Die teuerste Wurst der Schweiz wird nur einmal pro Jahr serviert. Ein Schüblig mit respektablen 40 Zentimetern Länge, einem Gewicht von 350 Gramm – und zu einem Stückpreis von bis zu 350 Franken. In den Genuss des exklu­siven Fleischprodukts kommen jeweils die abtretenden Armeeangehörigen aus Basel, die damit traditionellerweise ihre Entlassung aus dem Wehrdienst feiern. 2013 lässt sich der Kanton Basel-Stadt die Feier für die rund 200 Soldaten a. D. 70'000 Franken kosten. Bezahlt wird der Anlass jedoch nicht aus der Staatskasse, sondern aus dem Lotteriefonds.

Wie in den anderen Kantonen auch, wird diese Extrakasse aus den Erlösen von Glücksspielen gespeist. 2012 schüttete die Veranstalterin Swisslos allein in der Deutschschweiz und im Tessin 321 Millionen Franken aus. In der Westschweiz ­zahlte die Loterie Romande 203 Millionen an die kantonalen Fonds. Es sind willkommene Zusatzbatzen, die die Kantone gemäss Bundesverfassung «vollumfänglich für gemeinnützige Zwecke, namentlich in den Bereichen Kultur, Soziales und Sport» verwenden sollten. Rund ein Viertel des Geldes fliesst in die kantonalen Sport-Toto-Fonds, der Rest in die Swisslos-Fonds.

Quelle: Tim Loosli

50'000 Franken für Gala von Millionären

Klar ist: Die Finanzierung von Staatsauf­gaben aus dem Lotteriefonds ist nicht vorgesehen. Eine Wehrmännerentlassung sei zwar eine Staatsaufgabe, eine Feier dazu aber nicht, rechtfertigt deshalb Doris Schaub vom Swisslos-Fonds Basel-Stadt die Zahlung: «Der Kanton ist dazu nicht verpflichtet.» Es handle sich auch bloss um eine «kleine Feier» mit den entlassenen Dienstpflichtigen. Eine kleine Feier ­für 70'000 Franken? Es gebe halt ­«einigen Interpretationsspielraum», sagt Schaub.

Diesen nützt man auch in anderen Kantonen weidlich aus. In Zug etwa spendete der Regierungsrat 50'000 Franken aus dem Sportfonds an die privat organisierte Tennisgala «Stars on Court», bei der die ehemaligen Tennisstars Steffi Graf und Andre Agassi ein Doppel gegen Amélie Mauresmo und Heinz Günthardt spielten. Die Antrittsgage des Paars Graf-Agassi soll laut «NZZ am Sonntag» «gegen eine Million Franken» betragen haben.

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Der Euphorie rund um die Altstars tat das keinen Abbruch: 5500 Zuschauer, die für die Tickets bis zu 450 Franken bezahlt hatten, beklatschten die in die Jahre gekommenen Tennishelden, die Lokalpresse überschlug sich vor Begeisterung über ­die «rauschende Tennisparty» («Zentral­schweiz am Sonntag»), der Veranstalter rieb sich die Hände und verkündete, 350'000 Franken aus den Einnahmen gingen an Grafs Hamburger Stiftung «Children for Tomorrow». Ob die Summe tatsächlich gespendet wurde, ist nicht zu erfahren. Die Geschäftsführerin der Swiss Sport Events AG aus Brunnen SZ, die den Anlass organisierte, weilt in den Ferien.

Nur die SP-Fraktion im Zuger Kantonsrat störte die Jubelstimmung. Sie verlangte Auskunft, aufgrund welcher Kriterien der Regierungsrat die Veranstaltung unterstützte. Die Antwort steht aus. Der «Förderung des Breitensports», wie es die zugerische Verordnung vorschreibt, dürfte der Anlass ­jedoch kaum gedient haben. In diesen Breitensport fliessen allein in der Deutschschweiz und im Tessin rund 70 Millionen. Ohne Gelder aus den kantonalen Sportfonds könnten sich viele kleine Vereine ­weder neue Medizinbälle noch Fussball­tore und schon gar keine Sanierungen von Sportplätzen oder Klubhäusern leisten.

