Der 17-Jährige zieht eine Kiste hinter sich her. Sie sieht aus wie ein kleiner Gitarrenverstärker auf Rädern. Bloss der Musiker fehlt, dafür pumpt ein aufgesteckter iPod Electro-Sound durch den übersteuerten Lautsprecher.

«Wir sind schon Stunden unterwegs. Cool, oder?» Mit seinem Kumpel wippt er regelmässig das Seeufer in der Stadt Zürich entlang. Eine Mikro-Street-Parade, die manchmal ein Lächeln erntet, öfter aber grimmige Gesichter. Denn die zwei sind nicht die Einzigen, die sich ein Soundsystem auf Rädern angeschafft haben. Die Block-Rocker, so der ­Name des Marktführers, sind Bestseller. Einstiegsmodelle ab rund 250 Franken sind schon ordentlich laut und kommen ohne teure Batterien aus, der aufladbare Akku hält bis zu zwölf Stunden durch.

Dies zum Leidwesen von manchen Ruhe­suchenden, die sich einfach etwas entspannen wollen. «Ego-Box» nennt ein Sünneler die nervenden Kisten, mit denen die Generation iPod ihr akustisches Lebensgefühl nach aussen kehrt. «Nein, wir haben eigentlich keine Probleme mit R­eklamationen», versichert der 17-Jährige. «Gut, vorher eine alte Frau. Aber das war auch eine dumme Kuh.» Er wippt mit seinem Kollegen davon.

Soundanlagen in Basel konfisziert

Auch in anderen Städten sind die mobilen Soundsysteme Grund für Ärger. In Basel ist das Rheinufer die angesagte Outdoor-Partymeile, in Bern wird die Aare manchmal gar von Gummibooten aus beschallt. Streng genommen sind solche Anlagen gar nicht erlaubt. Denn die Polizeiverordnungen der Städte Zürich, Basel und Bern sehen alle eine Bewilligungspflicht für Lautsprecheranlagen im Freien vor.

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Das Verbot wird sehr unterschiedlich interpretiert. Die Basler Polizei beschlagnahmte diesen Sommer innert weniger ­Tage ein halbes Dutzend Anlagen und sorgte damit für Schlagzeilen. Wie viele es diese Saison insgesamt waren, hat die Polizei nicht erfasst. «Solche Aktionen sprechen sich ja herum, dann kehrt meist wieder etwas Ruhe ein», sagt Polizeisprecher Martin Schütz.

Konfiszierte Anlagen können tags da­rauf abgeholt werden. Mit 100 Franken Busse muss nur rechnen, wer auch Reklamationen provoziert hat. Die Polizei mache aber keine Jagd auf Musikanlagen, sondern halte «Ohrenmass», betont der Polizeisprecher. «Wenn zwei, drei Leute auf einer kleinen Anlage etwas Musik hören und sich niemand daran stört, geht das in Ordnung.» Wer mehr will, muss bei der Polizei eine Bewilligung beantragen, ironischerweise bei der Fachstelle für Waffen. Nur für gemeinsames Musikhören mit Kollegen am Rheinufer ist der Antrag aber chancenlos, es braucht schon einen besonderen Anlass.

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Die Berner Polizei hat bisher keine Anlagen konfisziert. «Wir bemühen uns bei Lärmklagen, zwischen den Parteien zu vermitteln. Über die Art der Intervention entscheiden wir dann von Fall zu Fall», sagt Polizeisprecher Christoph Gnägi. Mit Bussen muss in der Regel nur rechnen, wer nach einer Beschwerde und einer Ermahnung weiterdröhnt.

In Zürich wird mehr geklagt als früher

Auch Zürich setzt auf Vermittlung, die ­Polizei hat bisher keine Block-Rocker mitgenommen. Neben der Polizei sind in der Limmatstadt auch uniformierte Sozial­arbeiter der Organisation «Sicherheit Intervention Prävention» (SIP) als Schlichter und Vermittler unterwegs. «Die Nutzung der öffentlichen Erholungsräume hat stark zugenommen, und die Bedürfnisse der ­Besucher sind extrem unterschiedlich», bestätigt die stellvertretende SIP-Leiterin, Sabine Bruder. «Bei Konflikten versuchen wir, eine Lösung zwischen den Parteien zu finden. Das gelingt meist nachhaltiger, wenn es zu ­einer Aussprache zwischen Lärmgeplagten und Lärmverursachern kommt. Solche Gespräche unterstützen und begleiten wir.»

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Die Strategie der Vermittlung führt allerdings kaum zu weniger Klagen. In der Stadt Zürich haben Lärmbeschwerden laut Polizeiangaben in den vergangenen zehn Jahren um gegen 20 Prozent zugenommen. Wie viele davon zu laute Musik in öffentlichen Anlagen betreffen, wird allerdings nicht aufgeschlüsselt. Auch in Basel und Bern sind keine detaillierten Zahlen vorhanden, die Anzahl Lärmbeschwerden soll aber eher stabil geblieben sein.

Einer reklamiert – gegen mehrere Personen

Nicht alle Lärmgeplagten wollen sich persönlich mit den Verursachern auseinandersetzen, vor allem wenn es um ganze Gruppen geht. So hat sich im überschaubaren Zürcher Quartierpark Bäckeranlage trotz Beschwerden eine ­Latinoszene etabliert, die den Park und das angrenzende Quartier seit Monaten täglich und über Stunden mit südamerikanischen Rhythmen beschallt. Am vergangenen Samstag hatten sich dort gleich drei Gruppen mit Soundsystemen eingerichtet.

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Die Stadtpolizei versichert zwar, bei Klagen auch direkt zu intervenieren – sofern dies verlangt werde. Manche Anwohner haben aber die Erfahrung gemacht, dass ihnen erst zu ­einer Strafanzeige geraten wird, vor allem wenn es um Belästigungen ausserhalb der Nacht­ruhezeit geht. Dafür müssten Geplagte sich als Erstatter der Anzeige outen. Das geht vielen dann doch zu weit.

Das Fest in der Bäckeranlage endet jeweils pünktlich vor Anbruch der Nachtruhezeit, in Zürich um 23 Uhr. Autos fahren vor, Soundsystem, manchmal auch ein Grill, Festbänke und -tische werden eingeladen. Eigentlich könnte die Infrastruktur gleich dortbleiben. Denn seit einem Jahr ist sicher: Am darauf­folgenden Nachmittag sind die Block-Rocker wieder voll geladen.