Beobachter: Der Schweizerische Olympische Verband, Swiss Olympic, entscheidet am 5. September, ob Bern oder Davos ins Rennen um die Winterspiele 2010 steigen soll – wenn überhaupt. Wie gut sind die Chancen einer Schweizer Kandidatur?
Marc Hodler:
Die Schweiz wäre wieder einmal an der Reihe. Wir haben seit 1948 in St. Moritz keine Olympischen Spiele mehr durchgeführt. Sitten war dreimal Kandidat und kam nie durch.

Beobachter: Die Winterspiele 2006 finden in Turin statt – nahe der Schweiz. Das spricht eigentlich gegen eine Kandidatur.
Hodler:
Turin kann tatsächlich ein Hindernis sein. Das müssen wir bei Swiss Olympic noch sehr genau diskutieren.

Beobachter: Die Bündner liebäugelten mit Zürich als Gastgeberstadt, und Bern und Montreux sind mehr eine Zweckehe als eine Liebesheirat eingegangen. Sind das nicht gewichtige Nachteile für eine Kandidatur?
Hodler:
Ein Alleingang eines Orts ist heute praktisch nicht mehr möglich. Wir brauchen für den Eissport fünf Hallen, darunter am besten eine mit 20000 Plätzen. Es gibt keinen Ort in der Welt, der nach den Spielen eine Verwendung für fünf Eishallen hat.

Beobachter: Swiss Olympic wies die Schweizer Dossiers beim ersten Anlauf zurück. Und Sie selbst bezeichneten die Bewerbungen als «ungenügend».
Hodler:
Die Distanzen zwischen den Wettkampforten waren zu gross. Die IOK-Mitglieder legen grossen Wert auf Bequemlichkeit. Nach den anfänglichen Plänen der Bündner Kandidatur hätte das IOK in Bad Ragaz logiert. Um zu den Wettkampfstätten zu gelangen, hätten die Mitglieder zum Teil sogar über den Julier fahren müssen. Eine Konzentration der Wettkampforte war bei beiden Bewerbungen nötig. Sonst hätten wir von vornherein keine Chance gehabt.

Beobachter: Gab es neben den zu grossen Distanzen noch andere Schwachstellen?
Hodler:
Nein. In Sachen Infrastruktur für den Wintersport sind beide Kandidaturen genügend oder sogar sehr gut. In den jetzt eingereichten Dossiers sind die Distanzen immer noch gross. Von Davos nach Bülach zum Beispiel, wo Eishockeyspiele vorgesehen sind, beträgt der Reiseweg 160 Kilometer.

Beobachter: Das stimmt. Aber auch die anderen Bewerber werden solche Distanzen aufweisen. In Vancouver etwa, das voraussichtlich neben Salzburg und Südkorea kandidiert, könnte von den Skidisziplinen nur der Slalom durchgeführt werden. Zu den nächsten Skigebieten fährt man anderthalb Stunden. Welche Qualitäten muss denn eine Schweizer Olympiakandidatur haben, damit sie überhaupt eine Chance hat?Hodler: Sie darf nicht schlechter sein als die anderen. Ist sie mindestens gleich gut, so kommt die Schweiz meines Erachtens durch. Viele IOK-Mitglieder waren enttäuscht, dass für 2006 nicht Sion den Zuschlag erhielt.

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Beobachter: Und wie steht es mit den beiden Schweizer Kandidaturen? Sind sie nicht schlechter als die anderen?
Hodler:
Wahrscheinlich müssen sie in einigen wenigen Punkten noch überarbeitet werden.

Beobachter: Woran denken Sie dabei?
Hodler:
Etwa an die Frage, wo der Eisschnelllauf stattfindet. Im Fall von Davos wäre das einfach, weil es eine Bahn gibt. Allerdings im Freien. In den letzten Jahren fanden die Eisschnelllaufwettkämpfe immer in der Halle statt. Einen Neubau einer Eisschnelllaufhalle könnte Davos aber nur verkraften, wenn diese nach den Spielen polysportiv genutzt werden könnte – zum Beispiel für Fussball und andere Ballspiele.

Beobachter: In den Kandidaturdossiers ist einiges noch Wunschdenken. In Bern etwa rechnet man mit einem neuen Eisstadion – wobei die Stadt schon einmal abgewinkt hat…
Hodler:
Das ist nicht zwingend notwendig. Die 16'000 Plätze des Allmendstadions würden reichen. Man muss auch immer an die Verwendung danach denken.

