Mit der Neat wird die Schweiz zur Haupttransitachse Europas: Durchstich am Ceneri-Basistunnel

Hautnah kann man jeden Tag erleben, was es heisst, in einem dicht besiedelten Kleinstaat zu leben – zur Stosszeit im Pendlerzug oder im Einkaufszentrum in der Agglo. Fast 7,6 Millionen Menschen teilen sich die 41'285 Quadratkilometer Schweiz respektive die 32'000 Quadratkilometer, die nach Abzug von Seen, Fels und Gletschern noch bleiben. Die Schweiz ist klein, dicht besiedelt und nur zu vier Fünfteln bewohnbar. Aber sie geht mit ihrem Raum um, als verfüge sie über unermessliches Niemandsland.

Wie wird der Lebensraum Schweiz in 25 Jahren aussehen, wenn die jetzigen Trends fortdauern? Man muss sich nicht gleich die Apokalypse ausmalen, aber: Die verstreute Überbauung hält seit 50 Jahren an, ohne dass es gelungen wäre, den Landfrass zu stoppen. Auch wenn sich die Zersiedelung seit 1980 etwas abschwächte, sei sie noch immer «alarmierend stark», und es bestehe «kein Anlass zur Entwarnung», stellen Jochen Jäger und Christian Schwick von der ETH Zürich fest. Sie legten kürzlich eine grosse Studie für die Zeit von 1935 bis 2002 vor. Und was sie kommen sehen, verheisst nichts Gutes: «Ohne Gegenmassnahmen wird die Zersiedelung weiter stark zunehmen.»

Überbauen wir Boden wie bisher, erhalten wir zwar Wohnraum, Arbeitsstätten und Verkehrsanlagen, aber auf Kosten von Kulturland, Erholungsraum und Natur. Im von Trabantensiedlungen zerstückelten, von Verkehrsachsen zerteilten und von Asphalt versiegelten Land verschwinden weitere Tier- und Pflanzenarten. Der Verkehr nimmt zu, Erschliessungskosten steigen, die Landschaft verlärmt und verödet.

Ein Quadratmeter pro Sekunde verbaut

«Der Verteilkampf um den knappen Boden wird sich verschärfen», ist auch Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz überzeugt. Gewachsene Kulturlandschaften würden ausgeräumt für die Intensivlandwirtschaft und zermalmt von ausufernden Siedlungen. «Wenn Landschaften derart umgestaltet werden, büssen sie ihre ästhetische Qualität, ihre Vertrautheit und ihren Erholungswert ein.»

Angetrieben wird der räumliche Wandel vom wirtschaftlichen Fortschritt. In den fünfziger und sechziger Jahren wuchs die Bevölkerung von 4,4 auf 6,1 Millionen, dann etwas langsamer auf heute 7,6 Millionen. Die Globalisierung steigert seither den Austausch von Gütern, Kapital, Dienstleistungen und Personen. Die zusätzlichen Menschen brauchen Wohnungen, Schulen, Konsum- und Freizeitanlagen. Die Firmen brauchen Raum für Büros und Fabriken. Und alle verlangen mehr Verkehrsfläche.

Was die vielen kleinen Veränderungen insgesamt bewirkten, zeigt die Arealstatistik: Das Agrarland schrumpfte in zwölf Jahren um 482 Quadratkilometer, etwa die Fläche Obwaldens. Die Siedlungsfläche wuchs um 327 Quadratkilometer oder dreieinhalb Mal die Fläche der Stadt Zürich. Pro Sekunde wird ein Quadratmeter Land verbaut. Immer mehr Land beansprucht das Wohnen, weil es mehr Kleinhaushalte gibt, sich die Leute mehr Wohnraum leisten und vor allem, weil Herrn und Frau Schweizers höchstes Ziel immer noch das Einfamilienhaus ist. Umschwung eingerechnet, belegt heute jede Person 112 Quadratmeter Wohnareal. Rechnet man die Flächen für Verkehr, Arbeit und Erholung hinzu, belegt jede Person 400 Quadratmeter Siedlungsareal. Die Untersuchung «Landschaft unter Druck» des Bundesamts für Umwelt zeigt, dass von 1972 bis 2003 74'000 Gebäude ausserhalb der Bauzone gebaut wurden, 40'000 Kilometer Strassen hinzukamen, 1000 Kilometer Bachläufe eingedolt und zwei Millionen Obstbäume gefällt wurden. Massiv ist der Landfrass im Mittelland. Bereits sind über 16 Prozent der produktiven Fläche verbaut. Damit ist das Mittelland schon jetzt eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Europas.

