«Wenn täglich Hunderte von Lastwagen vorbeifahren, kann meine Mutter nicht mehr aus dem Haus», sagt Pascale Senn. Die 86-Jährige könnte die Strasse dann nicht mehr überqueren, befürchtet die Tochter.

Pascale Senn führt die Opposition gegen Lidl an. Der deutsche Grossverteiler will im freiburgischen Sévaz sein zweites Schweizer Verteilzentrum bauen und hat dazu bereits eine riesige Grube ausgehoben. Heute steht das Haus der Familien Senn mitten im Grünen. Wenn das Lidl-Zentrum gebaut ist, werden sie einen Koloss mit 100 Lastwagenrampen vor der Nase haben.

«Wir bezweifeln, ob die Baubewilligung überhaupt noch gültig ist», sagt Tarkan Göksu, der als Anwalt einen Teil der Opposition vertritt. «Die Bewilligung verlangte einen Baubeginn innert zweier Jahre. Lidl hat aber später begonnen.» 38 Einsprecher wehren sich gegen die von Lidl beantragte Änderung des Zonenplans und der Baubewilligung. Denn bereits heute wünscht Lidl mehr Lastwagenfahrten als die täglich 240 in der Bewilligung vorgesehenen.

Pascale Senn und andere Betroffene hatten im Jahr 2005 Einsprache gegen das Projekt eingereicht. Der Gemeinderat wies sie allerdings ab.

Drei Gemeinderäte liessen Land umzonen

Die Vorgeschichte reicht bis in die achtziger Jahre. Drei Bauern, alle im Gemeinderat, wollen damals das grosse Geld machen. Wenn ihre Äcker zu Industrieland würden, so die Überlegung, würde sich der Wert vervielfachen. Landwirtschaftsland war damals 13 Franken pro Quadratmeter wert. Also beschliessen die drei Gemeinderäte eine Umzonung, und um keinen Staub aufzuwirbeln, bringen sie das Geschäft nicht vor die Gemeindeversammlung. «Die drei Profiteure haben alles versucht, das Geschäft unter dem Deckel zu halten. Die Bevölkerung wurde nie vorschriftsgemäss informiert, sonst wäre wahrscheinlich die Zonenänderung nicht erfolgt», sagt Anwohnerin Adeline von Gunten, die am stärksten unter dem neuen Zentrum leiden würde. «Ich habe gegen sie eine Strafklage eingereicht, aber die ist versandet.» Nach der Umzonung ist das Land auf einen Schlag 30 Franken pro Quadratmeter wert.

Die Bauern haben vor der Umzonung Kontakt mit Promotoren aufgenommen, die sich verpflichten, das Land zu kaufen, falls es tatsächlich Industriezone wird. Die drei erhalten für ihre Bemühungen einen Vorschuss von 50'000 Franken auf den Kaufpreis, und das Millionengeschäft geht über die Bühne. Ohne Umzonung hätten sie das Geld zurückzahlen müssen.

Die Promotoren, die damals den Bauern das Land abkauften, verkauften es im Jahr 2005 an Lidl weiter. Lidl dürfte um die 150 Franken pro Quadratmeter bezahlt haben. Einer der drei schlauen Bauern besitzt immer noch ein Stück des umgezonten Landes. Der heutige Wert wird auf 150 bis 200 Franken pro Quadratmeter geschätzt. Und einer der drei Bauern sass auch noch im Gemeinderat, als dieser 2005 die Einsprache gegen das Verteilzentrum abwies. In der Baubewilligung wurden Lidl durchschnittlich 240 Fahrten täglich zugestanden, davon ein Teil nachts. Neu verlangt Lidl 360 Hin- und Rückfahrten, also ­effektiv 720 Bewegungen. Das hätten die Erfahrungen mit dem anderen Lidl-Verteilzen­trum in Weinfelden TG gezeigt, lässt Dominik Lehmann von Lidl wissen. «Tatsächlich aber verlangt Lidl in einem Gesuch um Änderung der Baubewilligung und des Zonenplans, jegliche Beschränkung der Anzahl Fahrten aufzuheben und die Zahl der Nachtfahrten von 10 auf 60 zu erhöhen», sagt Pascale Senn. Lidl erwähnt im Änderungsgesuch keine Zahl, sondern stellt fest, dass der Zonenplan 1000 Fahrten erlauben würde, wovon man höchstens 800 beanspruchen würde. Dagegen berechnet der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS), dass Lidl zusammen mit den Fahrten der Mitarbeiter auf 1145 Bewegungen käme.

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Vom Verkehr «völlig eingekreist»

Wer die schmalen Strassen sieht, wo Schulkinder und ältere Leute mit Rollator dem Verkehr ausweichen müssen, wundert sich, dass überhaupt eine Baubewilligung erteilt wurde. Die Familien Senn und von Gunten machen denn auch in einer Rechtsschrift geltend, sie seien durch den Bauverkehr völlig eingekreist. Obwohl die Gemeinde den Kanton gedrängt habe, die Verhältnisse für Fussgänger zu verbessern, habe dieser nichts getan. Die Gegner, zu denen auch die Verbände WWF, VCS und Pro Natura gehören, vermuten, dass der deutsche Grossverteiler vollendete Tatsachen schaffen wolle: Wenn das Zentrum mit gegen 200 Arbeitsplätzen erst einmal in Betrieb sei, würde Lidl argumentieren, dass es sich mit einer Fahrtenbeschränkung nicht wirtschaftlich betreiben liesse. Die Gegner sprechen von Salamitaktik.

