Lilian Sutter (Name geändert) geht es schlecht. Die 45-Jährige ist in ärztlicher Behandlung, braucht Psychopharmaka und ist seit Juni krankgeschrieben. Sie blättert in den Krankenkassenbelegen und schüttelt den Kopf: «Dieses Jahr kommen mehrere tausend Franken zusammen. Zuvor war ich ganz selten krank.» Sie fühle sich «wie ein Reh, auf das Jagd gemacht wird».

Ins Visier genommen wird die Beamtin der Zweigstelle Buchs des Konkursamts St. Gallen von ihren Vorgesetzten und dem zuständigen Departement des Innern. Sutter ist bis auf weiteres freigestellt, die «beabsichtigte Auflösung des Beamtenverhältnisses» ist angekündigt – wegen «ungenügender Leistungserbringung» und wegen eines «endgültig und definitiv zerstörten Vertrauensverhältnisses». Dies schrieb Regierungsrätin Kathrin Hilber in einem geharnischten Brief, nachdem Lilian Sutter einen Anwalt eingeschaltet hatte.

Sexbilder per Mail verschickt

Dass Beamte den Anforderungen nicht genügen und gekündigt werden, kommt vor. Dass aber in einer kleinen Behörde wie dem Konkursamt St. Gallen neben Sutter weitere drei Beamte ihre Stelle bereits definitiv verloren haben, wirft Fragen auf. Doch die Antworten bleibt Regierungsrätin Hilber dem Beobachter schuldig – wegen «einiger hängiger Verfahren, aber auch aus Gründen des Amtsgeheimnisses».

Dabei hatte es für Lilian Sutter vor 18 Jahren vielversprechend angefangen. Ende 1991 wurde die Gemeindeangestellte ans Konkursamt in Buchs gewählt, stieg rasch zur verantwortlichen Konkursbeamtin auf und erhielt bis 2008 beste Referenzen. Da wird ihr für ihren «tatkräftigen Einsatz zugunsten des Kantons» gedankt, es werden ihre «stets sehr guten Leistungen» gelobt.

Anders sah es mit dem Klima am Arbeitsplatz aus. «Jahrelang musste ich mir von meinem direkten Vorgesetzten anzügliche Sprüche anhören. So im Stil, dass eine Frau nicht ins Büro, sondern ins Bett gehöre», erzählt Sutter. Sie hat von ihm mehrere Mails erhalten und teilweise als Beweis ausgedruckt – unter anderem Fotos von nackten Männern und Frauen auf Motorrädern in eindeutigen Posen oder auch Mails mit dümmlichen, frauenverachtenden Witzen. Während Monaten wurde sie vom Chef jeweils mit Kalenderbildern von männlichen Pin-ups zwangsbeglückt.

Erstmals machten Sutter und ein Buchser Bürokollege – dieser erhielt ebenfalls Mails mit Nacktfotos – in einer Mitarbeiterbefragung vor zwei Jahren auf die sexuelle Belästigung aufmerksam. Beide informierten später auch direkt das Departement des Innern. Regierungsrätin Hilber schrieb jedoch in einem dem Beobachter vorliegenden Brief, dass sie «keinen hinreichenden Tatverdacht für einen Strafantrag wegen sexueller Belästigung» sehe. Ob der vor kurzem erfolgte Wechsel des zudringlichen Vorgesetzten an den Hauptsitz des Konkursamts in St. Gallen wegen seiner Belästigungen geschah, bleibt offen.

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Sutter und ihr Bürokollege bezahlen für ihre Courage. Bei Sutter werden Mitte 2008 plötzlich «Ablauffehler» in der Arbeit gerügt. Schliesslich überrumpelt der Amtsleiter die Mitarbeiterin im Sommer 2009 mit einer während Monaten zusammengestellten, vierseitigen Mängelliste. Hilber sitzt mit am Tisch. Bei dieser Gelegenheit will man Sutter wichtige Befugnisse entziehen und ihr den Beamtenstatus aberkennen.

Wurden Computereinträge gelöscht?

Die aufgelisteten «Fehler» sind teilweise lächerlich. Da ist die Rede von einer farbig statt schwarzweiss ausgedruckten Zeiterfassung, von einem nicht aufgeschalteten Abwesenheitsassistenten bei Krankheit sowie falschen Postleitzahlen und Geburtsdaten. Sutters Anwalt kontert die meisten Vorwürfe und rügt das amtliche Mobbing.

Dass in der Regel die Fehlerquote steigt, wenn jemand in die Aussenseiterrolle gedrängt wird, steht auch in einem Leitfaden des Kantons. Es ist wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Erst werden die Fehler provoziert, dann werden sie einem unter die Nase gerieben.

