«Ich bitte Sie, von einem Artikel abzusehen», sagt Robert Schenker, früherer Stiftungsratspräsident des Lighthouse Zürich, «es schadet der Institution.» Er sagt es ruhig, ohne Aufregung. Anders ein Mitarbeiter. «Nein, ich will nicht mit Ihnen sprechen», ruft er in den Hörer und legt hastig auf – bevor der Journalist überhaupt eine Frage stellen kann.

Zur Beantwortung von Fragen bereit ist anfänglich der jetzige Stiftungsratspräsident, FDP-Kantonsrat Hans-Peter Portmann. Zwei Stunden lang gibt er Auskunft, zupft ein Blatt nach dem andern aus einem der vielen Ordner. Kopien aber will er nicht aushändigen – weder von der Bilanz noch von der Stiftungsrechnung, weder von Revisionsberichten noch von anderen Unterlagen. «Aus Persönlichkeits- und Datenschutzgründen», wie er betont.

Dann, zwei Tage später, krebst auch er zurück. Inzwischen hat der Stiftungsrat getagt. In seinem Namen untersagt Portmann dem Beobachter, Aussagen aus dem Gespräch zu verwenden, wenn er nicht vorher den ganzen Artikel sehen könne.

Ohne Adressangabe abgereist
Im Zürcher Lighthouse herrscht Nervosität. Der Grund: Vor einem halben Jahr verschwand der Lighthouse-Verwaltungsleiter Mauro Z. Hals über Kopf. Seither brodeln inner- und ausserhalb des Hauses die Gerüchte: Hat der 40-Jährige, der seit 1994 die Buchhaltung führte, Geld veruntreut? Erlitt er ein persönliches Blackout? Und wo versteckt er sich heute?

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Am 17. Mai war Mauro Z. letztmals zur Arbeit erschienen. Dann liess er sich im Lighthouse nicht mehr blicken. Kurz darauf zog er aus seiner Wohnung aus – ohne alle seine Habseligkeiten mitzunehmen. Am 31. Mai meldete er sich im Kreisbüro 5 der Stadt Zürich ab – nach Thalwil, wo er laut Post und Gemeindebehörden nie auftauchte. Der Stiftungsrat kennt seine Adresse nicht.

Auch seine engsten Mitarbeiter im Lighthouse fielen aus allen Wolken. Offenbar erzählte Mauro Z. niemandem den wahren Grund. Nach offizieller Lighthouse-Lesart handelt es sich um «persönliche und gesundheitliche Gründe». Ganz wichtig ist für Lighthouse-Leiter Andreas Baumann aber die Feststellung: «Er ist ohne Geld verschwunden und hat keinen einzigen Franken veruntreut.»

Immer wieder interner Krach
Die Stiftung Lighthouse – früher: Bluemehuus – wurde 1988 vom Aidsexperten und Universitätsprofessor Ruedi Lüthy und vom damaligen Aidspfarrer Heiko Sobel gegründet. Seit 1992 führt die Stiftung in Zürich ein Sterbehospiz für aidserkrankte Menschen mit 16 Betten.

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Immer wieder war das Lighthouse in die Schlagzeilen geraten. 1997 schied der erste Leiter, Heiko Sobel, aus, weil er sich mit der Nachfolgegeneration, die «zwischen Profit und Neid hin- und herschwankt», auseinandergelebt habe und sein Verhältnis mit Ruedi Lüthy «zerrüttet» gewesen sei.

Ende 1998 verliess auch Aidspionier Ruedi Lüthy, seit 1995 administrativer und ärztlicher Leiter, das Sterbehospiz. Neben dem schlechten Betriebsklima – ein Teil des Personals habe gegen ihn Mobbing betrieben – nennt er vor allem die hinter seinem Rücken vorgenommene Weitergabe von Spenderadressen an die Stiftung «Stunde des Herzens». Ein Verhalten, das die Zentralstelle für Wohlfahrtsunternehmen (Zewo) als «klar unzulässig» taxiert.

Der neuste Abgang von Mauro Z. wirft Fragen zum Finanzgebaren und zur Führung des Lighthouse generell auf. Da ist einmal die Geheimniskrämerei um die Finanzen. Der Betriebsaufwand des Kleinspitals in der Höhe von 2,9 Millionen Franken (1998) wird nach eigenen Angaben zu zwei Dritteln durch Spenden und Subventionen gedeckt: 1,2 Millionen Franken von Bund und Kanton, 110'000 Franken aus der Benefizgala im Zürcher Opernhaus, 655'000 Franken von der Weihnachtsaktion im Hauptbahnhof und Einzelspenden in unbekannter Höhe.

