Dem Ärztebesucher Michael Müller (Name geändert) ist fast jedes Mittel recht: Müller, gestreiftes Hemd, Krawatte, schicker Veston, trägt ausser dem Duft von Alain Delon stets sein charmantestes Lächeln. «Wenn eine Ärztin Geburtstag hat, bringe ich ihr einen Blumenstrauss mit», erzählt der 38-Jährige und bleckt dazu die Zähne. Aus seinem Ziel macht er kein Geheimnis: Möglichst viele Ärzte sollen jene Medikamente verschreiben, die seine Firma herstellt.

Wenn aber Ärzte ein neues Mittel zu schnell in ihr Repertoire aufnehmen, kann das verheerend enden. Dies zeigt der Skandal um das Rheumamittel Vioxx, das viele Ärzte innert kürzester Zeit nach der Zulassung verschrieben – bis Studien die tödlichen Nebenwirkungen aufzeigten. Vioxx war von Pharmavertretern massiv gepusht worden.

Die Pharmaindustrie lässt sich die Arbeit der Ärztebesucher enorme Summen kosten. Allein bei Novartis flossen letztes Jahr über neun Milliarden Franken in Marketing und Vertrieb, bei einem Gesamtumsatz von 31 Milliarden Franken. Das heisst: Fast 30 Prozent der Umsätze gehen bei Novartis in die Verkaufsförderung. Die Forschung muss sich mit viereinhalb Milliarden Franken begnügen.

«Marktschreierisch»
Pharmafirmen verkaufen jede auch noch so kleine Neuerung als medizinischen Durchbruch. «Marktschreierisch» sei ihr Auftritt, sagt Apotheker Enea Martinelli vom Spital Interlaken. Dabei nehmen es die Pharmafirmen und ihre Vertreter mit den Tatsachen nicht immer so genau. Dies zeigt eine Studie, die die deutsche Fachzeitschrift «Arznei-Telegramm» letztes Jahr in Auftrag gegeben hat. Zwei Experten nahmen unabhängig voneinander 175 Werbeprospekte unter die Lupe, die Pharmareferenten in 54 deutschen Arztpraxen abgegeben hatten. Das Resultat:

  • 27 der 175 Prospekte führten kein einziges wissenschaftliches Zitat an, das die Angaben in den Prospekten belegen würde.
  • 38 der 175 Broschüren enthielten zwar Quellenangaben, doch liessen sich die Originalpublikationen dazu nicht finden.
  • Das heisst: Bei 37 Prozent der Informationsschriften fehlte jegliche überprüfbare Quellenangabe.


Dieses Problem sei auch in der Schweiz bekannt, sagt Rainer Brönnimann von der Arzneimittel-Kontrollstelle Swissmedic. Eine vergleichbare Untersuchung sei ihm aber nicht bekannt. «Es kann in Einzelfällen vorkommen, dass in Prospekten Studien falsch zitiert werden oder Grafiken irreführend sind, meist zugunsten des Medikaments.» Die Wissenschaftler des «Arznei-Telegramms» sind in ihrem Urteil härter: «Die Ärztebesucher betreiben Desinformation. Viele ihrer Informationen lassen sich nicht überprüfen.» Deshalb sei «die Zeit der Ärztebesucher abgelaufen», die Besuche seien einzuschränken oder gar zu unterbinden.

«Gefühl, ein schlechter Arzt zu sein»
Man könne tatsächlich «ohne Schaden» auf sie verzichten, sagt auch Professor Oswald Oelz vom Zürcher Triemlispital. «Ich empfange längst keine Pharmavertreter mehr. Sie machen Propaganda und verstehen häufig nicht, was sie erzählen.» Werbeprospekte landen bei Oelz «direkt im Papierkorb».

