Was haben Appenzeller Witze, der Thurgauer Obstbau und das Basler Rheinschwimmen gemeinsam? Sie sind angeblich schützenswerte Schweizer Bräuche. 167 solche ­«lebendige Traditionen» stehen in einer Liste, die das Bundesamt für Kultur ver­öffentlicht hat.

Das mag gut gemeint sein, doch die ­Liste wirft mehr Fragen auf, als sie klärt. Warum ist die Basler Herbstmesse drin, nicht aber die Olma? Weshalb ist das Fondue ein schützenswertes Gut, Raclette hingegen nicht? Ist die Fronleichnamsprozession in Appenzell (die in der Liste verzeichnet ist) so viel spezieller als jene im Kanton Baselland oder in Domat/Ems (denen die Aufnahme in die Liste verweigert wurde)? Ist der Brauch des Maibaumstellens in ­Baselland (in der Liste) schützenswerter als in Luzern (nicht in der Liste)?

Wohl gibts für jeden Widerspruch einen Erklärungsansatz. So sei das Maibaumstellen im Baselbiet speziell, weil dort kleine Bäume auf dem Brunnenstock aufgestellt würden und nicht wie anderswo grosse Tannen auf dem Boden, begründet Ethnologin Franziska Schürch vom Kulturamt Baselland. Die Basler Herbstmesse wurde vom Standortkanton vorgeschlagen, die Olma hingegen nicht. Wirklich überzeugend klingen beide Begründungen nicht.

«Intensive Debatten»

Richtig ist: Damit dem Föderalismus Genüge getan wird und jede Region mit einer Spezialität vertreten ist, wurden unterschiedlichste Massstäbe angelegt. Die Gruppe, die die Liste im Auftrag des Bundes erstellt hat, «achtete besonders auf die ausgewogene Präsenz von Traditionen aus allen Regionen und aus allen Bereichen des immateriellen Kulturerbes», bestätigt Projektleiter David Vitali, interimistischer Leiter der Kulturabteilung im Eidgenös­sischen Departement des Innern.

Die Liste ist denn auch auf typisch schwei­zerische Art zustande gekommen: nach einer Vernehmlassung. Jeder Kanton und die Eidgenossenschaft konnten 30 Vorschläge einreichen, 387 kamen insgesamt zusammen. Eine föderalistisch auf­gebaute «Steuerungsgruppe» mit einem Dutzend Vertreter der Kantone, des Bundes, der Schweizerischen Unesco-Kommission, der Kulturstiftung Pro Helvetia, des Kurszentrums Ballenberg sowie der Universitäten Basel und Neuenburg wählte nach sieben Sitzungen mit «intensiven Debatten» jene 167 «lebendigen Traditionen» aus, die es schliesslich in die Liste geschafft haben – «im Konsens», betont Projektleiter Vitali. Dabei seien «die Prioritäten der Kantone berücksichtigt» worden. Angesichts dieses Vorgehens ist es nur folgerichtig, dass selbst der Begriff «Konsenskultur» in die Liste der schützenswerten Schweizer Traditionen aufgenommen wurde.

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Von Konsens kann aber nicht die Rede sein. So figuriert die Zentralschweizer Fasnacht in der Liste, ohne dass die Verantwortlichen davon gewusst hätten. «Wir haben aus der Zeitung davon erfahren, und wir stehen dem Projekt sehr skeptisch gegenüber», sagt Bruno Spörri, Sprecher des Lozärner Fasnachts­komitees. Die Fasnacht lebe, weil die Teilnehmenden es wollten, nicht weil sie etwas Schützenswertes sei, findet er. Die traditionellen Fasnächtler fürchten, dass der archaische Charakter der Strassenfasnacht verlorengehen könnte, «und das wollen wir auf gar keinen Fall. Etwas Archaisches unter Denkmalschutz zu stellen ist doch ein Widerspruch in sich», sagt Spörri.

