Kurz nach Skopje zeigt der Chauffeur auf eine Lastwagenkolonne weit draussen im Feld. «Hier stehen die Fahrer vier oder fünf Tage, bis sie in den Kosovo reisen können.» Noch zehn Kilometer bis zum mazedonischen Grenzort Blace. Im geheizten Caritas-Jeep kämpft sich der Fahrer im Stop-and-go-Rhythmus voran. Vorbei an mit Holz, Lebensmitteln, Öfen, Decken und Kleidern beladenen 28- und 40-Tönnern. Und vorbei an Uno-Fahrzeugen, Kfor-Konvois und Personenwagen mit Schweizer Zollnummern von Kosovo-Rückkehrern. Draussen nieselt es.

Sechs Monate nach dem Ende des Kosovo-Kriegs ist Mazedonien das logistische Aufmarschgebiet der internationalen Hilfswerke und des ausländischen Militärs.

Im Kosovo beginnt es bereits nach 16 Uhr einzudunkeln. Wir fahren über löchrige Strassen in einer leicht gewellten Hügellandschaft. Manche Häuser sind dunkel, es fehlt an Strom und Wasser. In belebten Dörfern jedoch sind die Schaufenster beleuchtet und mit Waren überfüllt: In einer Metzgerei hängen schwere Schlachtleiber von der Decke herab, vor einem Lebensmittelladen türmen sich Früchte in allen Farben. Nach dem Besuch in Albanien vor einem halben Jahr fällt auf: Der Lebensstandard im Kosovo ist trotz Krieg immer noch deutlich höher.

Die Präsenz des Militärs ist übermächtig. In keinem Land der Welt sind derzeit so viele ausländische Truppen stationiert. Die von der Uno eingesetzte multinationale Kosovo Force (Kfor) dominiert das Strassenbild – bis in die hintersten Bergdörfer. Ich habe in drei Tagen deutsche, österreichische, amerikanische, italienische, französische, finnische, polnische, schweizerische, griechische, türkische, südafrikanische, russische und slowakische Soldaten gesehen. «Thank you Nato» steht auf einem Schild neben einer zerstörten Brücke. Wo Panzer vorfahren, heben Kinder die Finger zum Victory-Zeichen.

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Uno bringt Verwaltung in Schwung
Die Uno hat das grösste Gebäude in der Stadt Prizren, einen hässlichen Betonklotz, konfisziert. Wo früher die von Serben geführte Verwaltungszentrale war, residiert nun die UN-Mission im Kosovo (Unmik). Wie die Unmik unter Leitung des Franzosen Bernard Kouchner mit Einheimischen die Zivilverwaltung neu aufbaut, ist eindrücklich. In der Öffentlichkeit stechen am meisten die rotweissen Polizeiautos mit ihrem französisch-englischen Schriftzug «Police» in die Augen.

90 Prozent der Schulen seien wieder offen, sagt die Caritas-Delegierte Bettina Bühler. «So haben die Kinder eine Tagesstruktur.» Die Unmik registriert mit Hilfe von Freiwilligen die gesamte Bevölkerung, um nächstes Jahr die ersten Wahlen durchführen zu können. Und seit November verteilt sie neue Autonummern.

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Zum Nachtessen treffen wir ein halbes Dutzend Schweizer Caritas-Mitarbeiter. Wir sitzen in einer kleinen Pizzeria. Auf den Tischen stehen Kerzen. Heute haben wir Glück, das Licht geht nur zweimal kurz aus. Leider ist der Pizzaofen zu klein, so dass immer nur eine wohlduftende und reich belegte Pizza nach der anderen auf den Tisch kommt. Der einheimische Beizer möchte gern echten italienischen Mozzarella importieren. «Wo bekomme ich den am besten?», fragt er die Schweizer.

Am nächsten Morgen regnet es wieder. Wir fahren nach Peja. Auf dem Weg holt uns die Vergangenheit ein. Auf einem kleinen Hügel befindet sich ein UCK-Friedhof. Unter Schirmen liegen Blumenkränze mit roten Binden. In den 65 Gräbern sind Männer zwischen 20 und 35 Jahren bestattet. «Unsere Märtyrer» nennen hier alle die Opfer der kosovarischen Befreiungsarmee. Viele sind zwischen Sommer 1998 und Juli 1999 gefallen.

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Der Kosovo-Krieg hat nicht erst mit der Nato-Intervention am 24. März 1999 begonnen. Er wütete seit Sommer 1998, als die serbische Militärdiktatur mit grösster Brutalität gegen die UCK-«Terroristen» und das albanische Volk vorging.

In Peja wird auch bei Regen und Schnee gebaut. Zihni Quranolli, Vater einer fünfköpfigen Familie, hat den Dachstock errichtet. «Danke», sagt er zu mir, «die Qualität des Materials ist sehr gut.» Quranollis Haus gehört zu jenen 80 Gebäuden, die Don Dodë im Auftrag des Beobachters in Stand stellen lässt.

Der Beobachter hilft beim Aufbau
Der zurückgekehrte Flüchtling hat das vom Brand angesengte Parkett abgelöst, Stück für Stück gereinigt und zum Wiedereinbau aufgeschichtet. Er baut allein bei diesem garstigen Wetter, während Frau und Kinder bei Verwandten an der Wärme sind. Das Dach ist bereits fertig, als nächstes kommt die Wasserleitung dran.

