Sie haben Gäste und wollen allen einen Milchdrink servieren, wissen aber nicht, welchen Geschmack die Besucher mögen. Kein Problem. Kaufen Sie «Shake»-Drinks, und Ihre Gäste können durch unterschiedlich starkes Schütteln selbst entscheiden, ob das Getränk nach Erdbeere oder Banane schmecken soll.

Noch existiert dieser Schütteldrink erst in der Fantasie findiger Forscher. Doch die Lebensmittelindustrie arbeitet daran, ihn Realität werden zu lassen. Das Mittel dazu heisst Nanotechnologie. Mit ihr stossen die Ingenieure in eine Welt vor, in der es kleiner kaum sein kann: zu Atomen und Molekülen. Die Dimension, um die es hier geht, ist der Nanometer – der milliardste Teil eines Meters. Bisher wirkten die Nanotechniker in der chemischen Industrie, im Maschinenbau, in der Elektrotechnik und in der Kunststoffbranche. Nun beginnen sie, auch Lebensmittel zu gestalten.

Nestlé gibt sich wortkarg
Einer dieser Nanotechniker ist Peter Schurtenberger von der Universität Freiburg. Er untersucht, wie die einzelnen Komponenten von Molkereiprodukten im Nanometerbereich zusammenwirken. «Das Design eines Produkts kann dank diesem Grundwissen verbessert werden. Vor allem Zusatzstoffe lassen sich gezielter einsetzen, wenn wir verstehen, wie die einzelnen Komponenten funktionieren», sagt Schurtenberger. Welche Produkte sich mit seinem Wissen entwickeln lassen, will er nicht sagen. «Wir arbeiten mit dem Nahrungsmittelkonzern Nestlé zusammen. Da wir derzeit zwei Verfahren zur Patentierung angemeldet haben, wäre es nicht im Interesse des Konzerns, darüber zu sprechen.»

Schurtenberger ist nicht der Einzige, der für den Schweizer Lebensmittelmulti Nanoforschung betreibt. An der österreichischen Universität Graz haben Wissenschaftler für Nestlé bereits so genannte Nanocontainer entwickelt. Diese winzigen Transportmoleküle faszinieren die Lebensmittelhersteller besonders, sollen sie doch dabei helfen, die Gesundheit der Menschen zu verbessern. Die Idee dahinter ist nicht neu: Unter dem Stichwort «Functional Food» bieten Firmen wie Nestlé bereits seit einigen Jahren Lebensmittel an, die künstlich mit Substanzen angereichert sind, die gesundheitsfördernd sein sollen.

Neu ist jedoch die Idee, die Zusätze in Nanocontainer einzupacken. Diese Container sind zwischen 10 und 100 Nanometer klein, bestehen aus Fettmolekülen und können so präpariert werden, dass sie ihren Inhalt an einen ganz bestimmten Ort im menschlichen Körper bringen. Soll eine Substanz etwa nur im Darm wirken, wird sie in Nanocontainer verpackt, die Mund und Magen unbeschadet überstehen, unter den Bedingungen im Darm dann aber ihren Inhalt entlassen. Da die Forscher die kleinen Container auch so formen können, dass sie auf unterschiedlich starkes Schütteln verschieden reagieren, könnten interaktive Produkte hergestellt werden – unter anderem Drinks, die ihre Farbe oder ihren Geschmack ändern.

Nestlé stellt seit einigen Jahren in zunehmendem Mass Functional Food wie LC1-Joghurt oder Powerbar-Riegel her und dürfte die Nanocontainer denn auch dazu nutzen, um ihre bisherige Produkteserie zu «optimieren». Konkrete Informationen gibt es allerdings nicht: «Wir sind der Ansicht, dass sich mit Nanotechnologie Geschmack und Nährwert von Lebensmitteln verbessern lassen. Unser Forschungszentrum entwickelt gegenwärtig Methoden, um die Rohstoffe zu prüfen, die aus Nanotechnologie hervorgegangen sind und für zukünftige Produkte wichtig sein könnten», schreibt die Medienstelle dem Beobachter nach mehrmaligem Anfragen kurz und zurückhaltend.

