«Der Rockdruide hat ein paar Schlachten gewonnen», sagt Chris von Rohr über sich, «und sein Kopfschmuck wird jetzt ähnlich wie der Hut des Napoleon in die Panzerglasvitrine wandern.» Stolz wird der Ex-Musiker, Ex-Juror in der TV-Sendung «MusicStar» und Neu-Showmaster von «Black ’n’ Blond» bald nach Zürich ins Schweizerische Landesmuseum gehen. Aber nicht, um Ritterrüstungen, Hellebarden, Gobelins oder Pfahlbauern zu bewundern. Nein, er wird sein Kopftuch der Hüterin des nationalen Erbes überreichen. «Das ist eine Ehre», meint von Rohr.

Die Übergabe wird in Zimmer 201 stattfinden. Im Büro des leitenden Kurators Christof Kübler. Der Kunsthistoriker freut sich schon heute auf das neue Exponat: «Dieses Kopftuch ist für mich ein Symbol für ‹Meh Dräck› – den Ausspruch, den von Rohr bei ‹MusicStar› geprägt hat.»

Der 49-Jährige wirkt mit seinem leicht wirren Haar, dem weissgrauen Bart, der Hornbrille und dem offenen Blazer mehr wie ein Regisseur denn wie ein Museumsverwalter. «Dass einer mit der Forderung ‹Meh Dräck› derart Aufsehen erregen kann, steht symbolisch für das Ende des desodorierten Hygienejahrhunderts. Deshalb gehört das Kopftuch ins Landesmuseum», sagt Kübler und sortiert ein paar Bücher auf seinem übervollen Pult. «Wir haben den Auftrag, den gesellschaftlichen Wandel, die Veränderungen in der Schweiz zu dokumentieren», erklärt er. «Dazu gehört auch die Massenkultur.»

Unser aller nationales Erbe liegt in Affoltern am Albis neben einem Coop Bau + Hobby, einem McDonald’s und einer Opel-Garage. 40'000 Sammlungsobjekte lagern hier in einem Holzbau, eingefasst von einem Maschendrahtzaun mit Stacheldrahtaufsatz und gesichert durch eine Flutlichtanlage. Neben der Zauntür ein Klingelknopf mit der Anschrift: «Schweiz. Landesmuseum Sammlungszentrum».

«Wir dürfen nichts wegwerfen»
Über den ausladenden Platz des ehemaligen Armeezeughauses schreitet Bernard Schüle, 50, gestreiftes Hemd über gewölbtem Bauch, graues Beinkleid und schwarze Schuhe. Der grosse Schlüsselbund rasselt am Gurt. Der Volkskundler und Kurator leitet das Depot Affoltern. Und in Gebäude 1, der ehemaligen Wohnung des Zeughausabwarts, wohnt er auch gleich.

«Ich habe mich daran gewöhnt, hinter Stacheldraht zu logieren», sagt der gebürtige Walliser mit leicht französischem Akzent und stösst die Stahltür zu Gebäude 2 auf. Ein Raum mit dem Charme eines Zivilschutzbunkers: Betonwände, hohe Decke. Am Boden stehen graue Schachteln mit verschiedensten Gegenständen, links führt eine Tür zum Büro mit den langen Arbeitstischen, die mit Antiquitäten übersät sind. Vor einem Bildschirm, der den videoüberwachten Eingangsbereich zeigt, sitzt Roland Twerenbold, gelernter Innendekorateur und heute Lagerverwalter im Faserpelz. Der 52-Jährige murmelt eine Begrüssung und holt sich – auch er schlüsselbundrasselnd – einen Kaffee.

Schüle und Twerenbold sind hier wochenlang allein. Allein mit den «bedeutsamen vaterländischen Altertümern geschichtlicher und kunstgewerblicher Natur» – wie es im Gesetz über das Landesmuseum von 1890 heisst.