«Informieren, sensibilisieren, allenfalls zur Pflege anregen»

Die «Limmattaler Zeitung» bemängelt, die Liste sei unvollständig, auch die singenden Schlieremer Chind und das witzelnde Cabaret Rotstift sollten erwähnt werden. Andernorts fragt man sich ernsthafter, was es denn mit dem Begriff «schützenswerte Traditionen» genau auf sich habe. Bedeutet es nun, dass in Zug keine Landeinzonungen mehr möglich sind, um den schützenswerten Kirschenanbau nicht zu gefährden?

Nein, denn Folgen hat der Eintrag in die Liste keine. «Tradi­tionen lassen sich nicht unter Denkmalschutz stellen wie ein Bauwerk, sie müssen gelebt und weiterentwickelt werden können», sagt Projektleiter Vitali. Deshalb spreche er auch nicht von Unterschutzstellung, sondern von Bewahrung. Die Liste wolle «informieren, sensibilisieren, auf kulturhistorische Werte aufmerksam machen, allenfalls zur Pflege anregen», so Vitali. Deshalb gibt es auch in Zukunft keine Subventionen für den Zürcher Räbeliechtliumzug, und die Krankenkassen bezahlen auch die Behandlung bei Innerrhödler Gebetsheilern nicht, obwohl sie öffentlich anerkannt werden.

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So mangelhaft, so nutzlos die Liste auch sein mag – für die Erarbeitung wurden weder Mühe noch Kosten gescheut. Mindestens 230'000 Franken kostet sie den Bund, dafür haben Ende Oktober mehr als 200 Teilnehmer an einer Tagung der Hochschule Luzern die Frage diskutiert, ob und welchen Nutzen die Liste für den Tourismus haben könnte – allein die Universität Basel entsandte 38 Mitarbeiter an diesen Anlass. Weitere 100'000 Franken kostet es, alle «lebendigen Traditionen» in einem Internet-Inventar zu verewigen. Die Aufwendungen der Kantone sind dabei noch gar nicht erfasst.

Eine Töffbeiz auf gleicher Stufe wie die Pekingoper?

Ob all des Brimboriums geriet die Frage, was das Ganze eigentlich soll, etwas in den Hintergrund. Man habe die Liste machen müssen, weil die Schweiz sich dazu im Jahr 2008 gegenüber der Uno-Kulturorganisation Unesco verpflichtet habe, heisst es beim Bundesamt für Kultur. Die Unesco versteht sich unter ­anderem als Bewahrerin des Weltkulturerbes und führt dazu mehrere Listen. Die Liste des «immateriellen Kulturerbes» zählt derzeit 232 Einträge, darunter etwa der Flamenco, die franzö­sische Küche, die Mittelmeerdiät oder die Pekingoper.

Allerdings ist kein Fall bekannt, wo die Unesco einen säumigen Staat, der keine solche Liste ablieferte, gebüsst hätte. Fraglich ist auch, ob die Unesco tatsächlich den Töfftreff Hauenstein (ein Motorradfahrer-Restaurant in Trimbach SO) oder den Grenchner Uhrencup (ein Fussballturnier) zum schützenswerten Kulturgut erklärt. Vorerst stehen beide nur in der Schweizer Auswahlliste. Voraussichtlich bloss etwa fünf Traditionen wird die Schweiz kommenden Frühling der Unesco tatsächlich vorschlagen. Und bis zu einem Beschluss der Unesco dauert es nochmals anderthalb Jahre. Dennoch jubeln die Uhrencup-Verantwortlichen auf ihrer Website bereits, dass ihr Turnier den «Status des Unesco-Weltkulturerbes erhalten» habe.

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Immerhin gibt es ihn noch, den Uhrencup. Demgegenüber wirkt es ziemlich makaber, dass auch Anna Göldi, anno 1782 in Glarus wegen angeblicher Hexerei hingerichtet, als «lebendige Tradition» gilt. Von zwei anderen plötzlichen Todesfällen hat die zuständige Kommission gerade noch rechtzeitig gehört: Weder das «Bankgeheimnis», das die Eidgenossenschaft ebenfalls als schützenswerte lebendige Tradition eintragen lassen wollte, noch die «Zauberformel» haben es in die Liste geschafft.