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Auch Ethem Aliqi im Dorf Gllogjan baut an seinem Dreifamilienhaus. Das Gebäude war stark beschädigt. «Es geht nur langsam voran», sagt die Mutter. Doch auch die Aliqis sind bereits am Innenausbau. Sie warten auf Türen und Fenster. «Dann dauert es noch zehn Tage, bis wir darin wohnen können.» Das Material finanzieren Kolping (zu 25 Prozent) und Caritas/Beobachter (zu 75 Prozent): Holz, Dachziegel, Verputz, Sand, Zement, Türen, Fenster, Wasser- und Stromleitungen.

Zwei Tage später bin ich in der geteilten Stadt Mitrovica. Die Atmosphäre hier ist aufgeheizt. Vor einer Woche ist ein Zug mit 400 Passagieren nur dank dem Eingreifen der Kfor knapp einem Anschlag entgangen. Eine starke serbische Minderheit wohnt auf der Ostseite des Flusses Ibar. Erhöhten Puls habe ich aber auch aus einem weiteren Grund. Im April hatte ich Mybera Ferizi in der albanischen Stadt Lezhë getroffen. Die Ärztin hatte Kosovo-Vertriebene medizinisch betreut. «Ich bin mit drei Kindern geflüchtet», hatte mir die hochschwangere 43-jährige Frau gesagt, «und das vierte kommt bald.» Ihren Mann hatte sie aus den Augen verloren.

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Damals wusste ich nur, dass sie als Dermatologie-Assistentin an der Universität Pristina gearbeitet hatte. Nun ist es der Caritas-Leiterin des Büros Pristina gelungen, ihre Adresse ausfindig zu machen. Hier in Mitrovica muss sie wohnen. Ein Junge kennt sie und führt uns in ein Aussenquartier mit niedrigen Backsteinhäusern. Ob sie Fotograf Sigi Tischler und mich wieder erkennt? Wir kommen unangemeldet. Und sie weiss nicht, dass der Beobachter über sie berichtet hat.

Der Junge klingelt. Ja, sie ist da: Mybera Ferizi kommt uns zögernd entgegen, dann lacht sie: «Yes, I remember.» Ich zeige ihr den Beobachter mit ihrem Foto. Sie strahlt, schüttelt den Kopf. Und ihr Kleinstes? Hat sie das Kind geboren? «Yes, yes», sagt sie, geht in die Wohnung und kommt mit Shpetim auf den Armen heraus. Geboren am 15. Juni in Tirana. Mit grossen Augen schaut uns der Kleine an.

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Hoffen, dass es besser wird
Mybera ist gerührt und bittet uns herein. «Ja, auch meinen Mann habe ich wieder gefunden.» Sie führt Ehemann Ismet ins Zimmer und fasst ihn um die Schultern. Sieben Wochen habe sie nichts mehr von ihm gehört gehabt. Drei Wochen vor der Geburt tauchte er in Albanien auf.

Als die Ferizis zurückkamen, war ihr Haus innen zerstört und geplündert, aber nicht verbrannt. Sie renovierten mit Ersparnissen und einem Darlehen von Nachbarn. «Wir Albaner haben immer die Hoffnung, dass es besser wird.» Auch Mybera möchte arbeiten. Als sie vor dem Krieg aus dem Krankenhaus verjagt wurde, schrieb die Ärztin ein Buch: das erste in albanischer Sprache über Kosmetik.

Und ich erinnere mich, dass diese Frau im weissen Kittel und mit den geschminkten Lippen schon in Albanien, im überfüllten Fabrikhof, unter verzweifelten Flüchtlingen auffiel. Sie hatte durch ihre Haltung anderen Menschen Mut gemacht. Jetzt zeigt sie mir stolz das Zusatzdiplom als Magister, das sie am 2. September 1999 an der Universität Pristina erlangt hat.

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Ob es in dieser geteilten Stadt irgendwann ein friedliches Zusammenleben mit den Serben geben wird? Mybera Ferizi tut sich schwer mit dieser Frage. «Wie können wir mit Leuten zusammenarbeiten, die sich die Hände schmutzig gemacht haben?» Aber sie sagt auch: «Bei Patienten gab es für mich nie Unterschiede zwischen Serben, Roma, Bosniern und Albanern. Und ich bin wieder bereit für diese Arbeit. Ich bin ein Mensch für die Menschen.»

Auch Faik Morina lebt in Mitrovica. Ich bin ihm und seiner Familie vor einem halben Jahr im albanischen Flüchtlingslager Kukës begegnet. «Jetzt sind wir im zerstörten Kosovo – aber frei.» Auch er freut sich ungemein, uns zu sehen und in seine Wohnung einzuladen. Seine Geschichte ist tragisch und zugleich typisch.

Als er zurückkam, fand er sein Haus wieder ganz vor. Gestohlen worden war nur wenig, da er kaum Wertsachen hatte. Aber alles war in einem unordentlichen Zustand. Der Garten war von Patronen übersät. Doch Faik Morina hat seine Arbeitsstelle im serbischen Teil von Mitrovica verloren.

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Eine der Töchter geht zur Schule, eine ist geburtsbehindert, die älteren zwei sind wie der Vater arbeitslos. Die Familie freut sich an den mitgebrachten Fotos: «Sie sind Beweis dafür, was wir erlebt haben.» Ubersetzer Lekë, der meine Hilflosigkeit bemerkt, sagt: «Sie haben den Leuten ihre Fotos gebracht, ihre Geschichten ernst genommen. Das ist wichtig für uns.»

Zum Abschied erzählt Morina, wie sich der Priester in Albanien von ihm verabschiedete: «Auf Wiedersehen im nächsten Krieg.» – «Nein, Herr Pfarrer», habe er entgegnet, «besuchen sie uns im befreiten Kosovo.» Wenige Monate später sei der Pfarrer aus Shkodrë tatsächlich mit dem Auto nach Mitrovica gefahren. So hat der Krieg eine neue Freundschaft begründet.