Ein Arzt sei erst zufrieden, wenn er schon vor dem Frühstück mindestens drei Blinddärme herausgeholt hat. So lautet die gängige Kritik: Ärzte führten zu viele unnötige Operationen durch. Allerdings: Es kommt auch vor, dass Mediziner Eingriffe verweigern.

Es begann scheinbar harmlos mit roten Flecken am Körper. «Ich dachte zuerst, es handle sich um einen ganz gewöhnlichen Ausschlag», sagt Torsten Dubyk aus Kreuzlingen TG. Dass er sich seit längerer Zeit schlapp fühlte, schrieb er dem Stress der letzten Monate zu. Er arbeitete als technischer Redaktor bei einer Maschinenbaufirma und absolvierte ein anstrengendes Zusatzstudium in Zürich. Doch als die Flecken nicht verschwanden und kleinere Blutungen im Rachen hinzukamen, liess sich Dubyk genauer untersuchen. Die Diagnose: Blutkrebs.

Es folgten Chemotherapie, Bestrahlung, Rückfall. Für die Ärzte war klar, dass es nur noch einen rettenden Weg gab: eine Knochenmarktransplantation. Bald wurde ein Spender gefunden, der Eingriff auf Mitte August 2005 im Universitätsspital Zürich festgelegt. Eine Woche vor dem Eingriff erlitt Dubyk einen erneuten Rückfall – nun auch im Zentralnervensystem.

Aus diesem Grund sagte der leitende Arzt Urs Schanz die Transplantation ab: hoffnungslos. «Aufgrund dieser Diagnose lehnten wir nach einem interdisziplinären Fachaustausch eine Knochenmarktransplantation ab», sagt er. «Der Entscheid basierte auf unserem medizinischen Wissen sowie auf Richtlinien des Schweizer Registers für Knochenmarkspende. Es wurde alles unternommen, was gemäss den Regeln der Medizin sinnvollerweise unternommen werden musste», erklärt Schanz dem Beobachter.

Dubyk sagt: «Das war mein Todesurteil.» Er gab sich nicht geschlagen und suchte ein anderes Spital, das ihn behandeln würde. Er fand es im nahen Deutschland. Ärzte der Universitätsklinik Freiburg beurteilten die Heilungschancen anders als ihre Kollegen in der Schweiz und führten die Transplantation im September durch. 30 Tage später die erste Kontrolle: «komplette Remission», also symptomfrei – zumindest vorläufig. Nach fünf Wochen Spitalaufenthalt wurde Dubyk zur Rehabilitation entlassen. Im Austrittsbefund der Reha-Klinik von Mitte November heisst es: «Derzeit besteht kein Anhalt für eine erneute Aktivität der Leukämie.» Dubyk erholte sich so gut, «dass bei anhaltender Remission eine berufliche Wiedereingliederung ab etwa Frühjahr 2006 denkbar ist».

Die Krankenkasse will nicht zahlen
Wie ist das möglich? Die Ärzte in Zürich geben einen Patienten auf, und einige Monate später erwägen deutsche Berufskollegen eine Rückkehr des Betroffenen in seinen Job? Man darf zugunsten von Urs Schanz annehmen, dass er nicht leichtfertig entschieden hat. Trotzdem: Warum hat er den Versuch nicht gewagt? Torsten Dubyk ist 35 Jahre alt. Müsste ein Arzt bei einem so jungen Patienten nicht alles medizinisch Mögliche versuchen, auch wenn die Prognose äusserst ungünstig ist? Schanz verteidigt seinen Entscheid im Nachhinein: «Wir empfinden es als unsere Pflicht, dort Leben zu retten, wo Aussicht auf Heilung besteht. Wir sehen es aber auch als unsere Pflicht, den Patienten dort keine falsche Hoffnung zu machen, wo kaum oder keine Aussicht auf Heilung besteht.» Dubyk, so Schanz, sei auch nach erfolgter Transplantation «keineswegs» geheilt, «weil ein äusserst grosses Rückfallrisiko bezüglich der Leukämie besteht».

Die pessimistische Prognose des Zürcher Arztes hatte weitere negative Folgen. Die Krankenkasse ÖKK wollte Dubyks Spitalrechnung in Höhe von rund 180’000 Franken nicht bezahlen. Grund: Die Kassen müssen nur notfallmässige Behandlungen im Ausland aus der Grundversicherung bezahlen. Dem Krankenversicherer lag ausserdem eine Begründung von Schanz vor, wieso die Operation abgelehnt worden war: weil die Resultate bei Transplantationen mit zweitem Rückfall «sehr schlecht sind» und «kaum Langzeitheilungen» zu erwarten seien. «Wir bedauern, Ihnen keinen besseren Bescheid geben zu können», schrieb die ÖKK. Doch die Zuständigen rechneten nicht mit Dubyks Lebensmut und Zähigkeit: Er wehrte sich abermals – nun nicht gegen den Krebs, sondern gegen die Krankenkasse. Und er schaltete den Beobachter ein.

«Die Zeiten sind vorbei»
Jürgen Finke, leitender Oberarzt der Uniklink Freiburg, beurteilte den medizinischen Nutzen einer Transplantation «diametral» anders als sein Kollege Schanz in Zürich, wie es in einem Brief des ÖKK-Vertrauensarztes heisst. Dieser war verunsichert und bat daher Alois Gratwohl, Chefarzt Hämatologie am Universitätsspital Basel, um eine Drittmeinung. Gratwohls Urteil fiel diplomatisch unverbindlich aus: Schanz habe Recht, was die «sehr ungünstige Prognose» betreffe. Und Finke habe Recht, «dass die wenigen Patienten, die in einer solchen Situation langfristig leukämiefrei überleben», dies nur mit einer vorgängigen Transplantation geschafft hätten. Das reichte offenbar, um die ÖKK-Verantwortlichen umzustimmen: Sie bezahlten Dubyk die Behandlungskosten in Deutschland – «ausnahmsweise».

Die Frage bleibt: Darf ein Arzt eine Operation verweigern, auch wenn dem Patienten vielleicht nur ein paar zusätzliche Lebensmonate bleiben? «Es gehört zum Alltag, dass wir Ärzte von Transplantationen abraten müssen. Wir fällen Entscheide aufgrund von Wahrscheinlichkeiten», antwortet Chefarzt Gratwohl. «Ein Patient kann eine sehr schlechte Prognose haben, aber mit Hilfe einer Transplantation vielleicht noch fünf Monate leben. Soll man ihm die Transplantation verweigern? In diesem Dilemma stecken wir Ärzte ständig», fügt er an. «Die Zeiten, in denen Ärzte alles medizinisch Mögliche getan haben, sind längst vorbei.»

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