Im Nachhinein ist Walter Hofer den gestrengen Herren von Bio Suisse sogar dankbar, dass sie ihm den Segen für sein Projekt verweigert haben: «Ich hätte eine halbe Million investiert und wäre nicht mal sicher, ob ich nächstes Jahr einen vernünftigen Abnahmepreis bekommen hätte.»

Der Jungbauer aus Neudorf LU hatte sich letztes Jahr bereits zum zweiten Mal mit dem Gedanken getragen, seinen Hof auf «Bio» umzustellen – «aus rein finanziellen Gründen», wie er sagt: «Ich will Geld verdienen.» Schliesslich leistet der Bund für ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft höhere Direktzahlungen als für konventionell bewirtschaftete Höfe.

Hofer hatte hochfliegende Pläne: Auf seinem Hof wollte er zwei Ställe für insgesamt 4000 Legehennen einrichten: die grösste derartige Anlage in der Schweiz, in der nach den Vorschriften der Bio Suisse, der Vereinigung der Schweizer Biolandbau-Organisationen, produziert worden wäre. Die strengen Bauvorschriften hätte Hofer akzeptiert. Doch Bio Suisse verlangte zusätzlich, dass er keine Rinder mehr sömmere, weil dies nicht seiner Art von Bauernhof entspreche – eine Auflage, deren Sinn ihm nicht in den Kopf wollte.

Jetzt produziert Hofer weiter nach konventionellen Methoden – und ist nicht unglücklich darüber: «Die Grossverteiler und Zwischenhändler drücken die Preise für Bioeier, obwohl die Nachfrage dafür nach wie vor kaum gedeckt werden kann.»

Die Begeisterung ist geschwunden
Ist der Bioboom vorbei, bevor er richtig eingesetzt hat? «Keineswegs», beteuert Bio-Suisse-Geschäftsführer Christof Dietler. Aussteiger gebe es nur sehr wenige, betont er und verweist stolz auf den Zulauf, den seine Organisation verzeichnen kann: Produzierten 1991 erst 938 Betriebe gemäss den Vorgaben von Bio Suisse, waren es 1998 schon 4710 Höfe.

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Die Zeiten der zweistelligen Zuwachsraten bei den «Knospe»-Betrieben sind allerdings vorbei. Die Begeisterung für eine Umstellung auf Biolandwirtschaft hat sich deutlich abgekühlt. «Der Zuwachs liegt leicht unter unseren Erwartungen», muss auch Christof Dietler eingestehen.

Einen möglichen Grund sieht auch er in den Anforderungen an den biologischen Landbau. Diese seien vor allem bei der Tierhaltung in den vergangenen Jahren «etwas gestiegen». «Wir haben die Anforderungen an die Tierhalter bereits 1995 klar verschärft – unter anderem weil auch die Anforderungen der Konsumenten gestiegen sind.» Wenn Bio Suisse zum Teil sogar strengere Massstäbe ansetze als der Bund, dann sei dies «auch eine Möglichkeit, uns gegenüber anderen Biolabels zu profilieren».

Doch auch die milderen Auflagen des Bundes bereiten den Bioproduzenten Kopfzerbrechen. Christian und Ursula Fotsch aus Brienz etwa dürfen seit drei Jahren das «Knospe»-Label für ihre Heilpflanzen- und Kräutergärtnerei führen. Nun befürchten sie, dass Ende 2000 damit Schluss ist. Denn gemäss der Bioverordnung des Bundes dürfen ab diesem Zeitpunkt nur noch Pflanzen mit dem Biolabel verkauft werden, die aus biologischen Samen gezogen wurden. Doch für die zahlreichen exotischen Kräuter, die das Ehepaar kultiviert, ist meist kein kontrolliertes Biosaatgut vorhanden: «Oft bringen uns Drogisten Heilkräuter von ihren Reisen mit und bitten uns, diese nach biologischen Kriterien aufzuziehen.»

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Tibetanischer Enzian, Andorn, diverse Salbeiarten: Auf dem Gang durch seinen Betrieb zeigt Christian Fotsch immer wieder auf Kräutersorten, die wegen der neuen Bestimmungen aus der Gärtnerei verschwinden müssen, will er das «Knospe»-Label nicht verlieren. «Wahrscheinlich gärtnern wir weiter wie bisher, verzichten aber auf den Ausdruck "biologisch".»

Jetzt hofft er auf die sonst viel geschmähte Europäische Union: Dort wurde die entsprechende Bioverordnung, die in der Schweiz übernommen werden dürfte, eben um drei Jahre hinausgeschoben.

«Wenn dieser ärgerliche Papierkrieg weiter zunimmt, überlege ich mir, ob ich auf die "Knospe" verzichten will», sagt auch Christian Haueter. In Rage gebracht haben den Landwirt aus Oberwil im Simmental die Formulare, die er ausfüllen muss, wenn er das Logo für kontrollierten biologischen Landbau auf seinen Milch- und Fleischprodukten führen will: «Als wir 1990 erstmals durch Bio Suisse zertifiziert wurden, musste ich vier Seiten Papier ausfüllen und 112 Franken bezahlen. Für die letzte Kontrolle füllte ich 15 Seiten Papier aus.»

