Der Beobachter deckte in der letzten Ausgabe schwerwiegende Missstände in der Basler Zahnklinik am Aeschenplatz sowie in der Aarauer Dentalhygiene- und Zahnärztegemeinschaft auf (siehe Artikel zum Thema «Medizin: Bei diesem Zahnarzt ist was faul»). Jetzt zeigt sich: Insbesondere die verantwortlichen Behörden des Kantons Aargau hatten längst klare Hinweise, dass Patienten gesetzwidrig behandelt und Risiken ausgesetzt werden.

Dorina Jerosch, Juristin beim Aargauer Departement Gesundheit und Soziales, wurde von ehemaligen Angestellten der Praxis mehrmals über die Missstände informiert. «Ich habe sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass manipulierte Rechnungen verschickt werden und dass Patienten mit stumpfen Bohrern, brüchigen Instrumenten und von ungeschultem Personal behandelt werden», sagt die ehemalige Angestellte Lisa Anderegg (Name geändert).

Doch die Behörden schritten nicht einmal ein, als sie den genauen Zeitpunkt erfuhren, an dem ungeschultes Personal an Patienten hantiert. Jerosch hält entgegen, es brauche einen geschädigten Patienten, der ein strafrechtliches Verfahren gegen einen Zahnarzt einleitet. «Wenn ein Urteil vorliegt, prüfen wir die Einleitung aufsichtsrechtlicher Massnahmen.»

Zahnarzt vor der Kontrolle gewarnt
Mit anderen Worten: Obwohl die Gesundheitspolizei gesetzlich die Möglichkeit hätte, die Praxis zu inspizieren, unternimmt sie nichts. «Anonymen Hinweisen und kurzfristigen telefonischen Aufforderungen ohne Konkretisierung gehen wir grundsätzlich nicht nach», so Jerosch. Eine der Angestellten versichert jedoch, sie habe Jerosch sehr wohl ihren Namen angegeben. «Ich wäre bei den Behörden vorbeigegangen, wenn sie dies gewollt hätten. Doch sie waren nicht interessiert.»

Im Kanton Zürich würde es in einem solchen Fall «eine rasche Intervention» geben, sagt Ursula Wirtz von der Rechtsabteilung der Zürcher Gesundheitsdirektion. «Wenn mehrere Quellen einen Missstand anprangern, ist der Verdacht erhärtet.» Die betreffende Praxis würde zur Sicherheit der Patienten genaustens inspiziert, und die Fähigkeitszeugnisse der Angestellten würden genaustens überprüft.

Das aargauische Gesundheitsdepartement nimmt es da nicht so genau. Vor einem Jahr statteten Jerosch und Kantonszahnarzt Walter Zgraggen der Praxis in Aarau einen Besuch ab. Die beiden verschwanden mit Geschäftsführer Daniel Marschall und zwei Zahnärzten in einem Zimmer. «Nach kaum zehn Minuten kamen sie wieder raus», bestätigen mehrere Zeugen. Was der Besuch sollte, will Jerosch nicht sagen - «das ist Amtsgeheimnis».

Fest steht: Die beiden Behördenvertreter überprüften weder Instrumente noch Fähigkeitsdiplome der Angestellten. Das hätte nicht einmal viel gebracht, denn Marschall war vorgewarnt: Jerosch und Zgraggen hatten ihren Besuch rund zehn Tage zuvor offiziell per Fax angekündigt - was in der Praxis sofort hektisches Treiben auslöste. «Wir mussten während Tagen verschmutzte Instrumente mit Desinfektionsmittel waschen sowie stumpfe Bohrer und Messer entsorgen», sagen Angestellte.

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«Wir können nicht intervenieren»
Die Aargauer Verantwortlichen sehen das eigentliche Problem ganz woanders: «Wir haben den Eindruck, dass viele Informationen, die wir erhalten, von zwischenmenschlichen Problemen geprägt sind.» Derweil betätigt sich die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) als vornehme Zuschauerin. «Wir wissen schon lange von den Missständen, aber wir können gegen die Praxis nicht intervenieren, weil Marschall bei uns nicht Mitglied ist», sagt SSO-Jurist Alexander Weber.

Und was unternimmt die Basler Gesundheitsbehörde? Sie will bloss «eine Lagebeurteilung machen und die Fakten ordnen», wie Departementssekretär Philipp Waibel sagt. «Eine sofortige Inspektion der Aeschenplatz-Zahnklinik führen wir nicht durch.» Wie sagte ein ehemals bei Marschall angestellter Zahnarzt: «Solche Zustände hätte ich in der Schweiz nicht für möglich gehalten.»

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