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Ein Koloss mit 100 Verladerampen: So soll das Lidl-Zentrum aussehen, wenn es im Frühling 2015 in Betrieb geht.

Quelle: Herbert Böhler/Ex-Press
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Lidl begann den Bau trotz 38 Einsprachen

Lidl hat trotz 38 Einsprachen im Oktober 2013 mit dem Bau begonnen und geht davon aus, dass das 80-Millionen-Projekt auf 37'000 Quadratmetern im Frühling 2015 in Betrieb geht. Auf Forderungen nach einem Baustopp hat der Präfekt des Bezirks Broye nicht einmal geantwortet. Die Rekurrenten haben deshalb Beschwerde eingereicht, weil ihnen das rechtliche Gehör verweigert worden sei. Auch bei der Gemeinde prallen sie immer wieder ab. Als Bürgerinnen und Bürger von Sévaz im Februar 2014 eine konsultative Abstimmung zur Änderung des Zonenplans durchführen wollten, lehnte der Gemeinderat ab.

Pierre-Olivier Nobs vom VCS Freiburg kritisiert zudem, dass Lidl nichts von einem Bahnanschluss wissen will: «Lidl verstösst damit gegen den kantonalen Verkehrsplan, der verlangt, dass ein Teil der Güter mit der Bahn spediert wird. Doch Lidl will 100 Prozent auf der Strasse befördern.» Coop und Migros haben massiv in den Bahntransport investiert.

Lidl behauptet, alle Umweltschutz- und Lärmbestimmungen einzuhalten, gibt sich aber im Übrigen gegenüber dem Beobachter verschlossen. Der Grossverteiler antwortet nicht auf die Frage, wie viele Fahrten es braucht, um das Zentrum rentabel zu betreiben. Ebenso wenig auf jene, wieso man mit dem Bau begonnen hat, obwohl noch Einsprachen hängig sind.

Die Bewohner befürchten grössere Lärmbelastung

Die Familien Senn und von Gunten hatten 2009 mit Lidl eine Vereinbarung geschlossen, wonach sie wegen der Wertminderung ihrer Liegenschaft eine Entschädigung von 400'000 Franken erhalten sollten. Zudem verpflichtete sich Lidl, Lärmschutzwände zu bauen und für eine bessere Sicherheit auf den Strassen zu sorgen.

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Ende November 2013 teilte Lidls Anwalt mit, dass Lidl sich angesichts des «Kesseltreibens» der Familien Senn und von Gunten nicht mehr an die Vereinbarung gebunden fühle.

«Wir haben uns an die Abmachung ­gehalten und dürfen Einsprache machen, wenn Lidl Projektänderungen verlangt, die im Amtsblatt publiziert werden müssen», kontert Adeline von Gunten. Immerhin signalisiert Lidl Gesprächsbereitschaft, betont aber zugleich, dass bei den Er­schliessungsstrassen keine Sanierungsmassnahmen erforderlich seien, weil die Grenzwerte bei Lärm und Emissionen eingehalten würden.

Der Streit um das Lidl-Verteilzentrum wird immer ruppiger. Die Situation ist verfahren, das gegenseitige Misstrauen ist gross. Ein Ende ist nicht abzusehen. Etliche Verfahren laufen, andere stehen bevor. «Wir haben noch einige Instanzen, an die wir gelangen können», sagt Tarkan Göksu. «Die Regierung, das Kantonsgericht und das Bundesgericht.»

4000 Franken Vorschuss für ein Entschädigungsgesuch

Obwohl noch etliche Verfahren und Rekurse hängig sind, baut Lidl bereits am neuen Verteilzentrum und will neu auch am Sonntag fahren. Der Verkehr mindert den Wert diverser Liegenschaften. Die Eigentümer haben nun ein Entschädigungsgesuch an die Enteignungskommission des Kantons Freiburg gerichtet. Doch bevor überhaupt darauf eingetreten wird, verlangt deren Präsident, Anwalt José Kaelin, von ­jedem Gesuchsteller 4000 Franken Kostenvorschuss.

«Störenfriede abwimmeln»
«Ich habe noch nie einen so hohen Vorschuss in ­einem Enteignungsverfahren gesehen», sagt Anwalt Tarkan Göksu, der diverse Grundeigentümer vertritt. «Offenbar will man mit diesem prohibitiv hohen Vorschuss die vermeintlichen Störenfriede abwimmeln.» José Kaelin hält entgegen, dass ein Vorschuss die Kosten der Enteignungskommission decken müsse; diese kämen hier minimal auf 4000 Franken zu stehen: «Der verlangte Kostenvorschuss war für diese Verfahren gesetzeskonform.»

Tarkan Göksu kontert: «Laut Gesetz kann man ­einen Vorschuss verlangen, was aber vor der Enteignungskommission bisher noch nie der Fall war. Wenn das eine Praxis­änderung bedeuten sollte, wäre damit die Rechtsgleichheit beeinträchtigt.»