Nur noch drei Metropolen

Wohin führt das? Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) skizziert es im neuen «Raumkonzept Schweiz». Heute leben 73 Prozent der Menschen in Städten und Agglomerationen. Bis 2038 werden zusätzliche 700'000 Menschen erwartet, meist Zuwanderer. «Die Siedlungstätigkeit wird vor allem in den drei Metropolitanregionen stattfinden», ist ARE-Direktor Pierre-Alain Rumley überzeugt. Die drei Kraftfelder Zürich, Basel und Genf/Lausanne wirken wie Magnete im Umkreis Dutzender Kilometer und greifen weit über die Kantonsgrenzen hinaus. «Es wird eine verstreute Besiedelung sein», sagt Rumley, «ausser es gelingt uns eine viel bessere Steuerung.»

Nach dem Entstehen der grossen Städte im 19. Jahrhundert (Urbanisierung) und dem Wachsen der Agglomerationsgürtel im 20. Jahrhundert (Suburbanisierung) ist laut dem ARE-Bericht nun die sogenannte Periurbanisierung im Gang, die Bildung eines weiteren Rings um die Agglomerationen. Der Flächenverbrauch steigt weiter; 60 Prozent des neu erstellten Wohnareals werden Ein- und Zweifamilienhäuser im Umland sein. Ohne Gegensteuer kommt es zu einer funktionalen Entmischung. Statt Wohnen, Arbeiten und Freizeit am selben Ort breitet sich ein Flickenteppich aus mit Wohngettos, unstrukturierten Industriegebieten und Einkaufszentren – ein gesichtsloses Stadt-Land-Kontinuum. Absehbar ist auch eine soziale Entmischung: Reiche und Familien ziehen an gute Lagen im Umland, in den Kernstädten konzentrieren sich Arme, Alte, Ausländer und Yuppies.

Auf Strasse und Schiene wird der Personenverkehr laut der Raum-Studie um 15 bis 29 Prozent wachsen, vor allem der Freizeitverkehr. Die SBB erwarten fast eine Verdoppelung, besonders in den Metropolitanräumen; ausserdem werden Strecken von Zürich nach Bern, Basel, Zug–Luzern, St. Gallen sowie Lausanne–Genf noch mehr zu Pendlerlinien. Zugleich schlägt im Güterverkehr die Globalisierung voll durch. Der ARE-Bericht rechnet mit bis zu 78 Prozent Wachstum im Transit, der dank den neuen Neat-Tunnels am Gotthard und am Lötschberg zum Grossteil auf die Bahn geht.

Vor Weihnachten legte der Bund grosse Investitionsprogramme vor, die das Mittelland weiter vernetzen. Während 20 Jahren sollen 6 Milliarden Franken in den Agglomerationsverkehr fliessen. Dazu kommen 5,5 Milliarden für den Ausbau der Autobahnen. Und unter dem Titel «Bahn 2030» will der Bund 12 bis 21 Milliarden Franken für neue Eisenbahntunnels und -strecken investieren. Dies verstärkt den Trend, dass die Metropolitanregionen entlang den Verkehrsachsen wachsen, sich überlappen und kleinere Zentren aufsaugen – mit dem Resultat, dass sich ein fast durchgehender Siedlungsteppich ausbreitet. Neben den drei Metropolen und mehreren Dutzend weiteren Zentren von Genf bis Rorschach wachsen aber auch Agglomerationen im Sottoceneri, im Unterwallis und im St. Galler Rheintal.

Umgekehrt in abgelegenen Gebieten: Landstriche ohne Agglo-Anschluss entvölkern sich und werden Mühe haben, die Grundversorgung zu halten, besonders in den Alpentälern. So geht auch dort Kulturland verloren. In wenig produktiven Lagen, wo sich die Alpwirtschaft zurückgezogen hat, dehnt sich Wald aus; schon heute um fünf Fussballfelder pro Tag. In Graubünden, Uri, im Wallis und im Tessin sind bereits viele Alpweiden vergandet. Nur Zentren wie Davos und Zermatt können Einwohner und Arbeitsplätze halten. Sie erleben steigenden Siedlungsdruck mit neuen Tourismusanlagen, Umnutzungen ausserhalb der Bauzonen und Zweitwohnungsbau.

Naturpärke als Kompensation

Ein Mittel gegen alpine Brachen sehen viele in Naturpärken. Neben den sechs jetzigen Schutzregionen (Nationalpark, Albulastrecke der Rhätischen Bahn, Glarner Hauptüberschiebung, Entlebuch, Lavaux und Jungfrau-Aletsch) und neun neuen Gesuchen sind mindestens 20 Pärke in Planung. Sie sollen Gebiete schützen, aufwerten und auch Touristen anziehen.

Die alpinen Brachen haben aber auch Planer und Investoren beflügelt. Es boomen Projekte für Windkraftanlagen auf den Pässen, und es wächst die Liste der Tourismusresorts und Ferienhaussiedlungen: vom Sawiris-Projekt in Andermatt, Castle Radons in Savognin, Village Royal in Crans-Montana, der Chaletsiedlung bei Verbier bis zum Hotel auf dem Kleinen Matterhorn. Landschaftsschützer Rodewald sieht die Tendenzen in den Alpen als Kehrseite der Intensivnutzung im Mittelland. «Der Erholungsraum wird wegtransportiert und die Erholung in Tourismuszentren kommerzialisiert. Der Bauboom verschiebt sich in die Alpen. Und das Naturerlebnis wird in Naturpärken parkiert.»

