Martin Heller schaffte als künstlerischer Direktor der Expo.02 den Spagat zwischen Kunst und Rendite, zwischen schöngeistiger Elite und Bratwurstfraktion. Was hält er vom Beschluss des Ständerats, das Budget der Stiftung Pro Helvetia um eine Million Franken zu kürzen, weil eine Ausstellung des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn den Geschmack der Politiker nicht traf?

Beobachter: Der Ständerat hat die Provokation eines Künstlers mit einer Provokation pariert. Handelt es sich da um Zensur?
Martin Heller: Das war eine Strafaktion im Affekt. Man wollte väterlich streng mal den Tarif durchgeben.

Beobachter: Darf ein Künstler, der vom Staat unterstützt wird, überhaupt kritisch sein?
Heller: In meinem Verständnis von Kunst soll sich ein Künstler so äussern können, wie er es für richtig hält – ob er nun staatliche Unterstützung erhält oder nicht. Einflussversuche auf der Ebene des Werks, im Sinne einer Kontrolle, halte ich für absurd. Nur: Die Mehrheit des Schweizer Ständerats sieht das anders.

Beobachter: Kunst wird von allen mitfinanziert. Müsste sie nicht auch von allen verstanden werden?
Heller: Auch ich zahle Steuern. Damit werden regelmässig Dinge finanziert, die ich nicht verstehe. Warum soll das in der Kunst anders sein? Wer Verständlichkeit für alle verlangt, nährt ein uraltes Vorurteil: Künstler seien Schmarotzer. Ständerat Peter Bieri ging sogar noch weiter. Er sagte, die Million, die er streichen wollte, wäre bei «Jugend und Sport» besser aufgehoben. Ich übersetze sinngemäss: Kunst ist krank, Sport aber gesund. Dieses Denkmuster geht zurück in die tiefsten Sümpfe des
20. Jahrhunderts.

Beobachter: Als künstlerischer Direktor der Expo.02 haben Sie Massen mobilisieren können, und gleichzeitig genügten Sie einem hohen künstlerischen Anspruch. Wie kam das?
Heller: Wenn wir die Expo so gemacht hätten, wie die Politiker sich das vorstellten, wäre wohl kaum ein Zehntel der Leute gekommen. Da gab es völlig abstruse Vorstellungen. Als künstlerischer Direktor hatte ich allen zu erklären, was ich vorhatte. Und mit der Zeit waren mehr und mehr Leute davon überzeugt, dass sie bei etwas Mutigem, bei etwas Modernem mitmachten. Solche Bedingungen gelten jedoch nur für eine Landesausstellung.

Beobachter: Ansonsten gilt: Wer unterstützt wird, hat Provokationen zu unterlassen?
Heller: Man könnte das auch umdrehen: Ein Land hat gefälligst dankbar zu sein für radikale Künstler, die radikale Fragen stellen und ihm dadurch weiterhelfen. Sehen Sie, die Schweiz fällt ständig zurück in allen Weltranglisten. Es sind Künstler, die zeigen können, dass wir etwas zu bieten haben – die Fähigkeit zur Selbstironie etwa.

Beobachter: Immerhin schasste Bundesrat Couchepin den Direktor des Bundesamts für Kultur – nach einem missliebigen Film.
Heller: Das sind Einzelfälle und lächerliche Provinzskandale dazu.

Beobachter: Sind wir Schweizer dünnhäutig geworden?
Heller: Viele können mit dem realen Bedeutungsverlust nicht umgehen, den die Schweiz in der Welt erlebt. Man sieht nur noch Niederlagen und Bedrohungen. Es ist so wenig Selbstbewusstsein da! Sogar betreffend Euro 2008 wird heute ausschliesslich über Sicherheit und Geldverteilung geredet. Dabei sind wir Gastgeber und könnten uns doch von der besten Seite zeigen. Oft fehlt einfach der zündende Funke. Ich lebe gern hier, hier ist meine Heimat, und es gibt viele Menschen, die gleich denken wie ich. Ich bin überhaupt nicht pessimistisch. Nur die Politik hab ich abgeschrieben, zumindest auf dieser Ebene.

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