Beobachter: Frau Oswald, haben Sie schon mal das Recht in die eigene Hand genommen?
Margit Oswald: Sicherlich, aber wenn, dann nur im Bagatellbereich. So habe ich schon mal eigenmächtig einen Wegweiser umgestellt, der meines Erachtens falsch angebracht war.

Beobachter: Zeigen Sie Verständnis für Leute, die Bürgerwehren bilden, weil sie das Gefühl haben, die Polizei mache zu wenig?
Oswald: Ich kann das ein wenig nachvollziehen, würde das selber aber natürlich nie unterstützen.

Beobachter: Was für Personen sind das denn, die anfällig sind für Selbstjustiz?
Oswald: Autoritäre Persönlichkeiten sind besonders betroffen, das weiss man aus der Forschung. Ebenso Leute, die sich und die Gesellschaft als bedroht wahrnehmen, die das Gefühl haben, dass Ordnung, Normen und der gesellschaftliche Zusammenhalt in Gefahr sind. Solche Personen fordern oft härtere Strafen als die Justiz und neigen dazu, das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Auch Menschen mit einem überhöhten Selbstwertgefühl reagieren oft aggressiv und gewalttätig, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen.

Beobachter: Sind wir wieder im Wilden Westen angelangt, wo jeder macht, was er will? Ist die Demokratie bedroht?
Oswald: Wenn Selbstjustiz um sich greift, dann sicher. Ich würde die heutige Situation aber keineswegs dramatisieren. Es ist zwar ein Vertrauensschwund in die Institutionen zu verzeichnen, aber das demokratische System ist nicht ernsthaft in Gefahr.

Beobachter: Warum schwindet denn das Vertrauen in Justiz und Politik?
Oswald: Das ist schwierig zu sagen. Aber es bestehen verzerrte Vorstellungen über die akute Bedrohung. Angefangen bei der Auffassung von Kriminalität: Die medienträchtigen Straftaten machen in Wirklichkeit nur etwa zwei Prozent aller Verurteilungen aus. Es gibt nicht bloss Morde, Raubüberfälle oder Vergewaltigungen, auch wenn das in den Medien oft suggeriert wird. Nachweislich wird dadurch die Bedrohung massiv überschätzt.

Beobachter: Ist es so einfach? Die Medien sind schuld?
Oswald: Nein, natürlich nicht nur, aber auch. Die einseitige Opferorientierung kann zu gefährlichen Missverständnissen führen. So schrieb der «Blick» kürzlich: «Die Richter sind schlimmer als die Täter.» Solche Schlagzeilen sind sehr einseitig und tragen nicht zum Verständnis für das Rechtssystem bei. Oft fehlt die Hintergrundberichterstattung, wie es zur Bestrafung und zum gewählten Strafmass kam. Wenn das Gefühl um sich greift, dass nicht fair geurteilt wird, ist das ein grosses Problem. Die Menschen reagieren viel stärker auf mangelnde Fairness als auf das Versagen einzelner Politiker oder Richter.

Beobachter: Wer ist nun gefordert? Was muss dagegen unternommen werden?
Oswald: Umfragen zeigen, dass das Vertrauen der Bürger allgemein abgenommen hat. Aber die Wissenschaft weiss nicht genau, ob das Vertrauen nur in einzelne Persönlichkeiten oder in Institutionen als Ganzes schwindet. Sind nur einzelne Skandale schuld, oder ist das demokratische System an sich am Bröckeln? Ganz bestimmt ist deshalb die Forschung gefordert, hier Klarheit zu schaffen mit präzisen und differenzierteren Studien. Zugleich muss die Justiz ihre Urteile von sich aus transparenter gestalten. Sie muss immer wieder den Mut aufbringen, zu begründen, warum es falsch wäre, unberechtigt hart zu strafen. Demokratie heisst auch, die Rechte der Täter zu wahren.

Beobachter: Wissenschaft und Justiz sind also gefordert. Das ist alles?
Oswald: Nein, auch die Politiker und Repräsentanten der Wirtschaft sind gefragt. Es braucht moralisch integre Persönlichkeiten. Skandale um korrupte Politiker und vermeintliche Kavaliersdelikte im Bereich der Wirtschaft untergraben die allgemeine Moral viel stärker als angenommen.

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