Man erhofft sich ein Milliardengeschäft
Auch wenn Nestlé ihre Produkte ungern mit Nanotechnologie in Zusammenhang bringt: Die Lebensmittelbranche ist begeistert – nicht nur von den neuen technischen Möglichkeiten, sondern auch von den Marktaussichten. In fünf Jahren soll der Weltmarkt für nanotechnologisch veränderte Lebensmittel, den so genannten Nanofood, bereits 25 Milliarden Franken betragen. Kein Wunder, dass neben Nestlé auch alle anderen grossen Lebensmittelkonzerne Nanoküchen unterhalten. Der amerikanische Süsswarengigant Mars zum Beispiel soll ein Verfahren mit Nanopartikeln aus Titandioxid entwickelt haben, das Schokoriegel länger haltbar macht. Der deutsche Konzern BASF wiederum stellt Vitamine und andere Zusatzstoffe in Nanoform her; die Substanzen werden so besser wasserlöslich und können vom menschlichen Körper leichter aufgenommen werden. Laut BASF enthalten viele Fruchtsäfte bereits solche Nanostoffe.

Auch die Verpackungsindustrie hat die Nanotechnologie entdeckt. Sie stellt Materialien mit Nanopartikeln aus Silber her, die Lebensmittel vor Bakterien schützen und so den Bedarf an anderen Konservierungsmitteln verringern. Noch in der Entwicklung befinden sich Verpackungen, die mit Nanosensoren ausgerüstet sind. Diese kleinen Spürnasen sollen in Zukunft über den Zustand von Lebensmitteln informieren – unter anderem sauer gewordene Milch rot werden lassen oder durch die Blaufärbung der Verpackung zeigen, dass das Verbrauchsdatum des Pouletfleisches überschritten ist.

Bei Schweizer Konsumentenschützern macht sich erste Skepsis breit: Seit aus anderen Bereichen der Nanotechnologie bekannt geworden ist, dass ungiftige Stoffe in Nanoform plötzlich giftig werden können, fordern sie einen vorsichtigeren Umgang mit der neuen Technik. «Bei der Herstellung von Lebensmitteln muss so lange auf die Nanotechnologie verzichtet werden, bis nachgewiesen ist, dass Nanopartikel in der Nahrung unbedenklich sind», sagt Matthias Nast von der Stiftung für Konsumentenschutz. Sollte dieser Nachweis ausbleiben, sei auf jeden Fall die Wahlfreiheit der Konsumenten zu garantieren. Eine Deklaration von Nanofood fordert auch die Geschäftsführerin beim Konsumentenforum, Fabiola Monigatti. Sie sagt: «Da nicht alle Risiken abgeklärt sind, muss die Forschung vorsichtig sein und klar deklarieren, falls Nanotechnologie angewendet wird.»

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Das Bundesamt für Gesundheit klärt ab
Während die Konsumentenschutzorganisationen schon klare Positionen vertreten, hat man beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) erst begonnen, sich mit Nanofood zu beschäftigen. «Im Bereich Nanotechnologie und Lebensmittel sind noch viele Fragen offen. Im Moment klären wir ab, in welchen BAG-Bereichen die Nanotechnologie eingesetzt werden kann, wo allenfalls Risikoeinschätzungen und vielleicht neue Regelungen nötig sind», so die Medienbeauftragte Sabina Helfer. Von einer Deklarationspflicht will man vorerst nichts wissen. «Zuerst müssen die Risiken abgeklärt werden. Erst dann kann im Einklang mit der EU die Deklarationsfrage behandelt werden», sagt Helfer.

Fehlende Deklaration, unklare Regulation und unsicheres Wissen – das alles erinnert an die Situation vor zehn Jahren, als erste gentechnisch veränderte Nahrungsmittel auf den Markt kamen. Damals scheiterten Konzerne und Forscher, weil sie das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten nicht gewinnen konnten. Ob sie aus den Fehlern der Gentechnikdebatte gelernt haben, ist unklar. Klar ist nur, dass ohne öffentliche Diskussion, ohne exakte Untersuchungen und ohne klare Regeln nicht nur saure Milch wegen der Nanotechnologie rot werden wird.

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