Mit dem Warenlift geht es hinauf in den zweiten Stock. «Diesen Raum nennen wir ‹Die grosse Sitzung›», erklärt Depotchef Schüle. Hier werden Hunderte von Stühlen aufbewahrt – vom mittelalterlichen Holzstuhl bis zum Eternit-Gartenmöbel aus den sechziger Jahren. Die Luft ist kühl und völlig geruchlos, die Schritte knirschen auf dem Spezialboden. Im Hintergrund rauscht leise die Klimaanlage. «Das Landesmuseum darf nichts wegwerfen, wenn es einmal etwas angenommen hat», erzählt Schüle. Deshalb wächst der Bestand stetig an, und neue Sammlungszentren werden nötig.

2006 ist die nächste Etappe fertig. Sämtliche 800'000 Objekte aus sieben weiteren Sammlungszentren werden dann in Affoltern eingelagert. «Aber auch dieser neue Lagerraum wird wohl nur etwa fünf Jahre reichen, dann brauchen wir eine Erweiterung.» Mit ein Grund: Bei Depotchef Schüle und Lagerverwalter Twerenbold landen nebst unzähligen Preziosen auch der erste Textverarbeitungscomputer der Schweiz, die elektrischen Heizkissen, das Einmachglas-Cellophan, die Grand-Hotel-Dolder-Toilette und wohl bald auch Chris von Rohrs Kopftuch.

Allseits begehrt: Das Schwellenobjekt
«Als ich vor 21 Jahren als Kurator begann», berichtet Schüle, «gab mir mein Vorgänger die Weisung, nichts zu sammeln, was ein elektrisches Kabel hat oder einen Motor. Das ist heute passé.» Seit Anfang der neunziger Jahre sammelt das Landesmuseum vermehrt auch Objekte der Zeitgeschichte: eine Parkuhr zum Beispiel, eine alte Telefonkabine oder eine violette Milka-Kuh. Zum Teil gelangen Personen und Institutionen von sich aus ans Landesmuseum und bieten Gegenstände als Schenkung an.

Immer häufiger kommt es aber vor, dass Kuratoren bei Privaten und Unternehmen anfragen. So geschehen beim alten Logo der Nachrichtensendung «10 vor 10» sowie bei den Overalls und Atomfässern von Greenpeace. Aber weil man nicht alles sammeln kann, sind Schüle und seine Berufskollegen vom Landesmuseum stets auf der Suche nach dem so genannten Schwellenobjekt. «Ein Schwellenobjekt ist ein Gegenstand, der stellvertretend für eine wesentliche Veränderung in der Gesellschaft steht», so Schüle.

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Kleider machen Bundesräte
Ein solches Schwellenobjekt hat eine Mitarbeiterin des Landesmuseums am Abend des 2. Februar 2004 in einem Zürcher Kleintheater gefunden: die blaue, hochgeschlossene Bluse, in der Elisabeth Kopp als erste Frau der Schweiz ihre Hand zum Eid als Bundesrätin hob. Das geschichtsträchtige Stück wurde bei einer Benefizveranstaltung zusammen mit anderen Gegenständen versteigert, um dem Theater eine neue Kaffeemaschine zu finanzieren. Wollbluse und Wolljupe gingen für 250 Franken ans Landesmuseum.

«Dieses Kleid ist hochinteressant», meint Sigrid Pallmert, Textilkuratorin. «Frau Kopp trug kein Tailleur, das dem männlichen ‹formal dress› – dem Anzug – entsprochen hätte. Sie wählte einen weichen Stoff mit fliessenden Formen, also eine sehr feminine Kleidung – setzte aber mit den Farben Dunkelblau und Violett traditionelle Akzente.» Alle Schweizerinnen und Schweizer haben eine Vorstellung von diesem Kleid. Sieht man es vor sich, geht vor dem inneren Auge ein Film ab, der ein wichtiges Ereignis der nationalen Zeitgeschichte Revue passieren lässt. Ein Schwellenobjekt erster Güte. Das Kleid wurde inventarisiert, fotografiert und in der Textilsammlung abgelegt. In einer Schachtel kamen Bluse und Jupe per Lastwagen ins Zwischenlager nach Affoltern.

