Beobachter: Schweizer Pharmafirmen haben wie andere westliche Konzerne bis Anfang der neunziger Jahre in der DDR ausgiebig Medikamente getestet. Waren die wissenschaftlichen Standards in der DDR tiefer?
Volker Hess: Nein, im Gegenteil, die gesetzlichen Vorgaben waren sogar noch strikter als im Westen. Die DDR hatte lange vor der BRD ein Arzneimittelgesetz. Es gab auch schon früh Vorschriften für die Durchführung von klinischen Versuchen der Phasen II und III.

Beobachter: Was motivierte die Industrie denn dazu, in den Osten zu gehen?
Hess: In der DDR dürften die Voraussetzungen für Arzneimittelversuche hinsichtlich einer Zulassung ideal gewesen sein. Ein auto­ritäres Staatsregime hat diese Versuche ­gewissermassen selber angeordnet, durch­geführt und auch gleich kontrolliert.

Beobachter: Die Pharmaindustrie profitierte also vom autoritären System. So waren immer genügend Probanden vorhanden.
Hess: Ja, zumindest vermuten wir, dass die Firmen die repressiven Strukturen und die verstaatlichten Krankenhäuser und Kliniken genutzt haben, um reibungsfrei Ver­suche durchführen zu lassen. Die Pharmafirmen mussten keine Klinik fragen, ob sie bei einem Versuch mitmachen möchte. Die Versuche wurden angeordnet. Der Chefarzt erhielt den Auftrag von der Ministerialverwaltung.

Beobachter: Warum hat man diese Versuche nicht in der Bundesrepublik oder der Schweiz durchgeführt?
Hess: Wahrscheinlich waren sie so etwas billiger als im Westen. Wichtiger dürfte aber gewesen sein, dass der Staatsapparat die Einhaltung der Versuchsprotokolle garantierte. Nicht unwesentlich dürfte ausserdem die Erwartungshaltung der Patienten an die Segnungen des Westens gewesen sein.

Beobachter: Trotzdem: Weshalb ausgerechnet die DDR?
Hess: Es gab ein einleuchtendes Argument, neue Medikamente in Ostdeutschland zu testen: Die Bevölkerung im Westen ist zunehmend alt, multimorbid und übermedikamentiert. Das heisst, es war leichter, in der DDR Pa­tienten zu finden, die weniger Arzneimittel zu sich nehmen und im Durchschnitt erst noch jünger und gesünder sind. Deshalb wurden solche Medikamentenversuche auch in anderen Ländern des früheren Ostblocks durchgeführt, etwa in Tsche­chien, Rumänien und Bulgarien.

Beobachter: Haben die Kliniken wenigstens finanziell profitiert?
Hess: Das war erst Ende der achtziger Jahre der Fall. Früher erhielten die Kliniken kein Geld, das behielten die staatlichen Stellen ein. Aber die Teilnahme war für die Kliniken mit Vorteilen verbunden. Die beteiligten Ärzte wurden beispielsweise ins Reisekader aufgenommen, sie erhielten aus dem Westen Material, medizinische Geräte oder zusätzliche personelle Ressourcen. Das waren wichtige Vorteile.

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Beobachter: Gab es in der DDR nie Widerstand gegen die klinischen Versuche von Westfirmen?
Hess: Doch, aus der Staatssicherheit gab es Bedenken, ob man wirklich solche Arzneimittelversuche durchführen sollte. Ihrer Meinung nach war das nicht mit der sozialistischen Idee vereinbar. Die klinischen Versuche für Westfirmen waren ein dynamischer Prozess. Dieser fing in den frühen siebziger Jahren an, und als die DDR Mitte der achtziger Jahre ans finanzielle Ende kam, wurden sie als Geschäft richtiggehend kommerzialisiert.

Beobachter: Die Pharmafirmen hatten ihrerseits meist keinen Zugang zu den Kliniken. War das kein Nachteil für die Versuche?
Hess: Ich glaube nicht, der Staat garantierte ja für die Durchführung. Das lässt sich durchaus vergleichen mit der Rolle der heutigen sogenannten Contract-Research-Firmen, die im Auftrag der Pharmafirmen die Arzneimittelversuche durchführen.

Beobachter: Aus den Akten geht hervor, dass der Arzt lediglich ankreuzen musste, den Patienten über den Versuch aufgeklärt zu haben.
Hess: Das werden wir mit unserem Forschungsprojekt prüfen. Ich gehe davon aus, dass es mit der Einwilligung nicht immer geklappt hat. Das ist aber wahrscheinlich nicht ein systematisches Problem, sondern das war auch in westlichen Ländern so. Vermutlich wurde oft nur mündlich aufgeklärt und dies in den Protokollen einfach vermerkt.

Beobachter: Wie hoch schätzen Sie die Anzahl Versuche und die Zahl der betroffenen Patienten?
Hess: Eine Zahl kann ich nicht nennen, das wäre Spekulation. Insgesamt waren es, über die zwei Jahrzehnte gesehen, doch erschreckend viele.

Beobachter: Eine Zusammenstellung der DDR-Behörde nennt 3000 Betroffene zwischen 1983 und 1988.
Hess: Für den Zeitraum von Ende der sechziger Jahre bis 1990 gehen wir zurzeit von rund 600 Versuchen aus. Damit ist die Zahl von 3000 Betroffenen sicher zu tief gegriffen.

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