Sonntag, kurz nach elf Uhr. Im Bergrestaurant Althüsli sind erste hungrige Gäste aus dem Tal eingetroffen. In der Küche dampft und brutzelt es. Der Duft von gebratenem Fleisch liegt in der Luft.

Elf Kilometer steiler Wald- und Schotterweg trennen das «Althüsli» vom Rest der Zivilisation. Doch der Aufstieg zum höchsten Punkt des Kantons Solothurn lohnt sich: Hier oben auf der Hasenmatt wähnt man sich im Paradies. Die Rundumsicht auf das Mittelland und den Jura ist atemberaubend, die Bergluft würzig und sauber. Vor allem aber ist das «Althüsli» ein wahres Bijou.

Für Heidi und Bruno von Allmen, die den Bauernhof und das Restaurant seit bald acht Jahren führen, ist das Leben auf dem Berg hingegen alles andere als idyllisch: 14-Stunden-Tage sind die Regel, sieben Tage in der Woche. Doch die täglichen Strapazen zahlen sich nicht aus: Jahr für Jahr fliesst weniger Geld in die Kasse.

Schweren Herzens haben sich die von Allmens deshalb entschlossen, den Hof aufzugeben. Der Pachtvertrag ist gekündigt, im Frühling wird Gantrufer Alois Wyss im «Althüsli» das letzte Fest besorgen: Das Vieh wird versteigert, ebenso das Inventar, das Heidi und Bruno von Allmen sich mühselig ersparte.

«Die Bauern sterben – Couchepin an den Galgen.» Wütend demonstrierten die Landwirte diesen Sommer in Bern, versperrten den Eingang des Bundeshauses mit Milchkannen und kritisierten in flammenden Reden die im Frühjahr von Wirtschaftsminister Pascal Couchepin angekündigte «Agrarpolitik 2007» – ein Reformprojekt, das eine möglichst rasche Marktöffnung im Landwirtschaftssektor anpeilt. Besonders besorgt sind viele Bauern über die geplante Streichung der Milchkontingente. Dieser Liberalisierungsschritt werde das Bauernsterben noch beschleunigen, prognostizieren Landwirtschaftsexperten.

Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung von Couchepins Reformplänen folgte mit dem Kollaps von Swiss Dairy Food (SDF) der nächste Schreck. Der Lebensmittelkonzern ist neben Emmi der grösste Milchabnehmer im Land. Mit der Zerschlagung von SDF wird es für viele Bauern noch enger.

Probleme. In den letzten zehn Jahren ging nahezu jeder dritte Bauernhof ein. Wurden 1990 noch fast 93'000 Betriebe gezählt, waren es letztes Jahr noch 69'000. Auch der Verdienst geht zurück: Zwischen 1998 und 2000 erwirtschaftete ein Talbetrieb ein durchschnittliches jährliches Einkommen von rund 68'000 Franken – im letzten Jahr waren es noch 62'000 Franken. «Diese Zahlen bedrücken mich», sagt Bernard Lehmann, Professor für Agrarwirtschaft an der ETH Zürich. «Tag für Tag gehen in der Schweiz fünf Höfe ein – und weil die Entwicklung so kontinuierlich verläuft, nimmt die Gesellschaft das kaum wahr.»

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Anfang der neunziger Jahre war für Bruno und Heidi von Allmen die Welt noch in Ordnung. Das Bauernpaar hatte sich gegen diverse Mitbewerber durchgesetzt und erhielt die Pacht für das «Althüsli». «Dass sie uns ausgesucht haben», sagt Bruno von Allmen, «lag sicher auch daran, dass Heidi aus dem Gastgewerbe kommt.» Die gelernte Köchin und Service-Fachangestellte hat den Job nie ganz aufgegeben – aus Freude am Beruf und weil das Geld aus der Landwirtschaft nicht gereicht hätte, um die fünfköpfige Familie zu ernähren: Der Hof, den Bruno von Allmen als 18-Jähriger von seinen Eltern übernommen hatte, war als Existenzgrundlage schlicht zu klein.