«Aufhören mit der Dörfchenschweiz»

Kann die Politik diese Trends beeinflussen? Ein Ansatzpunkt sind die Bauzonen. Eine ARE-Statistik vom Herbst zeigt, dass die Baulandreserven viel zu gross sind und am falschen Ort liegen. Total betragen die Reserven 530 Quadratkilometer – die Hälfte des Thurgaus und Platz für zwei Millionen zusätzliche Einwohner. Auf dem Land sind die Reserven überdimensioniert, in Agglomerationen führt Knappheit dazu, dass unkoordiniert eingezont wird – 130 Quadratkilometer bis 2030 laut Modellrechnung.

«Wir müssen mit der Dörfchenschweiz aufhören, in der jede Gemeinde Bauzonen bestimmt», sagt Rodewald. «Die Planung muss über viel grössere Räume koordiniert werden.» Statt in die Fläche auszuweichen, müsste man im jetzigen Siedlungsgebiet verdichtet bauen. Laut Statistik beträgt die Reserve innerhalb der Siedlungen 150 Quadratkilometer – Industriebrachen, ehemalige Militär- und Bahnanlagen, sonstige Baulücken. Und dann, betont Rodewald, gebe es noch die «Einfamilienhaus-Brachen» – schlecht und platzfressend gebaute Häuschen, die man abreissen und durch Mehrfamilienhäuser ersetzen sollte. «All dies würde Druck von der Landschaft nehmen.»

Auch ARE-Direktor Rumley betont, die Siedlungsentwicklung müsse grossflächiger gesteuert werden. Raumplanung ist heute Sache der Kantone und Gemeinden. «Ich bin dagegen, alles beim Bund zu zentralisieren, das wäre nicht praktikabel. Aber es gibt einiges zu verbessern», sagt er. Vorgesehen ist dies im revidierten Raumplanungsgesetz, das der Bundesrat vor Weihnachten als indirekten Gegenvorschlag zur Landschaftsinitiative vorgelegt hat. Die wichtigsten Massnahmen dabei:

  • Die Kooperation der Gemeinden und Kantone wird gefördert.

  • Der Bund soll präzisere Vorgaben für die kantonalen Richtpläne machen.

  • Für Versiegelung von Land ausserhalb der Bauzone werden Abgaben erhoben.

  • Der Bund will mit einer Pflicht zum Bauen die Baulandhortung unterbinden. Wo gut gelegenes Bauland jahrelang nicht genutzt wird, kann die Gemeinde eine Frist setzen. Wird nicht gebaut, kann sie das Land kaufen und Bauwilligen weiterverkaufen. Dadurch soll der Druck sinken, weiteres Bauland einzuzonen.

  • Die Kantone erhalten den Auftrag, innert fünf Jahren ihre Bauzonen zu überprüfen. Zu grosse und falsch liegende sollen ausgezont werden.

Hier setzt auch die Landschaftsinitiative der Umweltverbände an. Sie fordert, die Baulandfläche für 20 Jahre einzufrieren. Das hiesse: einzonen, wo es sinnvoll ist, und dies anderswo mit Auszonung von ungünstigem Bauland kompensieren. Ein solches Moratorium wäre technisch machbar und wirtschaftlich zu verkraften, sagt ARE-Direktor Rumley. Allerdings brauche es ein System, um die Flächen zwischen Gemeinden und Kantonen zu verrechnen. Und es bräuchte laut Rumley wohl eine Entschädigung für ausgezonte Areale, finanziert allenfalls, indem der Mehrwert bei neu eingezonten Flächen abgeschöpft wird.

Es geht mehr als nur Land verloren

Sorgen bereiten Raimund Rodewald nicht nur die handfesten räumlichen Umgestaltungen, sondern auch eine feinstoffliche Veränderung. Würden Landschaften entleert, entseelt, ihrer Geschichte beraubt, durchrationalisiert und «vernutzt», verlören die Menschen einen Teil ihrer selbst. In der individualisierten, hypermobilen Gesellschaft entfremdeten sie sich von ihren Bezugsorten. «Die Identifikation mit dem Raum schwindet und auch das Gefühl, für ihn verantwortlich zu sein. Nötig wäre gerade das Umgekehrte.»

Wesentliche Entscheide träfen heute jene, die über Eigentums- und Nutzungsrechte am Boden verfügten. «Es gibt aber eine Sozialpflichtigkeit von Eigentum, weil Raumveränderungen alle treffen», betont Rodewald. Er plädiert dafür, in der Landschaftsentwicklung die Partizipation der Bevölkerung auf allen Ebenen zu stärken – wie es bei Naturpärken und Biosphärenreservaten geschieht. Dies knüpfe an die alte Institution der Allmend an, bei der eine Gemeinschaft die Verantwortung für den Lebensraum gemeinsam wahrnimmt.