Beobachter: Herr Imhof, wo beginnt Ihre Privatsphäre?
Kurt Imhof:
(lacht) Bei meinen Liebeshändeln.

Beobachter: Dann darf man also wissen, welches Waschmittel Sie benützen oder was Sie für einen Fernseher haben?
Imhof:
Nein, mir ist nicht egal, dass man mein Privatleben überwacht. Da kommt eine Datenschutzdiskussion auf uns zu, die sich gewaschen hat.

Beobachter: Datenschutz ist aber kaum mehr ein Thema. Woran liegt das?
Imhof:
Öffentlichkeit und Privatheit haben sich massiv verschoben, und die Menschen inszenieren sich viel mehr. Sie wissen, dass man Aufmerksamkeit gewinnt, indem man etwas von sich preisgibt.

Beobachter: Zum Beispiel, indem man im Zug lautstark telefoniert?
Imhof:
Zum Beispiel. Oder indem man in eine Fernseh-Talkshow geht und sich dort als chronischen Onanierer outet. Selbstoffenbarungen sind im entfesselten Wettbewerb um Aufmerksamkeit das beste Mittel, um prominent zu werden.

Beobachter: Das funktioniert aber nur in der Öffentlichkeit. Was hat aber jemand davon, wenn er in einem Fragebogen preisgibt, ob er Haarausfall hat, welches Hundefutter er verwendet und wie viel er verdient?
Imhof: Er erhält die Gelegenheit, durch diesen Fragebogen ein Bild von sich zu konstruieren. Jemand bietet ihm die Möglichkeit, sich in diesem Wettbewerb um Aufmerksamkeit selber zu offenbaren.

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Beobachter: Auch wenn diese Aufmerksamkeit eigentlich bloss von einer anonymen Firma herstammt?
Imhof: Ja, denn der Begleitbrief hat einen suggestiven Charakter, um die Rücklaufquote zu erhöhen. Wer einen solchen Fragebogen erhält und ausfüllt, hat das Gefühl: Aha, man interessiert sich für mich.

Beobachter: Vor zehn Jahren gab es eine grosse Aufregung über die Volkszählung, heute kräht kein Hahn mehr danach. Warum?
Imhof: Wir haben zwei elementare kulturelle Zäsuren. Die erste Zäsur geht auf die 68er-Bewegung zurück, als es hiess, das Private sei politisch. Das war der Angriff auf das bürgerliche Schlafzimmer. Von da an wurden sehr viel mehr Themen aus dem privaten Bereich an die Öffentlichkeit geholt. Die zweite Zäsur war das Ende des Kalten Kriegs. Dieses Ende entpolitisierte ironischerweise das Datensammeln als solches.

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Beobachter: Wie meinen Sie das?
Imhof: Während des Kalten Kriegs hatte man noch das Bewusstsein, dass Daten, die sich in falschen Händen befinden, einem liberalen Rechtsstaat widersprechen. Nach 1990 spielte das wegen des Fichenskandals hierzulande noch für kurze Zeit eine Rolle. Aber nach dem Ende des Kalten Kriegs verlor man die politische Sensibilität dafür, was sich mit persönlichen Daten anstellen lässt, wenn sie in die falschen Hände geraten. Dadurch wurde auch das kommerzielle Datensammeln als Problem immer weniger wahrgenommen. Wir laufen in eine Big-Brother-Gesellschaft hinein. Die Gefahren, die damit verbunden sind, werden erstaunlich wenig thematisiert.

Beobachter: Welches sind denn die grössten Gefahren?
Imhof: Klassischerweise der Missbrauch durch die Staatsorgane. Es widerspricht dem liberalen Verständnis, dass gewisse Aspekte einer Person öffentlich, andere aber privat sind. Zum anderen ist natürlich auch ein Erpressungspotenzial vorhanden, wenn über sämtliche Lebensbereiche des einzelnen Bürgers irgendwo in einer Datenbank Informationen vorhanden sind. Das führt bei löchrigem Datenschutz zu einer Moralisierung der Gesellschaft: Ein Politiker etwa muss dann eine Priesterpsyche besitzen, um überhaupt Wahlchancen zu haben. Schliesslich sind wir aber auch durch dieses Datenscanning über unsere Konsumgewohnheiten immer mehr einem suggestiven Marketing ausgesetzt, das uns mit mehr vom Gleichen überhäuft.

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