Was Sutter besonders trifft: Ihr wird auch unterstellt, sie hätte ihre Arbeitszeiten nicht registriert. Sie hegt den Verdacht, dass ihre entsprechenden Computereinträge absichtlich gelöscht wurden. Ihr Anwalt hat die gesicherten Originaldaten eingefordert, diese aber nach viermonatigem Hürdenlauf durch die Verwaltung noch immer nicht erhalten.

Bereits gekündigt und freigestellt wurde Sutters Bürokollege aus Buchs. Auch er wehrt sich und klagt vor Verwaltungsgericht unter anderem wegen sexueller Belästigung. Vor der Verhandlung will er sich nicht näher äussern. Vertreten wird er von Anwalt Paul Rechsteiner, SP-Nationalrat und Gewerkschaftspräsident – was Parteikollegin Hilber wenig freuen dürfte.

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Die Devise: «Schlucken oder gehen»

Im Leitfaden «Schutz vor Mobbing und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz» für Kantonsmitarbeiter, notabene von Hilber namens der Regierung unterzeichnet, werden «anzügliche und peinliche Bemerkungen» und «Vorzeigen von pornographischem Material» explizit als sexuelle Belästigung bezeichnet. Und: Belästigende Personen haben mit Sanktionen zu rechnen.

Die Führungsprobleme im Konkursamt St. Gallen schwelen seit Jahren. Ein Bericht des Organisationsberaters Jakob Lerch von Anfang 2008 fällt denn auch vernichtend aus: Eine grosse Mehrheit der Mitarbeitenden beschreibt die Leitung des Amts als führungsschwach. Je länger jemand im Konkursamt arbeite, desto grösser sei die Resignation über die interne Organisation.

Vor allem am Hauptsitz St. Gallen und in der Zweigstelle Buchs seien «die Konflikte völlig personalisiert und haben den Charakter von Kleinkriegen». Es bestünden «Beziehungsblockaden», ein Teambewusstsein sei inexistent. Es gelte die Devise «schlucken oder gehen». Kürzlich haben denn auch zwei Konkursbeamte dem Hauptsitz in St. Gallen den Rücken gekehrt – mehr oder weniger unfreiwillig.

Doch es harzt laut Bericht auch anderswo. In Konkursverfahren werden nach Aussagen von Mitarbeitenden willkürliche und überhöhte Gebühren verrechnet. Zwei Haltungen prallen aufeinander – während die einen Beamten ihre Fälle möglichst rasch abschliessen und viel Gebühren kassieren, arbeiten die anderen sorgfältiger, brauchen mehr Zeit und wollen möglichst viel für die Gläubiger heraus-holen. Es gibt zwar laut Studie gewisse Qualitätsstandards, die aber offenbar kaum beachtet werden. Eine objektive Leistungskontrolle fehle, ebenso eine professionelle Aus- und Weiterbildung.

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Unsaubere Deals mit Konkurswaren?

Stattdessen gibt es happige Vorwürfe zu Seilschaften mit Liquidatoren und Liegenschaftenhändlern, denen man das eine oder andere Schnäppchen zuhalte. Wegen des Amtsgeheimnisses werden gegenüber dem Beobachter die konkreten Fälle anonymisiert. Etwa die Verwertung eines Pfannenlagers, wo der vom Vorgesetzten empfohlene Liquidator gut 10'000 Franken bot, worauf der Konkursbeamte selber die Pfannen verwertete und dabei über 100'000 Franken für die Gläubiger herausholte.

Berater Lerch empfiehlt in seinem Bericht personelle Veränderungen. Die werden aber nur halbherzig umgesetzt: Der bisherige Amtsleiter wird durch seinen Stellvertreter ersetzt, bleibt aber für «besondere Aufgaben» im Amt. Für welche Aufgaben und ob der Lohn gekürzt wurde, auch dazu will Regierungsrätin Hilber nichts sagen.

Damit ihr Fall nicht departementsintern unterm Deckel bleibt, hat Konkursbeamtin Lilian Sutter die Staatswirtschaftliche Kommission des St. Galler Kantonsrats orientiert. Und sie hat beim Regierungsrat eine formelle Aufsichtsbeschwerde eingereicht: Die disziplinarische Verantwortlichkeit der Vorgesetzten soll geklärt werden.

Mitte Jahr hat Sutter auch noch einen anonymen Drohbrief erhalten: «Jetzt wissen wir, wo die Konkurs-Sau wohnt!!» Sutter hat es dem Arbeitgeber gemeldet, doch nachgegangen sei man der Sache nicht. Ins Amt zurück will sie nach all ihren Erfahrungen nicht mehr. Sie fürchtet um ihre Gesundheit und ist bitter enttäuscht: «So darf man mit Menschen doch nicht umgehen.»