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Eine genaue Aufteilung und eine Ubersicht über die Spendenentwicklung will das Lighthouse nicht jetzt, sondern erst «auf die Weihnachtszeit hin» bekannt geben. Auch die Stiftungsrechnung von 1998 hält Portmann noch unter Verschluss. Und die Jahresbilanz, ohne die die Betriebsrechnung nur bedingt aussagekräftig ist, wollen die Lighthouse-Stiftungsräte überhaupt nicht herausrücken. Fürchten sie, dass die Bekanntgabe des Vermögens in Millionenhöhe, das zum Teil in Aktienfonds angelegt ist, das «Spenden-Manna» schmälert?

Buchhaltung wirft Fragen auf
Ein anderer heikler Punkt ist die Spendenbuchhaltung. Gemäss Ruedi Lüthy floss Geld für Aidsprojekte in den frühen neunziger Jahren relativ grosszügig: «Wir erhielten im Lighthouse immer wieder Barspenden oder Briefe mit Hunderternoten. Es gab Checks. Eines Morgens zum Beispiel kamen zwei Jugendliche und legten mir 3000 Franken auf den Tisch. Das sei von einer Party. Als ich eine Quittung ausstellen wollte, erklärten sie, das bräuchten sie nicht.» So kamen Zehntausende von Spendenfranken zusammen, die nicht über ein Konto einbezahlt wurden.

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«Ging da immer alles mit rechten Dingen zu?», fragt Lüthy. Wichtig wäre jedenfalls eine sorgfältig geführte Spendenbuchhaltung gewesen. Doch diese wird im Lighthouse ausserhalb der normalen Buchhaltung von einer einzigen Person betreut und kontrolliert: zuerst von Sobel, ab 1997 von Verwaltungsleiter Mauro Z.

Bereits im Sommer 1997 rügte Lighthouse-Chef Ruedi Lüthy diesen Zustand und wies auf mangelhafte Transparenz hin: «Mauro Z. wollte mir keinen Einblick geben.» Deshalb drohte Lüthy dem Buchhalter wegen fehlenden Vertrauens und wegen Ungenügens im administrativen Bereich mit der Kündigung. Der Stiftungsrat aber folgte Lüthys Vorschlag nicht.

Erstaunlicherweise erklärt Stiftungspräsident Hans-Peter Portmann heute, er habe nie Klagen über Mauro Z. gehört. Offenbar verdrängt der Politiker, was er bei seinem Amtsantritt im Herbst 1998 in alten Protokollen nachgelesen, aber nicht zusätzlich bei Lüthy nachgefragt hatte.

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Mehr noch. In den Stiftungsunterlagen – aus denen der Beobachter nicht zitieren darf – steht, dass der Buchhalter ein administratives Chaos hinterlassen habe. In der Tat führte er seit Sommer 1998 die Verbuchungen nicht mehr nach. Die Kassenbelege eines ganzen Monats fehlen. Trotzdem ist der Stiftungsrat überzeugt, dass kein Geld verschwunden sei.

Wie mangelhaft Mauro Z. in der letzten Zeit seine Pflichten erfüllt hatte, zeigt auch die Auseinandersetzung um die Lohnnachzahlung für Lighthouse-Mitarbeiterin Romy W., die ihre Stelle auf Ende Januar 1999 kündigte. Ein halbes Jahr lang mussten alt Amtsvormund Hansjörg Braunschweig und eine Anwältin der Kirchlichen Dienststelle für Arbeitslose intervenieren, bis die Betreuerin eine korrekte Lohn- und Ferienabrechnung erhielt.

Für die Frau mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von 4300 Franken entstanden dadurch Engpässe. Das kümmerte den Verwalter (Monatseinkommen: 8000 Franken) jedoch wenig.

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Buchhalter war «überfordert»
Heute erklärt man im Lighthouse, Mauro Z. sei «überfordert» gewesen. Warum hat dann die Lighthouse-Führung dem Verwaltungsleiter mit seinem 100-Prozent-Job nicht früher untersagt, zusätzliche Mandate anzunehmen?

Seit 1994 führte der Mann nämlich auch die Spendenbuchhaltung und die Stiftungsrechnung des Reformierten Lehrlings- und Jungmännerhauses in Zürich. Dessen Präsident ist Heiko Sobel – und auch hier haperte es gelegentlich bei der Administration.

Lehrlingsheimleiter Karl Bieri will zum «menschlichen Drama» um Mauro Z. nicht Stellung nehmen. Er räumt aber ein, dass es auch in ihrer Stiftungsbuchhaltung «Restanzen aufzuarbeiten» gibt, doch sei «nichts Kriminelles» dabei. Dass das Lehrlingshaus vor zwei Jahren mit der Zewo in Clinch kam, hatte es vor allem Mauro Z. zu verdanken. Zewo-Geschäftsführerin Isabelle Merk erklärt dazu: «Es stimmt, dass wir dieses Mitglied wiederholt mahnen mussten, da die Unterlagen nicht fristgerecht eingereicht und die Beiträge nicht bezahlt wurden. Als Begründung sagte man uns, der Buchhalter habe persönliche Probleme.» Das tönt doch sehr bekannt.

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