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Für Kontrollen und Verbandsbeiträge musste Haueter 1023 Franken zahlen, «dabei sind die Preise für unsere Produkte in den vergangenen Jahren ständig gesunken». Jetzt erwägt er, seinen Kunden zwar weiterhin Produkte in Bioqualität zu garantieren – aber ohne «Knospe»-Label.

Vor allem Grossverteiler profitieren
Die Skepsis gegenüber Biolabels nimmt zu – aber nur bei den Produzenten. Die Konsumenten hingegen sind auf den Geschmack gekommen. 1998 wurden nach Schätzungen von Bio Suisse für 580 Millionen Franken Bioprodukte verkauft.

Gemessen am gesamten Detailhandelsumsatz der Schweiz – rund 32 Milliarden Franken –, wachsen die Biobäume in der Schweiz zwar noch nicht in den Himmel, die Umsätze jedoch steigen markant. Die Migros, die im vergangenen Jahr ihr Sortiment kräftig ausbaute und damit 124 Millionen Franken umsetzte, verzeichnete eine Steigerung von satten 48 Prozent.

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Gar 220 Millionen Franken – plus 29 Prozent – betrug der Umsatz mit «Knospe»-Produkten bei Coop Schweiz. Weitere 130 Millionen erwirtschaftete der Grossverteiler mit naturgerecht hergestellten Fleisch- und Eierprodukten ohne «Knospe»-Label. Unbestrittene Renner sind seit ihrer Einführung im Jahr 1993 jedoch die Milchprodukte: Bei der Pastmilch beträgt der Anteil bereits 30 Prozent.

Die Vorgaben sind klar: «Bis 2008 wollen wir mit unseren vier ökologischen Produktelinien eine Milliarde Franken Umsatz machen», sagt Felix Wehrle, Leiter Wirtschaftspolitik bei Coop Schweiz.

Die Nachfrage wächst so stark, dass sie zeitweise kaum befriedigt werden kann. Ginge es nach den Gesetzen des Marktes, könnten vorab die Milchproduzenten mit der gegenwärtigen Situation zufrieden sein. Im Schweizer Biomarkt spielen aber andere Faktoren: Die Grossverteiler – allen voran Coop – haben biologische Produkte vom Image des verstaubten Alternativladens befreit und damit für ein grosses Publikum zugänglich gemacht.

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Dies beschert ihnen eine Vormachtstellung: «Wenn man in diesem Bereich etwas erreichen will, kommt man um die Grossverteiler nicht herum», sagt auch Bio-Suisse-Vertreter Christof Dietler. Er betont gleichzeitig, dass die Anstrengungen der Grossverteiler den Biobauern einen Markt eröffnet haben, «von dem man in den meisten anderen Ländern nur träumen kann».

Gerade dieser Markt spielt jedoch oft nicht. Die Grossverteiler wollen die Früchte ihrer langjährigen Marketinganstrengungen ernten und haben wenig Verständnis für die Forderungen der Bauern. Selbst wenn die begehrten Biolebensmittel zeitweise schwer erhältlich sind, bestimmen die Abnehmer die Preise.

Dies bekamen die Biobauern etwa bei der letzten Verhandlungsrunde über den Milchpreis schmerzlich zu spüren. Sie setzten auf das knappe Angebot und die grosse Nachfrage und hofften, die bisherige Preisdifferenz von 12 Rappen zwischen biologisch und konventionell produzierter Milch vergrössern zu können. Diese Forderung stiess bei Coop und den grossen Milchverarbeitern auf taube Ohren: «Wir sind nicht an einer kurzfristigen Gewinnmaximierung interessiert, sondern am langfristigen Erfolg», sagt Coop-Vertreter Felix Wehrle. Entsprechend sank der Preis für alle: Konventionell produzierende Landwirte erhalten durchschnittlich 75 Rappen pro Liter, Biobauern 87 Rappen.

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«Wir haben eingesehen, dass die Konsumentinnen und Konsumenten es kaum verstanden hätten, wenn der Preis für Biomilch trotz der allgemeinen Milchpreissenkung gleich hoch geblieben oder gar gestiegen wäre», sagt Christof Dietler. Der Bio-Suisse-Geschäftsführer spricht von einem «Lernprozess», den seine Organisation bei den Verhandlungen durchgemacht habe: «Wir mussten feststellen, dass es in Zukunft auch die Biobauern härter haben werden. Sie werden sich dem Preisdruck des Markts nicht entziehen können.»

Den Schweizer Bioproduzenten dürften in den kommenden Jahren noch einige solcher «Lernprozesse» ins Haus stehen.

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