Im ersten Stock des Sammlungszentrums stehen Reihen von grauen Gestellwagen, auf denen Hunderte von Objekten lagern: Tierfallen, Radios, schmiedeeiserne Gitter – alle versehen mit Etiketten, auf denen ein Strichcode und zwei Nummern notiert sind: die Landesmuseums-Nummer (LM-Nummer) und die Systematiknummer des Gegenstands. «Wird ein Gegenstand angeliefert, wird er erst inventarisiert, mit einem Strichcode versehen, mit einer LM-Nummer beschriftet und fotografiert. Erst dann kann man ihn versorgen», sagt Lagerverwalter Twerenbold, macht eine Pause und fügt an: «Das klingt aber einfacher, als es ist.»

Twerenbold kramt aus einer grauen Schachtel eine Ajax-Dose mit der Aufschrift «Löst Schmutz und Fett» hervor und schreitet den Gestellen entlang. «Versorgen ist eine richtige Kunst», erklärt der Magaziner, der nach Stellen bei Möbel Pfister und im Schauspielhaus seit 15 Jahren beim Landesmuseum arbeitet. «Diese Dose könnte zum Beispiel bei der Abteilung ‹Werbung› oder bei der Abteilung ‹Reinemachen› abgelegt werden», sagt er. «Der Kurator hat sie aber in der Gruppe ‹Reinemachen› angesiedelt. Das sehe ich an der Systematiknummer 3.131.9.»

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16'000 Franken für ein Mobiltelefon
Der Lagerverwalter geht zielgerichtet zum Gestell 14, Reihe 9. Er stellt die Ajax-Dose auf Tablar D ins rechte Fach, tippt die Standortnummer SZA.2B.9.14.2D in sein Lesegerät und liest den Strichcode ein. Dort liegt sie nun «versorgt» bis in alle Ewigkeit – oder bis sie für eine Ausstellung gebraucht wird. «Putzmittel dokumentieren stellvertretend all die Anstrengungen, die man im 20. Jahrhundert unternahm, alles sauber und wohlriechend zu halten», erläutert Depotchef Bernard Schüle.

Vor dem Gestell 14 in der elften Reihe bleibt Schüle stehen. Seine Augen leuchten. Hier liegt noch ein Schwellenobjekt: ein Nationales Autotelefon (Natel) von Brown Boveri – das erste Handy der Schweiz. Das Gerät wiegt 15 Kilo und kostete 16'000 Franken. «Das brachte uns ein Radio- und Fernsehfachmann aus Thusis», erinnert sich Schüle. «Ende der siebziger Jahre kam der Mann regelmässig mit solchen Natels nach Zürich ins Hotel Novapark und verkaufte diese samt zugehörigen Telefonnummern teuer an Geschäftsleute.» Der Grund: Im Teilnetz 3, zu dem Zürich gehörte, waren gerade mal acht Natelnummern verfügbar. Der Bündner hatte für ein anderes Teilnetz mehrere Nummern gelöst, mit denen man auch im Zürcher Netz telefonieren konnte. Schüle: «In der Schweiz konnten gleichzeitig nur 32 Personen telefonieren, und das maximal drei Minuten lang – dann wurde das Gespräch gekappt.»

Auch Lagerverwalter Twerenbold zeigt uns seine Lieblingsobjekte. Sie liegen in einem klimatisierten Raum: Münztruhen aus dem Mittelalter mit wunderschönen Intarsien. «Das ist noch Handwerk», sagt er. «Das wirkt so leicht. Es sind wahre Meisterwerke.» Und dann präsentiert Twerenbold sein Liebstes: ein Sparkässeli mit Wilhelm Tell und Walterli aus Eisen. Legt man Tell eine Münze auf die Armbrust, schiesst er sie in die Öffnung oberhalb von Walterlis Kopf – und schon verschwindet das Geldstück im Kässeli. Fürwahr, ein Schwellenobjekt der Eidgenossenschaft.

PS: Einen ersten Termin für die Übergabe des Kopftuchs ans Museum liess Chris von Rohr platzen. Er hatte sein Markenzeichen nicht dabei. Schwellenangst bei der Übergabe eines Schwellenobjekts? Darauf angesprochen, verspricht von Rohr: «Übergabe ist im März.» Und: «We’re gonna rock the Landesmuseum.»

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