Die Swissair gibt es seit Jahren nicht mehr, das Bankgeheimnis wackelt, und schon wankt der nächste Grundpfeiler der Schweiz: die Landesgrenze. Im sonnigen Süden zeigt sie unbestreitbar Auflösungserscheinungen. Die Meldung kommt vom Parlament in Rom, das einem neuen Grenzverlauf zur Schweiz zugestimmt hat. Was ist da nur geschehen?

Den Grundstein für die Südgrenze legten die Schweiz und Italien 1941. In einem Abkommen – gestützt auf drei Bände voller Vermessungsdaten – ist peinlich genau festgelegt, wo die Heimat aufhört und das Ausland beginnt: von Run Do/Cima Garibaldi bis zum Mont Dolent. So vereinbarten die Nachbarn zum Beispiel, auf dem Theodulpass «das Kriterium der Wasserscheide auf dieser kurzen Strecke zu verlassen, so dass die Klubhütte vollständig auf italienisches Gebiet zu liegen kommt». Das Abkommen ist in die Jahre gekommen und heute nur noch sehr begrenzt praxistauglich.

Grenzsteine gibt es im Hochgebirge nur vereinzelte an Passübergängen. Meist gilt die Wasserscheide, also eine Krete, als Demarkationslinie. Doch diese Definition ist alles andere als präzis. «Meist besteht eine solche Krete aus Felsblöcken und Geröll, auf dem eigentlich jeder seine eigene Grenze ziehen könnte», sagt Daniel Gutknecht, verantwortlich für die Koordination der Landesgrenze beim Bundesamt für Landestopographie. Oft lässt sich die Grenze nur auf zehn Meter genau festlegen. Und doch gibt es für die Landesvermesser noch eine weit grössere Herausforderung als Geröllhalden: Gletscher und Schneefelder.

Anzeige

Schuld ist die Klimaerwärmung. Seit die Gletscher schmelzen, verschiebt sich teils deren höchster Punkt – die Wasserscheide – und so die Landesgrenze. Deshalb haben Italien und die Schweiz beschlossen, die Grenze auf dem Papier dem veränderten Terrain anzupassen. In mehrjährigen bilateralen Verhandlungen haben sich die beiden auf eine neue Linienführung einigen können.

Wer nun denkt, wo im Hochgebirge die Grenze verläuft, spiele keine Rolle, der irrt aus drei Gründen gewaltig. Erstens habe die Bedeutung der Landesgrenze wieder zugenommen, trotz offenen Übergängen in Europa, erklärt Vermessungsingenieur Gutknecht. Denn moderne geographische Informationssysteme funktionierten nur in einem klar festgelegten Rahmen, und diesen liefert just die Landesgrenze.

Zweitens könnte die Schweiz wegen der korrigierten Grenze kleiner oder grösser geworden sein. Bloss weiss das keiner, denn das Bundesamt wollte seine Kompetenzgrenze nicht überschreiten: Um keine Polemik zu entfachen, verzichtet es aufs Ausrechnen, wer durch die Korrektur verliert.

Anzeige

Drittens könnte auch ein Schweizer Gletscher einmal eine Gletschermumie freilegen. Und Mumie Ötzi war ein Grenzgänger: Er tauchte keine 100 Meter neben der Grenze auf und wurde so statt Österreicher Italiener.