Der Mann rennt. Es ist eng im Warenhaus. Per Ellenbogen verschafft er sich einen Weg durch die Menge. Jetzt stürzt er, sein Verfolger holt ihn ein. Der Dieb tritt den Warenhausdetektiv mit Füssen. Ein Kollege eilt zu Hilfe. Die beiden halten den wild um sich Schlagenden fest. Sie benachrichtigen die Polizei.

«Derartige Szenen gehören leider immer mehr zur Tagesordnung», sagt der Sicherheitschef des Warenhauses «Rheinbrücke», Basel – seit über 15 Jahren in diesem Beruf. Vor zehn Jahren sei es «wohl einmal pro Monat» vorgekommen, dass ein gefasster Dieb die Flucht ergriff; heute passiere dies «wöchentlich». Auch zu Handgemengen komme es «immer häufiger».

Eine zunehmende Gewaltbereitschaft beobachtet auch Wolfgang Müller, Inhaber einer Berner Firma. Er vermittelt Warenhäusern und Selbstbedienungsläden Detektivinnen. «Frauen finden eher den Ton, Verdächtige anzuhalten; sie lösen weniger Aggressionen aus», sagt Müller. Und doch: Manch eine Anhaltung hat massive Drohungen zur Folge. «Ich finde schon heraus, wo du wohnst», sei die häufigste Variante. Deshalb ist auf dem Personalausweis der Detektivinnen weder Name noch Adresse erwähnt. Schon oft sei ihnen dieser nämlich entrissen worden.

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«Gewaltbereitschaft ist immer auch ein Ausdruck von Sprachlosigkeit», sagt Müller. «Logischerweise sind davon auch Ausländer betroffen.» Die meisten Ertappten hätten eine Unmenge von Ausreden bereit: «Wer keine findet, schlägt eher zu.» Verschiedene Male hätten Detektivinnen auch schon zum Pfefferspray greifen müssen. Sie können in solchen Fällen via Natel kurzfristig die Polizei alarmieren.

Müller ist seit 20 Jahren in der Ladenüberwachung tätig. Der Ladendiebstahl galt damals als Kavaliersdelikt. Und Müller war noch 1980 überzeugt, dass in der Schweiz «niemand aus Not in den Läden klaut». Müller hat sich geirrt: «Rezession, Drogen- und Flüchtlingsproblematik haben die Gewaltbereitschaft massiv erhöht.»

Die Angst der Angestellten wächst. Immer mehr verzichten darauf, die Polizei zu rufen, weil die Verdächtigten schon kurz nach der Einvernahme wieder auf freiem Fuss sind – und mit Rachedrohungen erneut im Laden stehen. Für eine längere Festnahme fehlt die gesetzliche Grundlage.

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«Helden» leben gefährlich
«Dem polizeilichen Schutz sind schnell einmal Grenzen gesetzt», sagt Daniel Wagner von der kriminalpolizeilichen Beratungsstelle Zürich. «Wir warnen die Verkäuferinnen und Verkäufer dringend davor, bei gewalttätigen Dieben den Helden zu spielen. Aussichtslose Gegenwehr kann lebensgefährlich sein. Das eigene Leben ist wichtiger als die Warensicherung.»

Videokameras, Uberwachungsspiegel und Warenetiketten gelten als taugliche Mittel zur Prävention. «Am wichtigsten ist aber immer noch die Aufmerksamkeit des Personals», sagt Daniel Wagner.

«Die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniert sehr gut», sagt Robert Ober, Präsident der Mietervereinigung «Shop Ville», Zürich. Das zweitgrösste Einkaufszentrum der Schweiz befindet sich an bester Passantenlage – rund 300'000 Personen benutzen jeden Tag den Zürcher Bahnhof. Flüchtende Diebe sind hier schnell in der Anonymität verschwunden. Die Mietervereinigung prüft, in den Läden einen «Diskretalarm» einzuführen. Dieser, für den Dieb nicht hörbar, meldet einen Vorfall per Knopfdruck bei der Polizei und erhöht das Sicherheitsgefühl des Personals.

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