Mit dem «Althüsli» schienen sie das grosse Los gezogen zu haben: ein Hof mit 50 Hektaren Land und einem kleinen Bergbeizli als Zugabe. In den ersten Jahren wurde jeder Rappen wieder in den Betrieb gesteckt. Fast jedes Jahr kam eine weitere Kuh in den Stall, konnte eine neue Maschine angeschafft werden.

Ab 1999 begannen die Schwierigkeiten. Der Milchpreis fiel von einem Franken auf 75 Rappen. Im gleichen Jahr ging die regionale Käserei ein, weil der Betrieb aufgrund neuer EU-Vorschriften grundlegend hätte saniert werden müssen.

Auf die Verkäsung der eigenen Milch hätten die von Allmens ohne grössere Einbussen verzichten können. Aber sie erhielten auch keine «Käsemilch» mehr – ein Abfallprodukt aus der Käseherstellung, mit dem sie bis anhin ihre Schweine gefüttert hatten. Nahrung zu kaufen lag finanziell nicht drin: Die Schweinezucht musste aufgegeben werden. Zu allem Unglück brach auch der Absatzmarkt für Jungvieh zusammen. «Für uns Bergbauern war der Verkauf von Jungvieh ein wichtiger Nebenerwerb», sagt Bruno von Allmen.

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Ökonomen nennen die Entwicklung, die die Schweizer Agrarlandschaft derzeit erschüttert, «Gesundschrumpfung». Im Vergleich zu den europäischen Nachbarn gibt es hierzulande zu viele Höfe. Die Folge: Die einzelnen Betriebe sind zu klein, um konkurrenzfähig zu produzieren.

Laut dem Agrarwirtschaftler Bernard Lehmann werden in den nächsten zehn Jahren nochmals mehrere tausend Bauernfamilien aufgeben müssen: «Die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft hängt stark davon ab, wie viel Wertschöpfung die Bauern künftig erzielen werden und wie sich die einheimische Ernährungswirtschaft gegenüber der ausländischen Konkurrenz behauptet.»

Anders als in der EU seien die kleinen Bauernhöfe in der Schweiz zu lange mit Subventionen künstlich am Leben erhalten worden, sagt Lehmann. «Aus finanziellen Gründen und auch wegen der internationalen Konkurrenz kann der Staat die Strukturanpassung nicht länger bremsen.» Zudem habe der technische Fortschritt die Landwirtschaft grundlegend verändert. «Die grössere Leistungsfähigkeit der Maschinen zwingt zu betrieblichem Wachstum oder zur stärkeren Zusammenarbeit.»

Pascal Couchepins Reformprojekt gibt den Bio- und Bergbauern nun nochmals eine Chance: Als einzige Landwirte sollen sie zwei Jahre früher von den Milchkontingenten befreit werden und ihre Milchproduktion steigern dürfen – wenn sie Abnehmer dafür finden.

Für Heidi und Bruno von Allmen kommt diese Hilfe zu spät. In wenigen Monaten steigen sie definitiv «vom Berg herunter». Obwohl sie sich schweren Herzens vom Bauernberuf verabschieden, sehnen sie sich im Moment nach einem «ganz normalen Job». Heidi von Allmen wird sich eine Stelle im Gastgewerbe suchen, ihr Mann hofft auf eine Anstellung als Gemeindearbeiter. Er ist aber auch bereit, eine Arbeit in einer Fabrik anzunehmen. Hauptsache, man hat zwei Tage in der Woche frei und erst noch bezahlte Ferien. «Wir haben bisher nichts von der Welt gesehen», sagt Heidi von Allmen. «20 Jahre sind wir verheiratet und haben es nur einmal für ein paar Tage nach Österreich geschafft.»

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