Doch viele seiner Ärztekollegen lassen sich von den hochtrabenden Werbesprüchen der Pharmareferenten blenden. Eine Studie, die das Fachblatt «British Medical Journal» letztes Jahr veröffentlichte, zeigt: Die Informationen der Pharmaindustrie sind für Ärzte der mit Abstand wichtigste Grund, ein neues Medikament zu verschreiben. «Ich war früher leichtgläubiger und empfänglicher für die Botschaften der Pharmaindustrie», sagt die Hausärztin Daniela Steiger aus Zürich selbstkritisch. Seit Anfang Jahr lasse sie aber keinen Ärztevertreter mehr herein. «Jeder sagt, das Medikament seiner Firma sei das beste. Für mich ist das Zeitverschwendung.»

Auch der Winterthurer Hausarzt Christoph Bovet räumt ein, der Pharmaindustrie jahrelang auf den Leim gegangen zu sein. «Ich gebe offen zu, dass ich mich von den Hochglanzprospekten beeindrucken liess. Ich hatte das Gefühl, ein schlechter Arzt zu sein, wenn ich nicht das neuste Medikament verschreibe.»

Fragwürdige Prozentzahlen
Doch Bovets und Steigers Einstellung hat sich gewandelt. Bovet hat in einem Kurs des Winterthurer Instituts für Gesundheitsökonomie gelernt, die vollmundigen Versprechungen der Pharmaindustrie zu hinterfragen. Evidence-Based Medicine (EBM) heisst das Fach, in dem er sich ausbilden liess. Mit der EBM-Methode lässt sich der direkte Nutzen messen, den eine Massnahme für den Patienten hat. Dies sei wichtig, denn laut dem Arzt und EBM-Kursleiter Luzi Dubs muss man davon ausgehen, dass heute «30 bis 40 Prozent der Behandlungen ohne Qualitätseinbusse für die Patienten weggelassen werden könnten». «Manche Ärzte greifen noch immer zu schnell zu Medikamenten.»

Dubs empfängt bereits sei 16 Jahren keine Pharmavertreter mehr. Deren Methoden, bei Ärzten mit farbigen Grafiken Eindruck zu schinden, hat er längst entlarvt. Häufig betreiben die Pharmafirmen mit ihren Prozentangaben pure Augenwischerei. Er nennt ein reales Beispiel aus dem Alltag: Ärztevertreter Harry Knüsel (Name geändert) präsentiert dem Arzt neuste Studienergebnisse und frohlockt: Das neue Osteoporose-Medikament senke das Risiko, den Schenkelhals zu brechen, um 33 Prozent. «Das stimmt zwar durchaus», kommentiert Dubs und fügt an, «relativ gesehen.» Denn in absoluten Zahlen ausgedrückt bedeute dies, dass die Frakturrate bloss von sechs auf vier Prozent sinke – statt sechs haben vier von 100 eine Fraktur. Mit anderen Worten: 50 Frauen müssen während zehn Jahren das Medikament schlucken, um damit eine einzige Fraktur bei einer Frau zu vermeiden. Kostenpunkt: eine halbe Million Franken. Für EBM-Spezialist Dubs ist eine Behandlung mit diesem Medikament «fragwürdig».

«Es wird bewusst mit Prozentzahlen gearbeitet, die grossartig tönen, es aber nicht sind. Pharmavertreter versuchen so, die Ärzte in ihrem Verschreibungsverhalten zu beeinflussen», sagt Susanne Begliner (Name geändert), ehemalige Mitarbeiterin der Marketingabteilung eines Pharmakonzerns. Begliner hat jedoch wenig Mitleid mit den leichtgläubigen Ärzten: «Ein Arzt sollte durch seine Aus- und Weiterbildung über genügend Wissen verfügen, um diese Taktik zu durchschauen.»

Doch viele sind zu bequem oder zu beschäftigt, um sich eingehend mit der Materie zu befassen, sagen Ärzte hinter vorgehaltener Hand. Dabei wäre es bitter nötig, dass sich Ärzte unabhängige Informationen beschaffen. Denn die Analyse von Gesprächen mit Pharmavertretern ist erschütternd: Laut «Arznei-Telegramm» ist jede neunte Aussage eines Pharmavertreters schlichtweg falsch.