Kaum war Cajo Dürrenberger auf der Welt, ging es um Leben oder Tod: Verunreinigtes Fruchtwasser hatte beim heute siebenjährigen Jungen aus Bubendorf BL zu einem schweren Lungenschaden geführt. Die Intensivmediziner verabreichten ihm sofort Stickstoffmonoxid. Das Gas öffnete seine Lungengefässe, senkte den Lungenhochdruck und verhinderte, dass Cajo erstickte.

Jährlich brauchen in der Schweiz zirka 150 Babys und Kleinkinder das lebensrettende Gas. Bisher konnten Spitäler Stickstoffmonoxid bei diversen Anbietern günstig einkaufen. Damit ist jetzt Schluss: Seit Ende 2003 liefert in der Schweiz nur noch ein Anbieter das Gas an Spitäler: der in Wiesbaden domizilierte deutsche Industriekonzern Linde. Ohne gross Aufmerksamkeit zu erregen, hat sich die 100-prozentige Linde-Tochter Ino Therapeutics weltweit das Patent auf das Gas gesichert – um es unter dem Namen Inomax als Medikament auf den Markt zu bringen.

Jetzt steht Inomax in der Schweiz kurz vor der Zulassung durch die Medikamentenkontrollstelle Swissmedic. Linde, ursprünglich Hersteller von Kühlmöbeln und Gabelstaplern, will mit dem Medikament Kasse machen. Im europäischen Markt erwartet der Konzern gemäss Jahresbericht 2002 Umsätze «im deutlich zweistelligen Millionenbereich».

Preiserhöhung um über 5000 Prozent
Erteilt Swissmedic Inomax die Zulassung, verteuert sich das Gas explosionsartig. Spitäler müssten künftig nicht mehr 100, sondern 5400 Franken pro Tag für Inomax hinblättern. Linde erzeugt den Preis mit einem simplen Trick: Die Firma stellt nicht wie üblich die Menge des verwendeten Gases in Rechnung, sondern die Zeitdauer, in der es verabreicht wird – rund 200 Franken pro Stunde. Die Behandlungskosten pro Baby steigen so im Schnitt von heute 700 auf 38000 Franken pro Woche.

Das ist zu viel für viele Spitäler, die ohnehin unter massivem Kostendruck stehen. Das Kinderspital Zürich rechnet allein wegen Inomax mit Mehrkosten von etwa einer Million Franken jährlich. Der Spardruck lastet vor allem auf den Ärzten, die entscheiden müssen, welches Baby wie lange Gas erhält. «Wir können in Zukunft nicht garantieren, jedes Baby ausreichend mit dem Gas behandeln zu können», sagt Jürg Hammer, leitender Intensivmediziner des Kinderspitals Basel. Sein Kollege Oskar Bänziger vom Kinderspital Zürich befürchtet, dass manche Babys «mit älteren Medikamenten vorlieb nehmen müssen». Diese sind laut Bänziger «deutlich weniger wirksam» und können zu einem «gefährlichen Blutdruckabfall» führen.

Das heisst, dass im schlimmsten Fall Säuglinge sterben, weil Ärzte sie nicht mehr mit ausreichend Stickstoffmonoxid versorgen können. «Diese Preistreiberei ist unverschämt und nicht gerechtfertigt», ärgert sich Intensivmediziner Jürg Hammer. Und er ist nicht allein. In einer nie dagewesenen Aktion baten die wichtigsten Intensivmediziner aus Spitälern in Basel, Luzern, Bern, Chur, St. Gallen, Lausanne und Zürich Bundesrat Pascal Couchepin um Hilfe. Sie seien in «grosser Sorge», schrieben die Ärzte dem Bundesrat. «Die massive und masslose Erhöhung der Therapiekosten wird die Preisspirale für die intensivmedizinische Betreuung kranker Kinder unverhältnismässig in die Höhe treiben.» Und weiter: «Wir möchten Sie und Ihre Aufsichtsbehörde bitten, die Zulassung von Inomax auch in Bezug auf die Preisgestaltung zu prüfen.»

Doch der Bundesrat lässt die besorgten Ärzte mit ihrem Problem allein. In einem Schreiben, das dem Beobachter vorliegt, erklärt Couchepin trocken: Das Zulassungsgesuch für Inomax «aus rein wirtschaftlichen Gründen abzulehnen» sei unzulässig. Auch das Bundesamt für Sozialversicherung könne «keinen Einfluss auf die Preisgestaltung» nehmen. Die Ärzte reagieren frustriert. «Wir hätten erwartet, dass Pascal Couchepin in einem solchen Fall Massnahmen ergreift. Schliesslich steigen die Ausgaben für Medikamente konstant», sagt Jürg Hammer. 2003 waren Medikamente mit 4,5 Milliarden Franken der grösste Ausgabenblock der Grundversicherung.

Auch bei den Kantonen tut sich wenig. «Uns sind die Hände gebunden – wir können nichts tun», sagt der Luzerner Gesundheitsdirektor Markus Dürr, der mit dem Kinderspital Luzern direkt betroffen ist. Er übt harsche Kritik: «Linde als Monopolist missbraucht den Patentschutz, um mit einem einfach herzustellenden Medikament abzukassieren.»

Vielleicht gehts auch ohne Inomax
Christian Krebs, der Direktor der Linde-Tochter Ino Therapeutics, weist diese Vorwürfe zurück. Er bedaure es, wenn der Preis Kliniken davon abhalte, Inomax anzuwenden. «Wir erzielen mit Inomax in Europa noch keine Gewinne. Deshalb trifft es nicht zu, dass Linde von dieser Therapie profitiert.» Die Entwicklung von Inomax zu einem Arzneimittel habe «beträchtliche Investitionen» erfordert. Überdies bestehe ein «attraktives Rabattstaffelmodell» und eine Kostenbegrenzung pro Patient auf 20000 Franken.

Laut Gesundheitsdirektor Markus Dürr bedarf es Inomax als Medizinalgas nicht einmal, um die Babys zu behandeln: «Industriegas würde ausreichen.» Dürr will abklären, ob nicht über die hiesige Industrie das Gas besorgt werden könne. Denn Stickstoffmonoxid ist nicht neu – es kommt als Abfallprodukt in den Abgasen von Autos und Ölheizungen vor.

Finanziert werden die patentgeschützten heilsamen Abgase letztlich durch die Steuerzahler. Denn die Pauschalen, die Krankenkassen den Spitälern für Behandlungen zahlen, sind bei weitem nicht kostendeckend. Beispiel Kinderspital Zürich: Das Spital bekommt für Pflege, Medikamente und Therapie pro Kind und Tag 770 Franken. Inomax allein würde täglich 5400 Franken kosten. Den Rest – 4630 Franken – bezahlt der Kanton oder eben: die Allgemeinheit.

Quelle: Ursula Markus