner Staatsanwaltschaft. «Unsere Kinderärzte wenden sie ohne Hysterie an.»

Im Tessin ist die Meldepflicht seit 1989 im kantonalen Gesundheitsgesetz verankert. Stephan Rupp, Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie, ist froh, dass es in den anderen Kantonen bisher noch keine Bemühungen gibt, die Kinderärzte per Gesetz stärker in die Pflicht zu nehmen. «Wir sind für die Eltern Vertrauenspersonen, keine Überwacher. Eltern, die ihre Kinder schlagen, sind meist verzweifelt und überfordert, der Gang zum Arzt ist ein erster Schritt, sich helfen zu lassen», sagt Rupp. Die Meldepflicht, die eine Art Kampfposition zwischen dem Arzt und den Eltern schaffe, sei da nur kontraproduktiv. «Sofort die Polizei einzuschalten ist nur eine von vielen möglichen Massnahmen, und zwar die extremste, die nur im äussersten Notfall angewendet wird.»

Nicht nur die Kinderärzte halten eine Meldepflicht für fragwürdig. Auf Anfrage des Beobachters äussern sich unter anderem auch der Kinderschutz Schweiz und die Kinderschutzkommission des Kantons Zürich sehr skeptisch. Ebenso Ulrich Lips, Leiter der Kinderschutzgruppe am Kinderspital Zürich: «Inzwischen gibt es für Ärzte gute Anlaufstellen sowie einen Leitfaden für das Vorgehen bei Verdacht auf Kindsmisshandlung.» Die Ärzte seien sensibilisiert, Kindsmisshandlung sei bereits Thema in der Ausbildung. Lips: «Die Meldepflicht ist unnötig. Es ist eine Illusion, dass sie den Kinderschutz wirksamer macht.»

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