Beobachter: Aber ist es realistisch, aufgrund von solchen Annahmen eine Kandidatur einzureichen?
Hodler:
Alle Olympiakandidaturen beruhen auf Annahmen.

Beobachter: Das Bewerbungsdossier von Sion wurde damals sehr gelobt – dennoch scheiterten die Walliser…
Hodler:
Sion war die beste Kandidatur. Aber man darf ein Bewerbungsdossier nicht zu sehr loben. Wenn eine Kandidatur heraussticht, dann hat sie fast keine Chance. Dann arbeiten alle Mitbewerber gemeinsam gegen diese Kandidatur.

Beobachter: In Seoul, wo der Entscheid für Turin und gegen Sion fiel, wurden Sie als Sündenbock hingestellt, weil Sie ein paar Monate zuvor den Korruptionsskandal im IOK aufgedeckt hatten. Würden Sie sich heute anders verhalten?
Hodler:
Auf keinen Fall. Die 15 Mitglieder, die ausgeschlossen wurden oder zurücktraten, hatten 17 oder 18 Stimmen als Paket an den Meistbietenden verkauft. Mit der frühen Ankündigung von Adolf Ogi, Sion werde sich absolut korrekt verhalten und keine Stimmen kaufen, wären unsere Chancen noch kleiner gewesen.

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Beobachter: Heisst das denn, dass man Stimmen kaufen muss, um den Zuschlag zu erhalten?
Hodler:
Damals hatten wir noch korrupte Leute im IOK.

Beobachter: Und jetzt?
Hodler:
Gegenfrage: Sind Sie sicher, dass trotz überfüllten Gefängnissen keine Missetäter mehr frei herumlaufen?

Beobachter: Nein, aber immerhin streute das IOK damals Asche auf sein Haupt und versprach Reformen.
Hodler:
Wie schon gesagt: Die 15 Mitglieder, denen man etwas nachweisen konnte, sind nicht mehr Mitglieder des IOK – und ihre Nachfolger sind korrekt.

Beobachter: Trotzdem noch einmal die Frage: Hat eine korrekte Kandidatur überhaupt Chancen?
Hodler:
Ich hoffe es. Nach unserer Charta ist es unethisch, wenn man aus finanziellen Gründen Entscheidungen trifft, die die Interessen der olympischen Bewegung tangieren. Jeder ist verpflichtet, für die beste Kandidatur zu stimmen.

Beobachter: Nach der Niederlage von Sion sprachen Sie von einem Mitleidsbonus, der bei der nächsten Ausmarchung spielen dürfte.
Hodler:
Den gibt es immer noch.

Beobachter: Wenn man die Berichterstattung über den IOK-Kongress in Moskau mit der Nichtwahl von Adolf Ogi verfolgte, hatte man jedoch den Eindruck, dass die Schweiz im IOK nicht besonders gut angeschrieben ist.
Hodler:
Wir sind in einer Sondersituation. Im IOK hat man Angst vor einer Übermacht der kleinen Schweiz – nicht zuletzt, weil wir neben fünf Mitgliedern auch noch den Generaldirektor, die Generalsekretärin und den Sportdirektor stellen. Offensichtlich wird der Einfluss als zu gross betrachtet. Das könnte sich aber nicht nur auf eine erneute Kandidatur von Herrn Ogi auswirken, sondern auch auf eine Schweizer Kandidatur für die Austragung der Spiele. Es ist möglich, dass man im IOK Hemmungen hat, uns noch mehr zu geben, solange wir so stark dominieren.

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Beobachter: Bis jetzt kann man nicht gerade von einer grossen Olympiabegeisterung in der Schweiz reden. Wie beurteilen Sie die Stimmung?
Hodler:
Wir haben bis jetzt zumindest keine organisierte Opposition.

Beobachter: Ist das nicht etwas wenig?
Hodler:
Andere Kandidaturstädte haben das.

Beobachter: Sie werden also am 5. September für eine Schweizer Olympiakandidatur plädieren?
Hodler:
Ich gehe selten mit einer vorgefassten Meinung an eine Sitzung. Ich muss hören, was die anderen sagen und was die beiden Kandidaturen auf Einwände zu antworten haben. Erst dann entscheide ich mich.