Doch auch die Grossen des Schweizer Sports haben keine Hemmungen, sich aus den Sport-Toto-Töpfen zu bedienen. Der FC Basel etwa, mit einem Jahresumsatz von 60 Millionen der Krösus im Schweizer Klubfussball, klopft regelmässig für ein paar tausend Franken beim kantonalen Sportfonds an, um das Finale des «Nike Premier Cup» – eines Turniers für 15-jährige Spitzenfussballer – zu organisieren. Im Eishockey tut es ihm der SC Bern (Jahresumsatz 45 Millionen) gleich. Für seine ­Talentschmiede SCB Future AG erhielt er 2012 für «diverses Sportmaterial» und ­einen Anlass 24'680 Franken. Und der HC Davos (Umsatz 21 Millionen) liess sich 2012 in acht Tranchen Material und Anlagen im Wert von 41'000 Franken sponsern.

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20'000 Franken an «Privatperson, Chur»

Auch Topathleten aus Einzelsportarten müssen im Kanton Graubünden nicht darben. Um welche es sich handelt, darf die Öffentlichkeit jedoch nicht erfahren. So erhält eine «Privatperson, Thusis» unter dem Titel «Sportlerförderung» 16'000 Franken und eine «Privatperson, Zürich» 17 200 Franken. Den Höchstbetrag sprach die Bündner Regierung im letzten Jahr einer «Privatperson, Chur» zu: 20'000 Franken. Knapp 300'000 Franken, fast zehn Prozent des Gesamtbudgets für die Sportförderung, flossen so an Unbekannte.

Das widerspricht der Vereinbarung, die die Kantone im Jahr 2005 trafen. Darin ist ausdrücklich festgehalten, dass sie jährlich Rechenschaft darüber ablegen müssen, wer für welches Projekt Geld erhielt. Die Regelung wird von den Kantonen sehr unterschiedlich gehandhabt. Gewisse weisen die Beiträge in der Staatsrechnung aus, andere führen separate Abrechnungen. Eine schweizerische Übersicht fehlt, eine systematische Kontrolle sowieso.

Die von den Kantonen eingesetzte Lotterie- und Wettkommission (Comlot) hat für effektive Kontrollen weder einen gesetzlichen Auftrag noch die entsprechenden Kompetenzen. Wenn Zweifel aufkommen, «holt die Comlot bei den entsprechenden Kantonen nähere Informationen zu den konkreten Umständen ein und spricht bei Bedarf eine Empfehlung aus», erklärt Sascha Giuffredi von der Comlot und fügt gleich an, für die Umsetzung der Empfehlungen sei die Comlot «auf die ­Mithilfe der Kantone angewiesen». Sprich: Die Kontrollen beschränken sich auf Stichproben. Werden Verstösse gegen das Lotteriegesetz gefunden, kann die Comlot diese nicht ahnden. «Die Comlot tut, was sie kann», fasst ein Branchenkenner zusammen, «aber zu sagen hat sie nichts.»

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Quelle: Tim Loosli

Bern deckte Olma-Auftritt mit Lottogeld

So bleibt es den Kantonen überlassen, wie sie die Lotteriegelder verteilen. Und diese zeigen immer wieder, dass Bestimmungen sich bei Bedarf sehr grosszügig interpre­tieren lassen – besonders wenn damit die Staatskasse entlastet werden kann. Der ­Luzerner Regierungsrat etwa benö­tigte ­für einen Auftritt des Kantons in der Schweizer Botschaft in Moskau 350'000 Franken. Dummerweise bestimmt das kantonale Lotterie­gesetz, dass nur Vorhaben gefördert werden können, «die im öffentlichen Interesse ­liegen und nicht kommerziellen Zwecken dienen». Die Lösung des Problems: Der Regierungsrat änderte in Eigenregie die Verordnung zum Gesetz. Neu steht dort nun, dass auch Beiträge für «nicht rein kommerzielle Auftritte des Kantons und seiner Regionen» ausgezahlt werden können. Die 350'000 Franken teure, nicht rein kommerzielle Veranstaltung in Moskau soll im November stattfinden.

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Noch kreativer war man in Bern. Auftritte an der Olma, am Sechseläuten und an der Zentralschweizer Erlebnismesse Luga lagen dem klammen Kanton in den vergangenen Jahren auf dem Magen. Die Lösung war so simpel wie dreist, wie der «Bund» im Juli aufgedeckt hat: Unter dem Vorsitz des Generalsekretärs der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion, André Nietlisbach, gründete man den «Verein Gastkanton Bern» und beantragte für die drei Auftritte 940'000 Franken – die prompt ­gewährt wurden. Man gehe davon aus, «dass die rechtlichen Vorgaben eingehalten wurden», erklärt Nietlisbach: «Es sind keine weiteren Projekte geplant, darum wird der Verein aufgelöst.»